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Urgestein aus dem Bezirksbeirat Mitte „Nicht vergnügungssteuerpflichtig“

Marc Schieferecke, 08.01.2013 10:42 Uhr
Karl-Stephan Quadt sitzt seit 30 Jahren im Bezirksbeirat – für die Sozialdemokraten.

S-Mitte - Falls er sich zur nächsten Kommunalwahl verabschiedet, wird er doppelt so lang im Amt gewesen sein wie Oberbürgermeister Wolfgang Schuster: 32 Jahre lang. Fritz Kuhn wird der dritte Oberbürgermeister sein, den Karl-Stephan Quadt im Amt erlebt. Manfred Rommel, „der war noch ganz witzig“, sagt er. Schuster „ist doch eher eine unglückliche Gestalt“. Dann erzählt er eine Anekdote, wie der damalige CDU-Bezirksvorsteher Eberhardt Palmer den damaligen Kulturbürgermeister Schuster regelrecht aus der Bezirksbeiratssitzung warf. Kuhn, der Neue, nun ja, „volksnah ist der auch nicht gerade, ich bin gespannt“, sagt Quadt.

Seit 30 Jahren sitzt er im Bezirksbeirat Mitte, obwohl „das Amt nicht vergnügungssteuerpflichtig ist“, wie er selbst sagt, „aber es hat Unterhaltungswert, und manchmal kann man etwas erreichen“. Abgesehen von den bisher zwei Oberbürgermeistern hat er mehr als einmal erlebt, wie Vertreter des Volkes während der Sitzungen einschliefen und hernach fragen mussten, wie die Abstimmung endete. Aus politischer Sicht waren seine drei Jahrzehnte weniger amüsant, denn Quadt ist Sozialdemokrat. In Stuttgart heißt das: Erst haben die Bürgerlichen die Stadt beherrscht. Dann haben die Grünen die SPD überholt und die Linken ihr Wähler weggefischt. „Man gewöhnt sich dran, dass die Mehrheit die anderen haben“, sagt er. Die Partei zu wechseln, kam ihm trotzdem nie in den Sinn, jedenfalls nicht ernsthaft. „Als der Oskar zu den Linken gewechselt ist, habe ich kurz überlegt“, sagt Quadt. Aber eben nur kurz. Selbstverständlich ist Oskar Lafontaine gemeint.

Abgesehen von der politischen Grundüberzeugung hat Quadt mit Lafontaine die Urlaube in der Toskana gemein. 1980 hat er mit seiner Frau dort ein Haus gekauft, allerdings „nicht allein, das konnten wir uns nicht leisten, zusammen mit sechs anderen“. Quadt sitzt in der Jakobstube, einer Kneipe im Leonhardsviertel, deren Wirt ebenfalls treuer Genosse ist. Er ist schwer erkältet und nippt an einem Glas Rotwein. Er hat eine Liste mitgebracht, anderthalb Seiten, auf denen er niedergeschrieben hat, was die Genossen in der Stadtmitte trotz stetiger Unterlegenheit erreicht haben.

„Die SPD hat sich gewandelt, ja, leider“

In autoabgasgrauer Vorzeit waren sie die ersten, die Nachtbusse forderten. Sie wollten die Tübinger Straße zur Fußgängerzone erklären lassen. Seit ein paar Wochen ist sie immerhin eine Art verkehrsberuhigt. Das Anwohnerparken im Kernerviertel steht auf der Liste, die Verhinderung des Vorhabens, am Katharinenhospital eine Müllverbrennungsanlage zu bauen. Den Autoverkehr im Stadtkern wollten die Genossen schon bändigen, als die Grünen noch kaum gegründet waren. Überhaupt, die Grünen, „wir dachten, die sind links“, sagt Quadt, aber das ist Vergangenheit, „die fischen nur noch im bürgerlichen Lager“. Ihm sind sie zu brav geworden, zu angepasst, wie so viele, die bei jedem Satz nach Wählerstimmen schielen.

Quadt kommt von links, von linksrevolutionär. Schon, dass er in die SPD eintrat, war eine Protestaktion zur Studentenzeit, als er sich zu den 68ern zählte. „Unser Asta-Vorsitzender hat damals gesagt: Diese SPD müssen wir aufrollen“, erzählt er. Um wenigstens als Delegierter mitreden zu dürfen, musste der Neu-Sozi allerdings 15 weitere Mitglieder werben. Quadt war dabei. „Wir waren ein verschworener Juso-Haufen“, sagt er, „mit den Taxifahrern und den Nutten haben wir Fasching gefeiert“. Das ist lang vorbei. Quadt ist inzwischen 67 Jahre alt, und die Verbürgerlichung, den Gang in die Mitte der Gesellschaft, hat selbstverständlich auch die Sozialdemokratie hinter sich. Bundespolitisch kam nach Willy Brandt kaum noch jemand, den Quadt ein Vorbild nennen will. „Die SPD hat sich gewandelt, ja, leider“, sagt er.

Kommunalpolitisch ist ihm immerhin Matthias Hahn als Vorbild geblieben, der Baubürgermeister. Mit dem eint ihn die Meinung zu Stuttgart 21. Quadt ist Befürworter. Schon als er noch studierte, Bauingenieurwesen, forderten die Professoren von den Studenten Vorschläge für die Innenstadt des nächsten Jahrhunderts. „Die Witzbolde haben einen Stausee vorgeschlagen“, sagt er. Diejenigen, die es ernster meinten, einen Deckel über das Gleisgeschlängel. Der Vorschlag sei heute noch genauso gut wie damals, meint Quadt, „aber was die Bahn leistet, ist wirklich schlecht und sehr schade“.

 
 
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