USA Irgendwo in Texhoma

Andreas Steidel aus Texhoma, 11.11.2012 05:00 Uhr
Eine Viehauktion auf dem Lande in Oklahoma ist ein Erlebnis. Dort lernt man das Lebensgefühl des amerikanischen Südens kennen.

Texhoma - Texhoma an der Grenze von Texas und Oklahoma ist ein staubiges Dorf im Niemandsland, mit riesigen Rinder-Ranches und ein paar Ölfördertürmen auf den trockenen Weiden. Ab und zu fährt ein Zug der Union Pacific vorbei. Es muss lange her sein, dass hier Touristen haltgemacht haben. Und so stutzt der Herr mit weißem Hemd und Cowboyhut, als drei Deutsche die Pendeltür aufstoßen und nach der Viehauktion fragen. „Was wollt ihr? Und warum die Kamera?“ Die Erleichterung ist groß, als sie erzählen, dass sie nur reisen. Und nicht etwa eine Abordnung militanter Tierschützer sind, wie der Herr zunächst vermutet hatte. Von da an ist der Hüne die Höflichkeit in Person und stellt sich als Clay Myers vor, Leiter des ländlichen Spektakels, das in wenigen Minuten beginnt.

Mr. Myers nimmt Platz auf einem Podest hinter einer mit Sägespänen eingestreuten kleinen Arena. Rechts von ihm sitzt eine sehr geschminkte Frau, die pausenlos schreibt. Links ein Herr mit Hut vor einem Computerbildschirm, über den Zahlenkolonnen flimmern. „Okay“, sagt Clay, „we are ready to start the sale“, aber zuvor müsse er Gäste begrüßen. Da wären zum einen die Schüler der ersten Klasse, die gerade die Einrichtungen der Gemeinde kennenlernen. Zum anderen „three guys from Germany“, die extra den weiten Weg nach Texhoma gemacht hätten: „Welcome!“ Das interessiert die auf den Zuschauerbänken sitzenden Cowboys zunächst gar nicht. Sie sind hier, um Geschäfte zu machen. Trotz 34 Grad im Schatten tragen sie lange Jeans, Stiefel, Hüte oder Baseball-Mützen. Ein Helfer in der Arena reißt ein Gatter auf, und herein stürzen zwei schwarze Angus-Rinder. Sie drehen sich verwirrt im Kreis. Es ist die Stunde von Clay Myers, der plötzlich nicht mehr normal spricht, sondern wie ein Schnellfeuergewehr Wortsalven abschießt.

800 Stück Vieh wechseln den Besitzer

Amerikanische Auktionatoren durchlaufen eine spezielle Sprechausbildung. Ihr Auftritt ist Show und schnödes Business zugleich. Jeden Mittwoch um 11 Uhr ist Vieh­auktion in Texhoma. Diesmal sind 30 Rancher gekommen. Sie sitzen auf den Rängen, ohne eine Miene zu verziehen. Bieten sie mit, heben sie kurz den Zeigefinger. So geht das zwei Stunden lang, 800 Stück Vieh wechseln an diesem Morgen den Besitzer. Nach getaner Arbeit gönnen sich viele noch einen Drink oder ein Steak. Das Restaurant der „Texhoma Livestock Auction“ ist ebenso rustikal wie vorzüglich. Hier kommt man schnell ins Gespräch. Jetzt endlich traut sich Jake Fast, die Deutschen zu fragen, wo sie herkommen. Und ob sie schon einmal eine Longhorn-Kuh gesehen hätten? Jake Fast ist 76 Jahre alt. Ein amerikanischer Rancher wie aus dem Bilderbuch. Abgewetzte Jeans, verbeulter Pick-up-Truck und streng republikanische Gesinnung. Was Jake kauft, ist garantiert in den USA hergestellt, „denn was wir nicht produzieren können, brauch ich auch nicht“.

Dann will er noch wissen, ob wir „plattdeutsch verstan“ und mit ihm auf seine Ranch kommen möchten. Wir erfahren, dass seine Familie vor 150 Jahren aus Deutschland in die USA auswanderte. Den plattdeutschen Brocken hat er von seinem Großvater übernommen, zusammen mit dem mennoni­tischen Glauben, der ihm heilig ist. Jakes Ranch liegt 52 Kilometer von Texhoma entfernt. Quasi ganz in der Nähe. Jake ist kein Texaner, sondern Okie, ein Einwohner Oklahomas, Bürger der Stadt Guymon. Nach vielen staubigen Meilen sind wir endlich da. Ein altes Farmhaus mit einer Armada von Traktoren ist Jakes Reich. Jake bittet seine Gäste herein. An der Wand hängt ein Familienfoto. Die Kinder sind in die Stadt gezogen. Nur der Vater macht weiter, auch mit 76, es ist sein Leben. Nun also zum berühmten Longhorn-Rind. Auf der ganzen Auktion gab es kein einziges mehr, die Rasse ist out im Süden der USA. Jakes Longhorn ist ein Einzelstück, ein Hobby. Jake stellt es stolz vor wie ein Vater sein großes Mädchen. Er ist überhaupt stolz auf alles, was dieses weite Land hergibt. Auf seine Rinder, die Weiden, die Bäume und den Brunnen, den er gebohrt hat. Auf einer Rundfahrt führt er seinen Gästen alles vor.

Am Ende sagt der alte Mann: „Pray for rain“ - betet für Regen, weil es wieder einmal monatelang kaum einen Tropfen davon gegeben hat. Dann verschwindet sein Haus im Staub der Steppe. „Dallas 440 Meilen“ steht irgendwo. In Dallas erreicht man wieder die Straßen, auf denen auch Touristen unterwegs sind. Dann ist Texhoma weit weg. Und Clay Myers damit beschäftigt, seine nächste Auktion in einer anderen Kleinstadt des Südens vorzubereiten.

 
 
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