Van Berkels Bahnhof Ein „Wal“ besonderer Art

Von Cornelia Ganitta 

Van Berkels Arnhem Centraal Station. Foto: UNStudio/Frank Hanswijk
Van Berkels Arnhem Centraal Station. Foto: UNStudio/Frank Hanswijk

Sein Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart ist ein internationales Markenzeichen – jetzt wurde Ben van Berkels spannendes Bahnhofsprojekt in Arnheim eröffnet. Und erneut führen Wege nach Stuttgart, wie unsere Beobachterin notiert hat.

Stuttgart -

Die Attraktion

Wal, Welle, Gletscher. So lauten im Volksmund die liebevollen Bezeichnungen für den neuen Bahnhof in Arnheim. Auch bei seiner Eröffnung Ende November wurden dem leicht fließenden, samtig-weichen Gebilde und neuen Attraktion der Stadt höchste ­Ehren zuteil. So darf sich der nunmehr größte Bahnhof der östlichen Niederlande als eine von sechs Zugstationen des Landes mit dem Zusatz „Centraal“ schmücken. Begründung hierfür: „Der Bahnhof sei nicht nur ein Bahnhof, sondern die geografische Verbindung zwischen der Region Randstad – ­Ballungsgebiet zwischen den Metropolen Amsterdam, Rotterdam und Den Haag – und dem Ruhrgebiet“.

Arnhem Centraal kommt damit nun auch offiziell seiner Funktion als Verkehrsknotenpunkt nach, von dem aus täglich – neben den nationalen Zügen – ICE aus Deutschland Reisende in das Herz der Niederlande befördern – und umgekehrt.

Kurze Wege

Die natürlichen Höhenunterschiede des umliegenden Gebiets, Sichtlinien sowie ­­Lauf- und Verkehrsströme formten die Basis für den Entwurf des Amsterdamer UNStudio-Architekten Ben van Berkel. Der Reisende sollte, so die Maxime des Architekten, ­dessen bekanntestes Gebäude das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart ist, „mit einem Wimpernschlag erkennen, wohin er will“.

Tatsächlich verbindet das 37,5 Millionen teure Gebäude die verschiedenen Verkehrswege in genialer Weise miteinander. Über den Gleistunnel sind die oberhalb befind­lichen Gleise per Treppe, Rolltreppe und Lift unmittelbar erreichbar. Vom Foyer aus ­gelangt man bequem zum bewachten Fahrradkeller für die kostenfreie Unterstellung von bis zu 4000 „Fietsen“.

Auch die in einem Seitentrakt ansässige Busstation für die elektrisch betriebenen Lokallinien ist von hier aus direkt begehbar. Und selbst zur dreigeschossigen Tiefgarage, die vom niederländischen Automobilclub ANWB schon mit der Bestnote ausgezeichnet wurde, ist es nur ein Katzensprung.

Vor dem Gebäude befinden sich weitere Haltestellen für den regionalen Busverkehr. Außerdem verläuft von dort eine neue, ­autofreie Straße geradewegs in die Innenstadt. Binnen fünf Minuten Fußweg gelangt man in die Arnheimer City.

Fluchtwege scheinen überflüssig, angesichts der kurzen Wege, die einen schnellen Wechsel zwischen den Ebenen und nach draußen ermöglichen.

Saarinen als Vorbild

Durch Drehtüren, die – für den Fall eines höheren Verkehrsaufkommens sowie für Menschen mit Behinderungen – von „normalen“, automatisch bedienbaren Türen flankiert sind, gelangt man vom Vorplatz in die Eingangshalle, dem gestalterischen Höhepunkt der Gesamtanlage. Ihr Vergleich mit einem Terminal kommt nicht von ungefähr. Ben van Berkel ließ sich hierfür – ähnlich wie beim Stuttgarter Museum – von dem berühmten Terminal 5 des heutigen John F. Kennedy-Flughafens in New York inspirieren. Erbaut hatte ihn der finnische Architekt Eero Saarinen. Das Gebäude war wegen ­seines grandiosen Lichteinfalls und seinem tornado-ähnlichen Stützpfeiler nach seiner Fertigstellung 1962 ein architektonisches Meisterwerk.

