Stuttgart - Tel Aviv Skyline, Strand
Unsere Redakteurin Lisa Welzhofer lebt
und arbeitet derzeit in Tel Aviv und erzählt Geschichten aus Israels Alltag.
 

Verstehen lernen – oder „Schalom, ich heiße Lisa. Ich spreche nur wenig Hebräisch.“

Lisa Welzhofer, 29.11.2012 16:10 Uhr
Wie ein Kind, das noch nicht lesen und sprechen kann, stehe ich im Supermarkt vor den Regalen. Ist das nun Milch oder Buttermilch?

Tel Aviv - Es ist nicht ganz einfach, Israel zu verstehen. Tel Aviv zum Beispiel wirkt zwar auf den ersten Blick wie eine sehr europäische Großstadt. Grün, jung, extrovertiert - ein bisschen wie Berlin, nur kleiner. Vieles scheint vertraut: Zum Beispiel die jungen Frauen, die Hängekleidchen und Leggins tragen, große Sonnenbrillen und den Dutt oben auf dem Kopf. Die (Milch)schaumschläger, die mit Macbook im Café arbeiten – oder so tun als ob. Die Leihfahrräder, die es hier an vielen Ecken gibt. Läden wie Zara, Mc Donalds und Subway und kleine Boutiquen, die Mode im Stil der 60er Jahre verkaufen. Und auch die Bauhausarchitektur ist mir von der Stuttgarter Weißenhofsiedlung ziemlich vertraut.

Lisa Welzhofer lernt Hebräisch - und schickt ein erstes Sprachvideo

Erst auf den zweiten Blick habe ich gemerkt, dass hier doch vieles fremd ist: Zum Beispiel die jungen Soldaten und Soldatinnen mit Maschinengewehren, die hier so alltäglich sind wie freies Wifi an jeder Ecke; die Kichererbsenpaste Humus im Kuchen, kein Nebel im November und dass hier die Politiker fast jeden Tag eine neue Partei gründen; das ständige Hupen, Mitbewohner, die als Reservisten eingezogen werden, und dass jeder jeden nur mit dem Vornamen anspricht; die wunderbare Zitronenlimonade mit Minze für nur 50 Cent auf dem Markt, Sicherheitskontrollen an Einkaufszentren und die Kakerlaken, die im feucht-heißen Klima prächtig wachsen; Hochzeiten mit 500 Gästen, das Rufen des Muezzin in Jaffa und dass das Meer irgendwann nichts Besonderes mehr ist, wenn man es jeden Tag vor der Nase hat.

Das Fremdeste überhaupt aber ist die Sprache, die noch dazu ihre eigenen Buchstaben mitbringt. Wie ein Kind, das noch nicht lesen und sprechen kann, stehe ich im Supermarkt vor den Regalen. Ist das nun Shampoo oder Duschgel? Gemahlener Kaffee oder Kaffee in ganzen Bohnen? Ziegen- oder Schafskäse? Glücklicherweise gibt es noch den Tastsinn und die netten kleinen Bilder auf den Verpackungen. Dennoch habe ich es kürzlich geschafft, Buttermilch statt normaler Milch mit nach Hause zu bringen.

Seit einer Woche gehe ich deshalb zur Sprachschule. „Ulpanim“ heißen diese Einrichtungen hier, es gibt dutzende staatlich anerkannte, die darauf ausgerichtet sind, Menschen, die in Israel leben wollen, möglichst schnell möglichst viel beizubringen. Israel ist ein Einwanderungsland. Allein rund eine Million Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion hat das kleine Land in den vergangenen 20 Jahren aufgenommen. Laut Einwanderungsministerium machten in jüngster Zeit jährlich mehr als 9000 Juden aus der ganzen Welt „Aliyah“, wurden also israelische Staatsbürger. Die Sprachkurse sind keine Pflicht, werden aber vom Ministerium empfohlen.

Meine Sprachschule liegt direkt an der Strandpromenade – das ist schon mal ein sehr guter Anfang. Eigentlich wollte ich nur zwei Mal die Woche Unterricht nehmen, aber in der Schule hat man mich überzeugt, dass das System dann nicht funktioniert. Viele belegen die täglichen Intensivkurse, aber dazu habe ich keine Zeit. Also sitze ich jetzt einen Monat lang, drei Vormittage die Woche, jeweils 2,5 Stunden mit meiner Lehrerin Moria in einem kleinen Raum. Nur sie und ich und die 22 lustigen Buchstaben, die am Anfang alle gleich aussehen. Striche, geschwungene Striche, Striche mit Häkchen und Auswüchsen, Kringel, Vierecke, Vierecke mit Häkchen. Nur ein Zeichen sieht aus wie ein W, aber das ist natürlich kein W, sondern kann wahlweise ein Sch- oder ein S-Laut sein. Und vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass es Unterschiede in Druck- und Schreibschrift gibt und die Buchstaben unterschiedlich aussehen, je nachdem, ob sie in der Mitte oder am Ende eines Wortes stehen. Außerdem gibt es zum Beispiel verschiedene K-, Ch-, V- und T-Laute. Ach ja, Vokale gibt es keine, die muss man sich dazu denken...

