Umfrage zur Lehrerfortbildung beginnt Ministerin gibt Gas bei der Qualitätsentwicklung

Von Renate Allgöwer 

Digitale Klassenzimmer stellen die Lehrer vor neue Herausforderungen. Hier könnte ein neues Fortbildungskonzept helfen. Foto: Fotolia
Digitale Klassenzimmer stellen die Lehrer vor neue Herausforderungen. Hier könnte ein neues Fortbildungskonzept helfen.Foto: Fotolia

Am Montag bekommen die Lehrer Post von ihrer Kultusministerin. Die Online-Befragung zur Lehrerfortbildung beginnt. Schon im Sommer will Susanne Eisenmann ein Qualifizierungskonzept vorlegen.

Stuttgart - Am Montag, gleich nach den Osterferien, bekommen die 3900 öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg Post von ihrer Chefin. Kultusministerin Susanne (CDU) fordert die 118 000 Lehrerinnen und Lehrer im Land zur Teilnahme an einer Online-Befragung zur Fortbildung auf. 15 Seiten umfasst der Fragebogen ausgedruckt, der unserer Zeitung vorliegt. 24 Fragen sollen die Pädagogen bis zum 8. Mai beantworten. Zum Beispiel, in welchen Bereichen sie sich mehr Fortbildungen wünschen. Wenig überraschend kann dabei die Bedeutung von Themen wie Elternarbeit, Heterogenität, Bildungsplan oder Migration gewichtet werden. Breiten Raum nimmt die Anwendung von digitalen Medien ein. Es geht um Apps, Blogs, Moodle oder auch inverted Classroom. Dazu lauten die Fragen beispielsweise „ist mir bekannt, setze ich ein, dazu möchte ich eine Fortbildung besuchen, an einer Fortbildung zu diesem Thema möchte ich nicht teilnehmen“.

Eisenmann geht es aber bei der Befragung ausdrücklich nicht nur um die Inhalte. „Wir schauen auch die Strukturen der Fortbildungen genau an“, sagte eine Sprecherin des Ministeriums dieser Zeitung. Dazu wird etwa gefragt: wie erfährt ein Lehrer überhaupt von Fortbildungen, wie bucht man sie, sind Präsenzveranstaltungen besser als E-Learning, sollten Fortbildungen zentral, regional oder schulintern angeboten werden?

Baustein zur Qualitätsverbesserung

Noch vor der Sommerpause will die Ministerin ein neues Konzept zur Lehrerfortbildung vorlegen. Dieses soll Bestandteil der von Eisenmann angestrebten Qualitätsverbesserung der Schulen sein. Seit dem miserablen Abschneiden der baden-württembergischen Schulen beim Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Oktober 2016 sucht das Kultusministerium Wege, um die Leistungsfähigkeit und die Qualität des baden-württembergischen Schulsystems zu verbessern.

„Die Bildungsforschung weist schon lange auf den Zusammenhang zwischen Lehrerfortbildung und der Unterrichtsqualität hin“, sagte Eisenmann dieser Zeitung. Doch für die Neuausrichtung „brauchen wir erst eine systematische Bedarfsanalyse“. Dies sei der Anlass der Umfrage. „Es ist uns wichtig, die Kompetenz und Einschätzung derer zu erfahren, für die wir das Angebot machen“.,

Mit Blick auf die Strukturen ist für die Kultusministerin schon jetzt klar: „Wir müssen die vorhandenen Angebote bündeln und kritisch prüfen“. Bis jetzt können sich zu wenig Lehrer überhaupt für eine Fortbildung erwärmen. Künftig müsse der Fokus „stärker auf der Unterrichtsqualität liegen“. Lehrer müssten sich wieder mehr auf das Kerngeschäft Unterricht konzentrieren können. „Dafür brauchen wir auch ein einheitliches Fortbildungssystem, das stärker auf die Unterrichtsrealität ausgerichtet ist“, sagte Eisenmann auf Anfrage. „Wir werden unsere Strukturen in der Schulverwaltung kritisch ansehen“, kündigt die Ministerin schon vor Beginn der Befragung an.

Bis jetzt machen im Land viele Institutionen unterschiedliche Angebote. Es gibt zentrale Fortbildungen bei den Landesakademien für Lehrerfortbildung, Regierungspräsidien und Schulämter organisieren regionale Veranstaltungen. Den Überblick, besonders über die regionalen Angebote, habe eigentlich niemand so richtig, heißt es im Kultusministerium.

Wissenschaft außen vor

Um Fortbildungskonzepte bemühen sich auch die Hochschulen im Land, beispielsweise die Universitäten in Freiburg und Tübingen. Bei der aktuellen Befragung jedoch ist die Wissenschaft außen vor. Zur Überraschung diverser Bildungsexperten hat den Fragebogen das Kultusministerium zusammen mit dem Hauptpersonalrat erstellt. Dabei habe es zunächst längere intensive Kontakte, beispielsweise zur Universität Tübingen, gegeben. Aus dem Ministerium heißt es nun, die jetzt beginnende Online-Befragung sei eine Bedarfsanalyse aus Sicht der Betroffenen. Eine langwierige Evaluation und wissenschaftliche Auswertung des Angebots sei nicht das Thema.

Von Hamburg lernen

Statt dessen sucht Eisenmann den Kontakt zu anderen Bundesländern, die bei den nationalen Leistungsvergleichen etwa dem IQB-Bildungstrend besser abgeschnitten haben als der Südwesten. Sie hat sich mit Experten aus Hamburg und Schleswig-Holstein beraten. So habe etwa Hamburg ein einheitliches Fortbildungssystem entwickelt und mit einem Controllingsystem gebündelt. Auch Eisenmann will ein strategisches Bildungsmonitoring einführen.

Die Erziehungswissenschaftler, zum Beispiel der Tübinger Professor Thorsten Bohl, begrüßen, dass sich Eisenmann mit der Fortbildungskonzeption beschäftigt. „Doch man könnte erwarten, dass sie mit der Wissenschaft kooperiert“, findet Bohl – und könnte sich Tübingen vorstellen.

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