Auch der Terminal von Arnhem Centraal wird von einer derartigen Konstruktion, dem „Twist“, gehalten. Der zwischenzeitliche, monatelange Baustopp wegen seiner vermeintlichen Nichtrealisierbarkeit ist längst verziehen. Der Ableger eines Groninger Schiffbauers in Stralsund schließlich schmiedete ein komplex geschwungenes, 16 Meter hohes Gewinde aus Stahl, das, einer Schiffsschraube gleich, die Verbindung zum Obergeschoss und dem Dach herstellt.

Überhaupt fällt auf, dass es – auch auf den Gleisen selbst – kaum Stützpfeiler gibt. Stattdessen wurden statische V-Wände verwandt, die die Tragkraft gleichmäßig ­verteilen. Ein weiteres Problem erforderte die Demontage einer bereits befestigten Holzdecke im Gleistunnel, da das verwandte Holz als brandgefährlich galt. Nach seiner Ersetzung durch ein spezial-imprägniertes Holz der Sorte Oregon Pine, gilt der Tunnel nun als brandsicher. Ausdruck des Sicherheitsgefühls: Auf Sprinkleranlagen hat man verzichtet.

Ehrgeiziger Masterplan

Insgesamt wurden für den Terminal 680 Tonnen Stahl und 2500 Kubikmeter Beton verbaut. Das klingt kalt und hart – ist es aber nur bezogen auf das Material. Eine selbst bis in die Tiefgarage dringende Zufuhr aus ­Tageslicht, eine Erdwärme-gesteuerte Fußbodenheizung im ganzen Eingangsbereich, die die Raumtemperatur auf mehr als 20 Grad hält sowie nicht zuletzt die allerorten mit Naturstein gepflasterten Wege schaffen eine helle und warme Atmosphäre. Wohltuend auch die geringe Nutzung der Fläche für kommerzielles Gewerbe. Gastronomie-, Drogerie-, Presse- und Floristikbetriebe ­innerhalb des Bahnhofs lassen sich an zwei Händen abzählen. Weitere Läden sollen kommen – „draußen vor der Tür“.

Dies gehört zum Masterplan, der eine Bebauung von 160000 Quadratmetern für insgesamt 625 Millionen Euro vorsieht. Zwei große, hinter dem Bahnhof gelegene, doch weithin sichtbare Bürotürme zeugen heute schon davon. Sie tragen der Prognose der niederländischen Bahngesellschaft Pro Rail Rechnung, die von einer Erhöhung der Zahl der (Durch-)Reisenden von derzeit 33000 auf 110000 pro Tag im Jahr 2020 ausgeht. Ein Mammutprojekt für die geldersche Provinzstadt, die knapp 150 000 Einwohner zählt. Und ein Prestigeprojekt dazu, dass trotz Finanzkrise und demgegenüber erhöhter Kosten im Lauf der Jahre nur wenig Gegenwind erhielt. Anfängliche Proteste hinsichtlich seiner Dimension und der Tatsache, dass von dem alten Gebäude aus den 1950er Jahren nichts mehr übrig blieb, sind Schnee von gestern. Auch der Übergangsbahnhof, der mit langen Laufzeiten, steilen Treppen und Baulärm für viel Frust bei den Reisenden sorgte, scheint – angesichts des Ergebnisses – vergeben und vergessen.

Ort der Begegnung

Der Bahnhof ist für Ben van Berkel ein Ort des Ankommens und Gehens, des Wohnens und Arbeitens, kurz: der Begegnung. In der komplizierten, sich verändernden Infrastruktur, die verschiedene Aktivitäten miteinander vereint, lag für Ben van Berkel die Herausforderung. Das Resultat stehe für „die festliche (oder auch: feierliche – original: feestelijk) Seite des Reisens“, sagt der Vielbeschäftigte. Auch habe sein Ursprungsentwurf von 1996 durch die An­passungen immer mehr an Qualität und ­Präzision gewonnen: „Die Zeit war ein ­hilfreicher Faktor, um das heutige End­resultat zu erreichen“.

Ähnlich sieht es Hermann Kaiser, der ­Bürgermeister von Arnheim, der bei der Eröffnung voller Stolz erklärte: „Nun, nach 19 Jahren Bauzeit ist der Bahnhof immer noch hypermodern – ein Beweis dafür, dass der Entwurf seiner Zeit weit voraus war“

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