US-Friedensbewegung Im Dienst der Friedensaktivisten

Von Michael Weißenborn 

US-Friedensaktivistin Ann Wright Foto: dpa
US-Friedensaktivistin Ann Wright Foto: dpa

Am Tag vor der US-Invasion im Irak schmeißt Ann Wright ihren Job im US-Außenministerium hin. Seither setzt sie sich für eine andere US-Außenpolitik ein. Jetzt war sie in Stuttgart

Stuttgart - Wright ist eine ungewöhnliche Friedenaktivistin: Als pensionierter Oberst beim US-Heer und hohe Diplomatin im US-Außenministerium diente sie ihrem Land mehr als 30 Jahre lang in einigen der gefährlichsten Teile der Welt. Dann schmiss sie 2003 alles hin. Ihr Rücktrittsgesuch an den damaligen US-Außenminister Colin Powell reichte sie als Nummer Zwei an der US-Botschaft in der Mongolei ein, einen Tag vor dem US-Angriff auf den Irak. „Ich dachte, dies sei ein illegaler Krieg und konnte nicht daran teilhaben“, erzählt sie heute im Rückblick.

Seither ist Wright eine prominente Mitstreiterin in der US-Friedensbewegung, unter anderem bei der Gruppe „Code Pink“ und den „Veteranen für den Frieden“. Während andere Menschen in ihrem Alter in Ruhe ihre Pension genießen oder sich um die Enkel kümmern, zieht die 69-Jährige mit Nickelbrille und weißblonden Pagenschnitt vor das Waffentestgelände in Nevada, um gegen die Weiterentwicklung von Atomwaffen zu demonstrieren oder lässt sich lautstark gegen den Krieg protestierend aus dem US-Senat in Washington hinaus eskortieren. „Als ich meinen Dienst quittierte, konnte ich die Politik der US-Regierung nicht länger vertreten“, sagt sie mit Blick auf die bis heute auch in den USA umstrittene Nahost-Politik von Präsident George W. Bush. „Aber es ist wichtig, die Dinge auch als privater Bürger weiterzuführen“, meint sie. Sie trägt einen pinkfarbenen Schal und ein T-Shirt mit Drohnen darauf und der Aufschrift: „Zieht die Drohnen aus den Verkehr. Fernbedienungskiller.“ Ihre milden, lang gezogenen Vokale verraten nur noch ganz schwach, dass ihre Heimat wie die Bill Clintons im Südstaat Arkansas liegt, und zwar in Bentonville.

„Code Pink“ wird Israelfeindlichkeit vorgeworfen

Ganz wichtig ist Wright auch ihr Engagement im Ausland. Die Reisen muss sie aber selbst bezahlen, ihre Pension, die sie von der Regierung erhält, kommt so für ihre Anti-Kriegs-Aktivitäten auf. Sie reist bis nach Schweden, Großbritannien, Italien und Japan oder übernachtet auf der Ausziehcouch bei Friedensfreunden in Deutschland. Am vergangen Freitag wurde sie zusammen mit Mitkämpferinnen von „Code Pink“ in Bayreuth mit dem „Wilhelmine-von-Bayreuth-Preis“ für Toleranz und Humanität ausgezeichnet. Das ist bis heute heftig umstritten, weil der Gruppe aus Israel vorgeworfen wird, israelfeindlich zu sein. Doch dies weist Ann Wright weit von sich. Sie hatte 2010 zwar an der Gaza-Flotille gegen die Blockade des Gaza-Streifens durch Israel teilgenommen. Legt aber großen Wert darauf, zwischen der Kritik an Israels Politik und Antisemitismus klar zu unterscheiden.

In Stuttgart sprach sie gestern Abend im Haus der katholischen Kirche über den Drohnenkrieg und die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit bei neuen Atombomben. „Mit gezielten Tötungen von Libyen bis Pakistan werden immer auch unschuldige Zivilisten getötet und damit neue Feinde geschaffen“, sagt Wright. Für Dienstag am frühen Morgen plante sie deshalb eine Mahnwache vor dem Tor des US-Afrika-Kommandos (Africom) in den Kelley Barracks. Verleiht ihr die Tatsache, dass sie so lange in Diensten der US-Regierung stand, eine besondere Glaubwürdigkeit? Konservative US-Experten weisen das zurück, mit dem Hinweis, dass in Demokratien der Widerspruch gegen Militäreinsätze ganz normal sei.

Aktive US-Soldaten begegnen ihr meist mit Respekt

Ann Wright hingegen erlebt das bei ihren Auftritten anders. Klar verfüge sie als ehemalige Insiderin selbst im Ausland über eine besondere Anziehungskraft. Und wie reagieren etwa Soldaten, die noch aktiv im Dienst sind? „Mit Respekt“, berichtet Wright. „Nie sagte jemand zu mir: ,Sie sind eine Idiotin’.“ Sie führt das auch auf die fortwirkende militärische Kultur, in der sie und ihre Gesprächspartner in Uniform sozialisiert wurden. Für sie selbst bot die Army in den 60er Jahren ein Fluchtweg aus Arkansas. Sie war in den Niederlanden, Grenada und Somalia stationiert. Als sie in den 80er Jahren herausfand, dass für den Posten eines Militärattachés Frauen noch nicht zugelassen waren, wechselte sie in den diplomatischen Dienst und stieg rasch auf. Neben Tätigkeiten in Usbekistan, Kirgisistan und in Sierra Leone gehörte sie auch zum Team, das im Dezember 2001 nach dem Sturz der Taliban die US-Botschaft in der afghanischen Hauptstadt Kabul wieder aufmachte.

Als sie dann 2003 aus dem State Department ausschied hatte sie zunächst überhaupt keine Pläne für die Zukunft. Dann kam die erste Einladung einer Washingtoner Denkfabrik. Sie sollte über riskante US-Außenpolitik sprechen. So fand sie die neue Rolle ihres Lebens. Sie genieße jetzt die Freiheit, es gebe keine Befehlskette mehr für sie, sagt sie und lacht: „Als Bürger-Aktivistin steht nichts zwischen dir und dem Präsidenten. Du kannst aufbegehren, ein Transparent hochhalten oder schreien.“

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