USA Palm Springs: Hollywoods Spielwiese

Gabriela Beck aus Palm Springs, 12.02.2013 05:00 Uhr
Jedes Jahr Mitte Februar kann man in Palm Springs eine Zeitreise machen: Eine Woche lang dreht sich dort dann alles um die 1950er Jahre.

Palm Springs - Mel Haber kennt sie alle. Davon zeugen Schwarz-Weiß-Fotografien, die den Inhaber des Ingleside Inn unter anderem mit John Travolta, Liza Minelli oder Arnold Schwarzenegger zeigen und die Wände der Bar seines legendären Restaurants Melvyn’s pflastern. „Unsere Gästeliste liest sich wie das Who’s who Hollywoods - dabei kann ich nicht mal einen Hamburger braten, geschweige denn eine Bloody Mary mixen“, verrät der smarte Hotelbesitzer, der 1975 das heruntergekommene Anwesen während eines Spaziergangs durch Palm Springs entdeckte, es erwarb und ihm wieder zu seinem ursprünglichen Glanz verhalf. Denn das Ingleside Inn war schon in den 1940ern eine Institution. Eine Zimmerreservierung war nicht möglich. Nur wenige Auserwählte bekamen eine Einladung zu einem Aufenthalt in dem unter Stars sehr begehrten Privatclub - darunter solch illustre Persönlichkeiten wie Salvador Dalí, Greta Garbo oder Marlon Brando. Allen anderen wurde beschieden: „There is no room at the Inn“ („Im Hotel ist kein Zimmer frei“).

Beschriftete Barhocker für prominente Stammkunden

Zu jener Zeit war Palm Springs ein Sammelbecken der Leinwandgrößen. Der Grund: Das sonnenverwöhnte Refugium mit seinem angenehm trockenen Wüstenklima liegt nur zwei Autostunden von den Hollywood-Filmstudios in Los Angeles entfernt - und befand sich damit gerade noch im erlaubten Radius. Viele Stars hatten nämlich Verträge, die es ihnen untersagten, sich weiter als 100 Meilen von ihrem Arbeitsplatz weg zu bewegen, damit sie für Last-Minute-Dreharbeiten zur Verfügung standen. Und so traf man sich an den Wochenenden in der von Palmen beschatteten Wüstenoase am Fuße der San Jacinto Mountains - vorzugsweise im berühmt-berüchtigten Palm Springs Racquet Club, der Spielwiese der Reichen und Schönen, wo für Stammgäste wie Clark Gable und Spencer Tracy mit ihrem Namen beschriftete Barhocker bereitstanden. Laut den Memoiren des Hollywood-Fotografen Bruno Bernard posierte das junge Starlet Norma Jean Dougherty 1947 am Pool des Racquet Club im zweiteiligen Badeanzug. Da seien die Männer plötzlich munter geworden. Besonders einer, Johnny Hyde, Filmagent und in jenen Tagen einer der einflussreichsten Männer im Filmgeschäft, bemühte sich laut Bernard um die Gunst der unbekannten Schönen. Er machte aus der arbeitslosen Norma Jean ein Sexsymbol: Marilyn Monroe.

Die Filmgrößen konnten es sich leisten, für ihre Winterdomizile die Stars der zeitgenössischen Architekturszene zu engagieren, etwa Albert Frey, Richard Neutra oder William F. Cody. Diese drückten der Stadt ihren Stempel auf mit einem Baustil, der heute als Desert Modernism weltweit bekannt ist. Nirgendwo sonst ist die Konzentration dieser flach mit der Wüstenlandschaft verschmelzenden Bauwerke aus Naturstein, Beton, Stahl und viel Glas größer als in Palm Springs. Im Besucherzentrum - mit seinem markanten, keilförmig in den Himmel ragenden Dach für sich schon eine Sehenswürdigkeit - werden Stadtpläne verkauft, auf denen die Anwesen der Promis eingezeichnet sind. Per Fahrrad oder Motorroller im Retrodesign kann man sich damit stilvoll auf Erkundungstour begeben. Der Ort mit seinen 45 000 Einwohnern ist übersichtlich genug, um auf einen Mietwagen zu verzichten. Wer mehr über die Stars aus Film und Architektur erfahren möchte, schließt sich Robert Imber an, der auf seinen Exkursionen die wichtigsten Gebäude und Protagonisten jener Mid-Century-Ära vorstellt. „Das hier ist das berühmteste Haus von Palm Springs: Das Kaufman-House, 1947 von Richard Neutra erbaut“, sagt er und deutet auf eine elegante Komposition zwischen Palmen und Kakteen. Die weißen Dachscheiben liegen nur zum Teil auf den Bruchsteinwänden auf. Sie scheinen deshalb beinahe zu schweben. „In den Achtzigern wohnte Barry Manilow hier. Er hat mit dem Haus schlimme Dinge angestellt. Sein Nachfolger steckte mehrere Millionen in die Sanierung, so dass es heute wieder sein anfängliches Erscheinungsbild hat.

Wohnen wie ein Star kann übrigens jeder - sofern er über das nötige Kleingeld verfügt. So manches ehemalige Promi-Anwesen lässt sich als Feriendomizil mieten, zum Beispiel Frank Sinatras Twin Palms Estate mit dem legendären pianoförmigen Pool. Wenn Ol’ Blue Eyes in der Stadt war, soll er eine Flagge mit einer riesigen Jack-Daniels-Flasche darauf gehisst haben, um dem Rat Pack - seiner Clique - zu signalisieren, dass die Poolparty eröffnet sei. Ebenso stilgerecht, aber weniger kostspielig logiert man in einem der zahlreichen Boutique-Hotels, die - wie das Orbit Inn - oft originalgetreu renoviert und im Geist der Mid-Century-Zeit eingerichtet sind. Im Liegestuhl am Pool, mit einem Martini in der Hand und Oldies aus der Jukebox im Ohr, stellt sich das Fifties-Feeling automatisch ein. Wer ganz darin versinken möchte, sollte Palm Springs während der jährlichen Modernism Week Ende Februar besuchen. Dann dreht sich in Filmvorführungen, Ausstellungen und Vorträgen alles um das Design und die Architektur des sogenannten Mid Century Modernism. Oldtimer-Fans stellen ihre chromblitzenden Schätze auf der Classic Car Show mit stolzgeschwellter Brust zur Schau. Es gibt Poolpartys im Stil der fünfziger Jahre und mondäne Cocktailempfänge: Palm Springs befindet sich im Ausnahmezustand.

 
 
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