Unerwartete Luftpost aus Stuttgart-Stammheim Was ein nasser Luftballon mit Thomas Mann zu tun hat

Von Hans-Dieter Wolz 

Hans-Dieter Wolz, Redakteur der Fellbacher-Zeitung, bekam unerwartete Luftpost aus Stammheim.
Hans-Dieter Wolz, Redakteur der Fellbacher-Zeitung, bekam unerwartete Luftpost aus Stammheim. Foto: Patricia Sigerist
Hans-Dieter Wolz, Redakteur der Fellbacher-Zeitung, bekam unerwartete Luftpost aus Stammheim. Hans-Dieter Wolz, Redakteur der Fellbacher-Zeitung, bekam unerwartete Luftpost aus Stammheim. Foto: Patricia Sigerist

Eine ungewöhnliche Nachricht aus Stuttgart-Stammheim hat die Redaktion der Fellbacher Zeitung erreicht.

Fellbach/Stammheim - Die folgende kleine Geschichte ist aus dem Leben gegriffen und keine Fiktion, obwohl es um Thomas Mann geht. Dieser Thomas Mann ist allerdings kein Schriftsteller wie der großartige Romancier, Nobelpreisträger, Autor der „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“, auch nicht verwandt oder verschwägert, sondern Pfarrer in Stammheim. Auf ihn ist der Autor dieser Zeilen auf herrlich altmodische Weise aufmerksam geworden.

Verblüfft beobachte ich am Schlechtwetter-Freitagabend durch mein Bürofenster in der Lise-Meitner-Straße in Fellbach, dass es jetzt Luftballons regnet. Na ja, es ist nur einer, wie ich feststelle. Er ist ermattet, im Sinkflug, die Kraft seiner Gasfüllung hat ihn fast verlassen. Er hüpft noch ein paar Mal auf und legt schließlich seine einzige Last, ein Stück lila Karton, auf dem nassen Boden ab. In Kürze wird der Karton durchnässt und unleserlich sein. Ein hoffnungsvolles Kind dürfte der Aussender sein, das darfst du jetzt nicht enttäuschen, sage ich mir, springe also durch den Regen und rette das Hilfeersuchen: „Sag mir, wo du mich gefunden hast“, steht da. Auch Luftballon-Aussender gehen mit der Zeit. Kein Name, keine Adresse, datenschützerisch bewusst ist nur eine E-Mail-Adresse angegeben. Sie startet mit „kontakt@...“. Ich schreibe also über meinen Fund und tippe: „Die Wärme in unserem Büro hat ihm gut getan. Im Augenblick hängt er wieder an der Decke.“

Luftballon-Start beim Waldheimfest

Ein ganz klein wenig aufgeregt bin ich nun selbst. Wer wird sich melden und woher? Meine letzte eigene Luftballon-Aussendung war während eines Waldheimaufenthalts vor etwa 55 Jahren. Dass ihn jemand gefunden und geantwortet hätte, erinnere ich mich nicht. Weder auf eine fremde Luftballon-Nachricht, noch eine Flaschenpost, daher auch nicht auf die erhoffte versteckte Schatzkarte von einer Südsee-insel bin ich je gestoßen. Als Aussender des Luftballons meldet sich kein Kind, sondern der 53-jährige Thomas Mann, der geschäftsführende Pfarrer der evangelischen Kirche in Stuttgart-Stammheim. Er bedauert, dass er – ein Kind als Finder erwartend – mich auf dem Karton unbekannterweise mit Du angeredet hat. Ich klicke auf „Antworten“ und bitte gleichfalls um Entschuldigung, dass ich ihn in meiner Kontakt-E-Mail geduzt habe.

Erfreut teilt er die von mir gewünschten Details mit: Der „Massenstart“ der Luftballons erfolgte um kurz vor 18 Uhr bei der TV-Gaststätte. Das war als krönender Abschluss des dortigen Sommer-Waldheims – im Rahmen des Elternfestes am letzten Nachmittag – gedacht. Die evangelische Kirche ist der Träger dieser Stadtranderholung. 125 Kinder, darunter auch Flüchtlingskinder, hatten vom 31. Juli bis eben 11. August teilgenommen und lauter blaue Luftballons – das Waldheim-Thema lautete „Die Schlümpfe“ – gestartet. Ob auch Kinder Nachricht von der Landung ihres Ballons bekommen haben und aus welcher Entfernung, weiß Pfarrer Mann nicht: „Einen Preis haben wir nicht ausgelobt.“

Ich rechne nach: Etwa eine Stunde hat der Ballon für die Reise durch den Regen gebraucht. Auch wenn Luftballons bei besserem Wetter leicht größere Entfernungen zurücklegen können, sagt Thomas Mann: „Schon irgendwie lustig, dass es meiner wenigstens bis nach Fellbach geschafft hat.“ Auf das Angebot, den jetzt schwindsüchtigen Luftballon in der Redaktion in Fellbach abzuholen, mag er dennoch nicht eingehen.

Redaktion Stammheim

Ansprechpartner
Chris Lederer
stammheim@stz.zgs.de

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