Unterkunft im Gewerbegebiet Flüchtlinge kommen, Firmen gehen

Von Thomas Schorradt 

In das  in Anlehnung an das vorbeifließende Flüsschen  Körsch 41 genannte  Gebäude sollen im Sommer Flüchtlinge einziehen. Foto: Horst Rudel
In das in Anlehnung an das vorbeifließende Flüsschen Körsch 41 genannte Gebäude sollen im Sommer Flüchtlinge einziehen.Foto: Horst Rudel

Der neue Besitzer des Gebäudes Körsch 41 bietet dem Landratsamt das Haus als Unterkunft für bis zu 150 Flüchtlinge an. Die dort ansässigen Unternehmen sind von der Entwicklung überrascht worden. Sie sehen für sich keine Zukunft an dem Standort.

Denkendorf - Aus Sicht der Landkreisverwaltung, die händeringend nach Unterkünften für die im Kreis Esslingen strandenden Flüchtlingen sucht, ist das Angebot aus Denkendorf ein Glücksfall: Ein Investor hat vor kurzem ein Bürogebäude, in dem noch mehrere Firmen beheimatet sind, gekauft und dient es nun dem Landkreis als Unterkunft an. Bis zu 150 Menschen hätten in der Robert-Bosch-Straße 41 auf einen Schlag ein Dach über dem Kopf. Das lichtdurchflutete Gebäude fernab der Wohnbebauung stünde zudem schon im Juni zur Verfügung. Der Mietvertrag mit den neuen Eigentümern ist dem Vernehmen nach unterschriftsreif.

Auch der Gemeinde käme der Deal gelegen, weil mit den Flüchtlingen in der Robert-Bosch-Straße die an der Einwohnerzahl orientierte Quote für die vorläufigen Unterbringung von Asylbewerbern erfüllt wäre. „Wir werden das Baugesuch konstruktiv begleiten“, sagt der Denkendorfer Bürgermeister, Peter Jahn.

Unternehmen sehen sich „rausgeekelt“

Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Die Unternehmen, die bisher in dem Gebäude residieren, haben das Gefühl, vom neuen Eigentümer rausgeekelt zu werden. „Es ist niemandem gekündigt worden. Aber wenn am 1. März die Bauarbeiter im Haus anrücken, dann wollen wir unseren Mitarbeitern und Kunden die Baustelle nicht zumuten“, sagt Alfred Schultz, der Geschäftsführer von Mens Automation. Für den 20-Mann-Betrieb, der sein Geld mit der Konstruktion von Steuerungsanlagen inklusive des Baus der Schaltschränke, der Entwicklung der Software, der Elektrokonstruktion und der Installation verdient, will Schultz schnellstmöglichst eine neue Bleibe suchen.

Mit ihm stehen die anderen Unternehmen in dem „Körsch 41“ getauften Gebäude, darunter ein Architekturbüro und eine Vermögensberatung, auf dem Sprung. „Wir sind vor Tatsachen gestellt worden“, klagt Schultz. Am Montag voriger Woche sei das Gebäude verkauft worden, am Donnerstag darauf habe sich der Besitzer vorgestellt – und bei dieser Gelegenheit gleich den Umbau- und Zeitplan präsentiert. Demnach werden im März die Bauarbeiter anrücken und am 1. Juni die ersten Flüchtlinge einziehen.

Ein unter dem Druck des Füchtlingsstroms geändertes Bauplanungsrecht ermöglicht es dem Landratsamt, Flüchtlingsunterkünfte seit gut einem Jahr auch in Gewerbegebieten zu genehmigen. „Das ist eine erhebliche Erleichterung für uns. Vor allem im Ballungsraum gibt es ja in den Wohngebieten kaum noch Reserven“, sagt Peter Keck, der Pressesprecher des Landkreises. Zudem seien Gewerbeimmobilien meist so geschnitten, dass eine größere Anzahl von Flüchtlingen untergebracht werden könnten, und schließlich hielten sich die Konflikte mit der Nachbarschaft in Grenzen. Entsprechend lägen fünf der 15 Unterkünfte, die von der Landkreisverwaltung derzeit auf ihre Tauglichkeit geprüft würden, in einem Gewerbegebiet.

In Lenningen gibt es eine Sondersitzung des Gemeinderats

Zuletzt hat der geplante Bezug eines Firmengebäudes in Lenningen für Irritationen gesorgt. 173 Flüchtlinge, so das Gerücht, sollten in dem Firmengebäude im Oberen Sand in Oberlenningen unterkommen. Eine Größenordnung, die dem Lenninger Schultes Michael Schlecht Sorgenfalten auf die Stirn getrieben hat. Im Lenninger Rathaus gilt die Zahl von 112 Flüchtlingen als verträgliche Obergrenze. Im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung will sich der Gemeinderat jetzt des Themas annehmen. Die Beratung am Dienstag, 16. Februar, findet des erwarteten hohen öffentlichen Interesses wegen im Feuerwehrhaus statt.

Unterm Strich haben im Kreis Esslingen, Stand Januar 2016, derzeit rund 5500 Flüchtlinge in Rahmen der vorläufigen Unterbringung ein mehr oder weniger festes Dach über dem Kopf.

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