Moria will mir Lesen und Schreiben beibringen, vor allem aber soll ich möglichst schnell zu sprechen anfangen. Also lerne ich bislang kaum Grammatik, sondern vor allem Vokabeln und einzelne Sätze nach Themengebieten. Am Anfang stehen natürlich die Fragen nach Namen, Alter, Adresse, Herkunftsland. Und wenn doch mal einer nicht merken sollte, dass ich nur sehr wenig Hebräisch spreche, kann ich ihm das jetzt auch sagen. Außerdem kann ich nach einem Klo fragen, und danach, wo sich der Fahrer meines Busses gerade aufhält. Und ich kann der Bedienung im Restaurant mitteilen, dass ich gern Schokolade und Omelette esse und das auch bestellen möchte. Dazu Wasser und Wein. Ich werde also nicht verhungern und verdursten. Zum Abschluss könnte ich die fremde Frau hinter der Kasse noch fragen, ob sie meine Freundin ist.

Unter den ersten hebräischen Wörtern waren außerdem jene für Soldat/Soldatin und Armee, so dass ich die vielen jungen Menschen in ihren olivgrünen Uniformen und mit den Maschinengewehren demnächst problemlos in ein Gespräch verwickeln kann. Zum Beispiel darüber, ob es in der Armee regelmäßig Omelette gibt – oder wie ihr Kommandant heißt.

Das System ist äußerst effektiv: Während der 2,5 Stunden übe und spreche ich abwechselnd jeweils eine halbe Stunde mit Moria und für mich allein. So geht es ziemlich schnell voran. Dazu kommen Hausaufgaben zu Hause und alles, was in meinem Lehrbuch steht, gibt es nochmal zum Anhören auf der Internetplattform der Schule. Außerdem soll ich mir jeden Tag mehrmals vorsagen, dass ich es liebe, Hebräisch zu lernen, es einfach und schnell lerne und verstehe - und bald schon perfekt sprechen werde. Moria ist wirklich toll. Sie lobt mich oft mit „Sababa!“ (großartig) und „Metsuyan!“ (hervorragend) – und sagt mir regelmäßig, dass ich schnell und gut voran komme. So mancher Manager könnte sich von ihr was abgucken. Und ich bilde mir ein, dass zumindest die Aussprache für eine Schwäbin relativ einfach ist, weil es viele kehlige Ch-Laute gibt und oft Sch statt S benutzt wird.

Allerdings muss ich sagen, dass außer Moria niemand in Tel Aviv bislang meine Lernversuche richtig unterstützt. Wann immer ich nämlich meine Pita mit Schawarma auf Ivrit (Hebräisch) bestelle, sprechen alle sofort Englisch mit mir – auch wenn sie noch gar nicht wissen, dass ich nur ein bisschen Hebräisch spreche!

Kleine Erfolgserlebnisse gibt es dennoch: Kürzlich fragte mich ein Mädchen an der Bushaltestelle, ob sie für mich Platz auf der Bank machen soll. Ich sagte „Lo, toda“ (Nein, danke) – und sie sprach tatsächlich weiterhin in ihrer Sprache mit mir „Ani medaberet ktzat ivrit.“ Ich kann nur wenig Hebräisch“, sagte ich zu ihr und war ziemlich stolz.

Und tatsächlich kann ich mittlerweile auch Wörter auf Verpackungen lesen (vorausgesetzt, ich kenne die Wörter und weiß, welche Vokale ich mir dazu denken muss). Das mit der Buttermilch ist mir auf jeden Fall nicht mehr passiert. Vielleicht verstehe ich Israel jetzt schon ein bisschen besser.

Das sage ich im Video auf Hebräisch:

Hallo.
Ich heiße Lisa.
Ich bin 34 Jahre alt.
Ich komme aus Stuttgart.
Ich wohne gerade in Tel Aviv.
Ich liebe Pita und Schawarma und Falafel – und Schokolade.
Ich spreche ein bisschen Hebräisch.
Tschüss.

 StN-Redakteurin Lisa Welzhofer lebt und arbeitet zwei Monate lang in Tel Aviv und berichtet für unsere Zeitung von dort. Sie ist Stipendiatin des „Ernst-Cramer & Teddy Kollek-Fellowship“, das deutschen Journalisten einen Aufenthalt im Nahen Osten ermöglicht.

 
 
Kommentare (2)
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Sven Ist schon länger als 1 Jahr her
noch wichtiger aber: ani ohev ati = ich liebe dich
Antworten
Uli Ist schon länger als 1 Jahr her
Schon was gelernt: Ani heißt wohl ich...
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