Ulrike Groos über die Biennale Venedig „Viele Bezüge zur Musik“

Von Nikolai B. Forstbauer 

Bunt und schrill, aber auch politisch und vor allem mit viel Hintersinn zeigt sich die „57. Esposizione Internazionale d’Arte“ – die Kunstbiennale von Venedig. An diesem Samstag wird die Schau eröffnet. Stuttgarts Kunstmuseumschefin Ulrike Groos zeigt sich im Interview der „Stuttgarter Nachrichten“ begeistert.

Stuttgart Die Tage vor der offiziellen Eröffnung der Biennale machen Venedig traditionell zur großen Bühne der internationalen Kunstwelt. „Es ist eine ungemein wichtige Plattform, um sich auszutauschen“, sagt Stuttgarts Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos im Interview. -

Frau Groos, Sie sind gemeinsam Anne Vieth, neue Kuratorin im Kunstmuseum Stuttgart, und ihrer Kollegin Eva-Marina Froitzheim, in ­Venedig – wie erleben Sie die Biennale?
Wie jede Großausstellung sehr vielseitig und durchaus ambivalent. Auffällig ist, wieviele Länderbeiträge mit Musik arbeiten, beispielsweise Frankreich, kuratiert ja auch von Christian Marclay, dem die Staatsgalerie und das Kunstmuseum vor zwei Jahren Ausstellungen widmeten und der den ­gesamten Pavillon zu einem Konzertsaal umgewandelt hat.
Musik spielt ja auch im Deutschen Pavillon eine zentrale Rolle.
Ja, Gesänge sind Teil der gesamten Performance von Anne Imhof. Im türkischen ­Pavillon wiederum trifft man auf eine Klanginstallation. Auch in den großen ­Ausstellungshallen des Arsenale setzt sich dieser Schwerpunkt fort – dort mit ­Beiträgen etwa von Kader Attia, Anri Sala, Ernesto Neto oder Nevin Aladag.
Wie erwartet gibt es zahlreiche politische ­Bezüge. Funktionieren sie?
Die künstlerische Beschäftigung mit den tatsächlich ebenfalls dominierenden ­Themen Migration, Geflüchtete und außereuropäische Kulturen ist teilweise ­problematisch, da die Gefahr der Instrumentalisierung offensichtlich wird.

Candice Breitz’ „Love Story“ als Publikumsmagnet in Venedig

Die Tage in Venedig sind immer auch eine große Informationsbühne. Das Kunstmuseum Stuttgart soll, so hört man, zuletzt in der Kollegen-Wahrnehmung noch einmal einen Sprung gemacht haben. Ist das spürbar?
. .. trotz des Themas Migration?
Candice Breitz zeigt in „Love Story“ einen sehr klugen Umgang mit inviduellen ­Biografien geflüchteter Mitmenschen. Diese Präzision wird offenbar sehr geschätzt.
Prominent ist Nevin Aladag zu sehen – auch mit Fäden nach Stuttgart?
Aladags 2015 in Stuttgart für das Kunst­museum produziertes Städteporträt „Traces“ ist in den Arsenale-Hallen präsentiert. Und da zieht man schon Verbindungen, wenn Nevin Aladag in diesem wichtigen Kunstjahr mit verschiedenen Werken und Performances sowohl auf der Weltkunstausstellung Documenta in Athen und Kassel als auch in Venedig vertreten ist.

2018 setzt das Kunstmuseum auf das Thema „Ekstase“

Nach Venedig ist vor einer Ausstellung: Bringen Sie einen Ausstellungswunsch für eine Künstlerin oder einen Künstler mit?
Die Biennale Venedig ist immer gut für ­Neu- und Wieder-Entdeckungen. In diesem Jahr sind es Künstlerinnen wie Maria Lai, Heidi Bucher, Geta Bratescu oder Huguette ­Caland, die mich besonders beeindrucken. Für unsere große Ausstellung zum Thema der Ekstase in Kunst, Musik und Tanz, die im Herbst 2018 eröffnet, konnten wir, bedingt durch die thematische Gliederung der Hauptausstellung „Viva Arte Viva“, insbesondere in den Räumen zu ­Schamanismus und Dionysischem Kult ­einige Anregungen erhalten.
Dann hat sich die Reise offenbar gelohnt?
Unbedingt.

Ulrike Groos – zur Person

1963 in Schlüchtern geboren, arbeitet nach dem Studium unter anderem als Co-Kuratorin der Sammlung Hauser & Wirth und lenkt die Kunsthalle Düsseldorf (2002-2009).

2010 übernimmt sie die Leitung des Kunstmuseums Stuttgart.

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