Versetzungsgefährdete Gymnasiasten „Sitzenbleiben nicht zu ernst nehmen“

Von Jan Sellner 

Versetzungsgefahr bereits in Klasse fünf? Die Gymnasiallehrer schlagen Alarm. Foto: Fotolia
Versetzungsgefahr bereits in Klasse fünf? Die Gymnasiallehrer schlagen Alarm. Foto: Fotolia

Folgt im Juli das böse Erwachen? Der Chef des Philologenverbandes, Bernd Saur, befürchtet, dass in diesem Schuljahr bis zu zehn Prozent der Fünfklässler an den Gymnasien nicht versetzt werden. Die Aufregung ist groß.

Stuttgart - Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat die Behauptung des Vertreters der Gymnasiallehrer in Zweifel gezogen, wonach zehn Prozent der Fünftklässler an Gymnasien versetzungsgefährdet sind. „Die Zahl würde mich hochgradig erstaunen“, sagte er bei der Regierungspressekonferenz am Dienstag, ohne seinerseits konkrete Zahlen nennen zu können.

Der Ministerpräsident und frühere Lehrer nannte Sitzenbleiben „nicht die intelligenteste Form“ der Förderung von leistungsschwachen Schülern. Den Betroffenen würde er „raten, das nicht zu ernst zu nehmen“. Kretschmann, der als Schüler selbst eine Klasse wiederholen musste, fügte ironisch hinzu: „In meinem Jahrgang waren es sogar 50 Prozent, die sitzengeblieben sind, und ich habe mit meinem eigenen Sitzenbleiben zu dem hohen Durchschnitt beigetragen.“ Insofern wären die vom Philologenverband beklagten zehn Prozent eine „dramatische Verbesserung“.

Bernd Saur, als Vorsitzender des Philologenverbandes gewissermaßen der oberste Gymnasiallehrer des Landes, vergleicht die Schulleistungen der jetzigen Fünfklässler dagegen mit denen ihrer unmittelbaren Vorgänger und stellt fest: In den vergangenen drei Schuljahren seien jeweils weniger als 0,5 Prozent der Schüler sitzengeblieben. Dieses Jahr täten sich hingegen bis zu zehn Prozent der Kinder mit dem Weiterkommen schwer. Das entspreche der Zahl der Schülerinnen und Schüler, die trotz Realschulempfehlung eines der rund 380 staatlichen Gymnasien im Land besuchten. Eine Folge des Wegfalls der verbindlichen Grundschulempfehlung.

Hausaufgabenbetreuung soll nicht komplett abgeschafft werden

Das Kultusministerium nannte die Behauptung des Philologenverbands nicht nachvollziehbar. „Es ist einfach unpädagogisch, bereits zum jetzigen frühen Zeitpunkt zehn Prozent der Kinder als versetzungsgefährdet abzustempeln“, sagte Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Ihm lägen bisher kaum negative Rückmeldungen aus den Gymnasien vor. Weil klar gewesen sei, dass die Leistungsbreite an den Gymnasien zunehme, habe man die Zahl der Poolstunden, also die Stunden, über die Schulen zusätzlich verfügen können, bereits von zehn auf elf erhöht, sagte der Minister: „Deshalb ist es falsch zu behaupten, Grün-Rot habe die individuelle Förderung an den Gymnasien abgeschafft. Saurs Kritik richtet sich gegen die Streichung von Lehrerstunden zur Organisation der Hausaufgabenbetreuung an den Gymnasien vom kommenden Schuljahr an; insgesamt geht es um 64 Deputate. Dem entgegnet das Kultusministerium, die Hausaufgabenbetreuung werde keinesfalls komplett abgeschafft. Für die Aufwandsentschädigungen der Betreuer – in der Regel Schüler der Oberstufe – stünden weiterhin ausreichend Mittel bereit.

Der Philologenchef sieht darin dennoch eine große Einschränkung des Angebots; es könne sogar sein Aus bedeuten. Schließlich benötige man Lehrer, um die Hausaufgabenbetreuung zu organisieren. Seine Schlussfolgerung: „Die Schwächeren bleiben auf der Strecke.“ Vermögendere Familien könnten sich mit privater Nachhilfe behelfen.

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