Unterricht über KZ ohne "Bespaßungsfaktor"

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Kernen (wz). Gemeinderat stellt 1500 Euro bereit, um Exkursionen der örtlichen Schulen in Gedenkstätten zu ermöglichen.

Kernen (wz). Gemeinderat stellt 1500 Euro bereit, um Exkursionen der örtlichen Schulen in Gedenkstätten zu ermöglichen.

Es ist manchmal beeindruckend zu sehen, wie sich Kernens Gemeinderäte in eine Diskussion verstricken können, obwohl sie sich im Grundsatz einig sind. Gemeindezuschüsse für Schülerfahrten in die KZ-Gedenkstätte Dachau zu geben, wurde in der jüngsten Sitzung des Verwaltungsausschusses von allen Gemeinderäten für sehr sinnvoll erachtet. Der Beschluss fiel allerdings nach breitem Für und Wider trotzdem nicht einhellig, sondern bei vier Enthaltungen aus der CDU-Fraktion aus, weil die Mehrheit deren weiter gehenden Vorschlag nicht berücksichtigt hatte.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Andreas Wersch wollte die Zuschüsse für Besuche nicht nur in KZ-Gedenkstätten bereitstellen, sondern auch für Fahrten in Museen, die das staatliche Unrecht in der früheren DDR veranschaulichen. Nach den Worten von Wersch gibt es bereits in Pforzheim ein "hervorragendes" Museum, das die DDR-Geschichte aufarbeitet. Dennoch lehnten SPD und UFW die Erweiterung ihres Antrags ab, und es folgten die Enthaltungen aus der CDU-Fraktion.

Die überraschende Wendung folgte jetzt, einige Tage später, in Form eines gemeinsamen Antrags aller vier Gemeinderatsfraktionen: Jetzt soll zusätzlich zu den 1500 Euro für Exkursionen in KZ-Gedenkstellen die gleiche Summe nochmal für den Besuch von Informationszentren und Gedenkstätten bereitstehen, die das DDR-Unrecht aufgearbeitet haben. Auch mit diesem Abschnitt der deutschen Vergangenheit sollen sich die Schüler auseinander setzen, so lautet die Begründung.

Die ersten Antragsteller von SPD und UFW hatten noch im Verwaltungsausschuss Wert darauf gelegt, dass die Schüler explizit mit der Nazi-Gewaltherrschaft konfrontiert werden: "Ich würde das nicht vermischen wollen", sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans Peter Kirgis über den CDU-Wunsch, die Anforderungen für den Zuschuss zu erweitern.

Der gewünschte Betrag von 1500 Euro jährlich für die Exkursionen zu KZ-Gedenkstätten fand Zustimmung, obwohl in der Diskussion durchaus gewichtige Einwände aufkamen. Geld für Schülerfahrten nach Dachau könnten die Schulen nämlich auch problemlos von politischen Stiftungen erhalten, wie Andreas Wersch, selbst Geschichtslehrer, sagte. Wenn die Gemeinde selbst Geld in den Haushalt eingestellt hat, werden sich die Stiftungen möglicherweise nicht mehr so freigebig zeigen, vermutete er.

Andreas Wersch ist allerdings strikt dagegen, Dachau-Fahrten mit einem Abstecher nach München zu verbinden, wodurch die Fahrt einen "Bespaßungsfaktor" erhalte. An den Schülern gleite der historische Stoff dann allzu leicht vorbei, die Aufmerksamkeit sei meist schon auf den bevorstehenden Besuch der bayerischen Landeshauptstadt gerichtet.

Auch Paul Alexander Eißele (SPD), auf den der Antrag zurückging, will darauf drängen, dass die unterstützten Fahrten keinesfalls bis nach München weiterführen: "Ich habe so eine Fahrt mitgemacht. Die Stimmung war nicht angemessen. Man sollte die Gedenkstätte und München nicht verbinden." Er war nach Gesprächen mit Pädagogen aus der Rumold-Realschule und der Karl-Mauch-Schule überzeugt, dass sich die Lehrer vorrangig um Geld von den Stiftungen bemühen werden.

Nach einem Jahr soll im Gemeinderat erneut über den Etatposten diskutiert werden. Ausdrücklich waren sich die Gemeinderäte aber einig, dass auch eine Fahrt in die Gedenkstätte in Grafeneck gefördert werden soll, was Andreas Stiene (OGL) vorgeschlagen hatte. In Grafeneck begann im Jahr 1940 die so genannte Aktion "T4". In einem Jahr wurden hier unter nationalsozialistischer Herrschaft 10 654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet. Dorthin sind auch 403 Behinderte aus der damaligen Anstalt Stetten deportiert und dann umgebracht worden.

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