Von Schlangen vor Ladenkassen oder auf Autobahnen halten Luck Lehner und Matthias Stradinger nichts. Wenn sie aber auf ein lebendiges Exemplar der Schuppenkriechtiere treffen, sind sie begeistert. "Das sind tolle Tiere", schwärmen die beiden Mitglieder der Waldenbucher Fischergemeinschaft. Keine Frage, dass sie bei den Vereinsabenden am Rohrwiesensee auch nach den Reptilien schauen, die am Ufer des Fischerteichs zu Hause sind. Einer verletzten Ringelnatter haben die beiden Angelfreunde mit ihrem Faible für die züngelnden Zeitgenossen nun das Leben gerettet.
War es ein Männchen oder ein Weibchen? Über diese Frage sind sich die Vereinskameraden uneinig. Das ist aber auch egal. Jedenfalls war es ein Prachtexemplar von einer Ringelnatter, das Lehner Anfang Juli beim Fischen am Rohrwiesensee im Schilf entdeckt hat. Bei genauerer Betrachtung verflog die Freude über den Fund. "Das Tier war an der Seite aufgerissen. Aus einer etwa vier Zentimeter langen Wunde im hinteren Körperbereich hingen Muskelfleisch und Teile des Gedärms heraus", erinnert sich der 59-Jährige.
Einfach gehen und das Tier seinem Schicksal überlassen kam für den Reptilienfreund nicht in Frage. Eine Stunde lang jagte er die verletzte Schlange. Als er gerade aufgeben wollte, schlängelte sich die Ringelnatter lammfromm vor seine Füße und ließ sich problemlos einfangen. Lehner staunte: "Es war, als hätte sie gewusst, dass sie Hilfe braucht." Tatsächlich runzelte die örtliche Tierärztin die Stirn, als der Retter mit dem außergewöhnlichen Patienten bei ihr auftauchte. "Ich glaube kaum, dass sie durchkommt", lautete die Diagnose nach einer kleinen Not-Operation. Auch Lehner war skeptisch. "Das sah nicht gut aus."
Mittlerweile hatte er seinen Vereinskameraden Matthias Stradinger informiert, der unter den Fischern als Schlangenexperte bekannt ist. Gemeinsam mit seiner Frau Jutta besitzt er zwei rote Regenbogenboas und fünf Königspythons. Das Ehepaar übernahm die Pflege. "Ich hatte zufällig ein Terrarium frei", erzählt der 31-Jährige, für den die Überlebensfrage Ehrensache war. Zweimal pro Tag inspizierte Stradinger die Wunde und freute sich, als das Tier nach drei Tagen wieder munterer wurde.
Nach knapp zwei Wochen war die Verdauung wieder intakt, und die Ringelnatter erwies sich als falsche Schlange: Sie fing an, den Gastgeber anzufauchen. Für Stradinger ein deutliches Signal: "Das Tier war wieder fit." Gemeinsam mit Lehner brachte er den genesenen Patienten zurück zum Rohrwiesensee. Ein Glücksmoment, von dem die Retter schwärmen: "Die ging ab wie eine Rakete. Es ist ein tolles Gefühl, dass wir dem Tier helfen konnten."
Seitdem nehmen die beiden Angler den Schilfgürtel um den Rohrwiesensee an den Vereinsabenden besonders genau unter die Lupe. Ihren Schützling haben sie bislang jedoch nicht wieder entdeckt. Übermäßige Sorgen machen sich die Schlangenfreunde deshalb nicht. Sie wissen: "Die Ringelnattern sind gerade mit der Eiablage beschäftigt. Da sieht man sie nicht." Geduld gehört zum kleinen Angler-Einmaleins. Irgendwann, da sind sich Lehner und Stradinger sicher, wird sich ein Prachtexemplar von einer Ringelnatter am Ufer sonnen, über dessen Rücken sich eine vier Zentimeter lange Narbe schlängelt.