„Über Kunst“ mit Renate Wiehager „Wir sind zunächst einmal Dienstleister“

Von Thomas Morawitzky 

Die „Stuttgarter Nachrichten“ präsentieren die Kunstlenkerin der Daimler AG.

Stuttgart - Eine Doppelpremiere erleben am Dienstag 200­­­ Leserinnen und Leser unserer ­Zeitung als Besucher des Abends mit Renate ­Wiehager in unserer Gesprächsreihe „Über Kunst“. Erstmals unternimmt „Über Kunst“ ein „Auswärtsspiel“ (angestammte Bühne ist die Galerie Parrotta in Stuttgart) und findet in den Räumen der Daimler AG in Stuttgart-Möhringen statt. Und das „Über Kunst“-Publikum sieht die jüngste Sammlungspräsentation zu chinesischer Gegenwartskunst noch vor deren offizieller ­Eröffnung.

Information vor Ort

Renate Wiehager reist viel. „2014“, sagt sie, „haben wir begonnen, chinesische Kunst zu kaufen, aber gereist bin ich in China schon seit 2003.“ Seither begibt Wiehager sich jährlich in Begleitung des Stuttgarter Künstlers Andreas Schmid, Kenner der chinesischen Kunstszene, für mindestens eine Woche ins Land, begegnet Künstlern und Sammlern. Auch Südafrika und Südamerika erkundete die Kunsthistorikern zuvor auf ähnliche Weise. China jedoch wurde für sie zu einer besonderen Herausforderung: „Mit westlichem Kunstbesteck“, sagt sie im Podiumsgespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Titelautor der „Stuttgarter Nachrichten“, „kommt man dort nicht weit. Ich musste das lernen wie eine fremde Sprache – wie die Dinge zusammenhängen, wie man dort Qualitäten erkennt. Ich habe mir zehn Jahre Zeit gelassen, bevor ich begonnen habe, in China Kunst zu kaufen.“

Auf Werke von Ai Weiwei, noch immer ­gefragtester chinesischer Künstler, verzichtete sie bei ihren Ankäufen ganz: „Ich dachte: Super, der ist überall in der Welt, da können wir uns gelassen anderen Aspekten zuwenden.“ Für die Sammlung der Daimler AG erwarb Renate Wiehager Arbeiten von 20 mitunter wenig bekannten chinesischen Künstlerinnen und Künstlern. „Frauen und auch Künstlerinnen haben es in China noch immer sehr schwer“, sagt Wiehager. 14 Künstler und sechs Künstlerinnen stellt sie nun vor – „eine gute Quote“.

2700 Werke in der Sammlung

Drei Generationen chinesischer Kunst seit den 1970er Jahren finden sich nun in der Daimler Sammlung; Werke der klassischen abstrakten Malerei, die an einen Schwerpunkt der Sammlung anknüpfen, aber auch Fotoarbeiten und Medienarbeiten. „Schon hier in Möhringen versuchen wir, China als einen Schwerpunkt zu zeigen, die Werke aber auch ins Gespräch mit anderen Positionen zu bringen“, sagt Wiehager. „Wir wollen keinen kulturellen Zoo aufmachen.“

Die Daimler Kunstsammlung umfasst derzeit 2700 Werke; die Hälfte von ihnen ist an den verschiedenen Standorten des Unternehmens präsent. „Das allein spricht schon unglaublich viele Mitarbeiter an“, sagt ­Renate Wiehager. Rund 40 000 Menschen ­besuchen jährlich das Ausstellungsforum Daimler Contemporary am Potsdamer Platz in Berlin, seit 2003 reisen Teile der Sammlung in einer Tournee um die Welt und locken, etwa in Buenos Aires, auch mal 250 000 Besucher. Mehr als 200 000 Menschen, schätzt Wiehager, sehen im Durchschnitt jedes Jahr Kunst aus der Sammlung Daimler. Sie selbst begreift sich dabei in ihrer Rolle als Leiterin dieser Sammlung noch immer „und immer wieder“ als Dienstleisterin.

„Ich habe überwiegend mit Kollegen zu tun, die Scheibenwischer entwickeln oder neue Motoren erfinden oder ein Design ausarbeiten“, sagt sie. Die Präsenz der Daimler-Sammlung in den Räumen des Unternehmens lässt immer wieder Gespräche entstehen – auch kontroverse: „Wir geben zwei Mal im Monat Führungen, hier in Möhringen. Manch ein Kollege kommt zu einer Führung, weil er sich beschweren möchte und sagt: Weshalb muss ich mir im Betriebsrestaurant Bilder ansehen, die etwas zeigen, das mich traurig macht?“

Andere Mitarbeiter der Daimler AG treten mit Neugier, Interesse, dem Bedürfnis, zu lernen, an die Kunst der Sammlung heran. Am Standort Berlin und bei internationalen Ausstellungen erreicht die Sammlung indes ein Publikum mit starkem Kunstbezug – und Renate Wiehager sieht ihre Aufgabe ganz unromantisch darin, Menschen, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen für Kunst interessieren, einen Zugang zur Sammlung zu eröffnen: „Das ist eine tägliche, ziemlich handfeste Aufgabe.“

Klare wirtschaftliche Basis

Eine Aufgabe, der sie auf sehr solider ­Basis begegnen kann: „Es ist ein Glücksfall“, sagt Wiehager, „dass unsere Arbeit ganz unabhängig ist, dass wir nicht in jedem neuen Jahr Budgets verhandeln müssen.“ Seit 15 Jahren stehen ihr feste Budgets für Ankäufe und Ausstellungen zur Verfügung – „Und deshalb kann ich immer zwei bis drei Jahre im Voraus planen.“ Dass Daimler 2010 Jeff Koons „Balloon Flower (Blue)“ zur ­Versteigerung gab – dies, räumt Renate ­Wiehager ein, war der Finanzkrise geschuldet: „Jede Abteilung musste etwas abgeben.“ Und die Abteilung Kunstbesitz, dies betont sie oft, ist im Hause Daimler eine ­Abteilung wie ­jede andere.

Und wie sieht sie den viel diskutierten Verkauf eines Werks der Serie „Cars“ von Andy Warhol? Wiehager verweist auf die Konzeption der Sammlung: „Ein Grundprinzip unserer Sammlung ist die Mobilität. Dieses Bild hat ein sehr großes Format, ist mit mehr als vier Meter Breite im Grunde nicht zu bewegen; es hing hier 25 Jahre lang. Für uns schien es nicht mehr sinnvoll, es zu behalten. Also haben wir es verkauft.“

Nicht jeden Hype mitmachen

Wichtig für Renate Wiehager ist stets die Frage, auf welche Weise sich die Sammlung der Daimler AG mit eigener Identität zwischen öffentlichen Institutionen – in Stuttgart etwa Staatsgalerie, Kunstmuseum und Württembergischer Kunstverein – positionieren kann. „Was“, fragt sie, „kann eine Unternehmenssammlung da leisten?“ Und sie setzt auf Tiefe, neue Kontexte, auch auf Forschung. „Wir müssen nicht die neuesten Trends und Hypes mitmachen. Wir können relativ gelassen sein.“

Sehr gelassen also ging Renate Wiehager an die von ihr schon als Direktorin der Galerie der Stadt Esslingen forcierte Vermittlung von Zero heran, baute die geometrisch-ab-strakte Avantgarde des 20. Jahrhunderts als von ihrem Vorgänger Hans J. Baumgart begründeten Sammlungsschwerpunkt aus – mit Rückbezügen bis zu Adolf Hölzel. Sie weitete die Sammlung zudem in Bereiche wie die internationale Medienkunst und Fotografie aus. „Wir sind ja kein Museum, wir können nicht alle möglichen Facetten abdecken“, sagt sie. „Wir müssen uns fokussieren. Aber heute haben wir eine sehr charakteristische Sammlung, ein Profil, und doch haben wir eine große Breite erreicht.“

Renate Wiehager hat Erfahrungen, die sie bei der Kunstvermittlung in Südamerika oder Südafrika machte, in ihre Arbeit integriert; seit Langem schon, sagt sie, besuche sie keine Kunstmessen mehr. „Wenn ich mit 3000 Kunstwerken konfrontiert bin, ohne einen entsprechenden Kontext, ist es schwer, über Qualitäten zu entscheiden.Das kann man eigentlich nur, wenn man im Land ist und dort versucht, sämtliche Zusammenhänge zu lernen, aus denen heraus Kunst entsteht.“ Dass ihr Augenmerk dabei auch auf der regionalen Kunstszene Baden Württembergs liegt, ist ihr selbstverständlich. „Schon unter Hans Baumgart“, sagt ­Wiehager, war es klar, dass man immer schaut: Was tut sich in der Region?“

Der Traum? Ein Kunstpalast

Ein gutes Stichwort, haben doch einige Leserinnen und Leser vorab die Frage formuliert, wann denn ein Berlin vergleichbares Daimler-Ausstellungsform in Stuttgart realisiert wird. „Wir haben einen öffentlichen Raum in Berlin“, sagt Renate Wiehager. „Hier in Baden Württemberg ist die Sammlung auf andere Weise präsent.“ Immer wieder realisiert Daimler aus seiner Sammlung heraus Ausstellungen in kommunalen Kunstmuseen im Land. Zugleich sind ständig Werke in internationalen Häusern unterwegs. Renate Wiehager scheint zufrieden. „Wir bestellen ein ziemlich weites Feld. Und das ist o.k. Die Idee ist: Mit den Ressourcen, die wir haben, effizient zu arbeiten.“

Aber hat nicht auch die Leiterin der Daimler Kunstsammlung Träume? „Wenn man mir einen schönen Palast bauen würde, hätte ich sicher nichts dagegen“, sagt sie, lacht, und denkt dabei sogleich wieder ans Praktische: „Vor allem, wenn man mir dazu auch das Personal stellen würde.“

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