Um Punkt 10.40 Uhr am Montagvormittag ist es so weit: Thomas Dietz schiebt mit seiner linken Hand vorsichtig einen kleinen Hebel nach vorne, und "Caesar 1588" setzt sich langsam in Bewegung. Was für den Leiter der SSB-Fahrschule nur eine kleine Aktion mit seinem Handgelenk ist, soll für den Stuttgarter Norden ein großer Schritt in die Zukunft sein: Die erste Bahn der Linie U 15 rollt vom Zuffenhäuser Rathaus zur Endhaltestelle nach Stammheim. Noch sitzen freilich keine regulären Fahrgäste auf den blauen Sitzen, sondern Dutzende von Männern in orangefarbenen Westen. Es sind Mitarbeiter der Stuttgarter Straßenbahnen und verschiedener Ämter, die bei der ersten Profilfahrt auf der knapp drei Kilometer langen Neubaustrecke gespannt verfolgen, ob der 40 Meter lange Zug problemlos an sein Ziel kommt.
Gleich zu Beginn kommt ein neuralgischer Punkt. Nach Einfahrt in den Tunnel machen die Gleise eine für SSB-Verhältnisse scharfe Linkskurve. Die Bahn neigt sich und es rattert ein wenig, doch sonst gibt es keinerlei Schwierigkeiten. "Wir sind schon über 100 Meter gefahren und haben noch nichts gestreift", kommt es nicht ganz ernst, aber durchaus erleichtert, aus den Reihen der Techniker. "Es wird vor allem darauf geachtet, dass alles hindernisfrei ist", erläutert Eberhard Jüngert aus dem SSB-Betriebsleiterbüro den Sinn und Zweck der Fahrt. Bevor die Bahn angerollt ist, haben Techniker die Strecke am Montagmorgen abgelaufen, um nach dem Rechten zu sehen. In den Wochen zuvor sind Bauzüge unterwegs gewesen, um die Schienen zu vermessen. Ein richtiger Stadtbahnzug ist zuvor noch nicht über die Gleise gefahren.
Mit rund zehn Stundenkilometern geht es durch den knapp 1100 Meter langen Tunnel. "Kirchtalstraße/Volksbank Zuffenhausen" erschallt es aus den Lautsprechern im Fahrgastabteil, die Haltestellenansage ist schon eingespeichert. 80 bis 100 Meter vor dem Haltepunkt wird die Ansage automatisch ausgelöst. Thomas Dietz muss, wie alle Stadtbahnfahrer, den Zug auf einen Meter genau zum Stehen bringen. Das hat auch damit zu tun, dass die Bahnsteigmarkierungen, die Sehbehinderten den Einstieg erleichtern sollen, genau zu den Türen führen.
Nachdem an der Haltestelle alles geklappt hat, muss die U 15 mitten im Tunnel bremsen. Am Gleiskörper liegt ein Stück eines Geländers, das ein flinker Arbeiter schnell bei Seite räumt. Im Tunnel wird auch gleich ausprobiert, ob mit der Funkverbindung zur Leitstelle alles funktioniert. Außerdem steigt ein Techniker schnell aus und prüft, ob die Hinweisschilder für die Notausgänge gut zu sehen sind. Das eine oder andere Signal zeigt zwar Rot, das ist heute aber nicht schlimm. Die Zwangsbremse kann nämlich vom Fahrer deaktiviert werden.
An der Salzwiesenstraße kommt die U 15 wieder ans Tageslicht. Passanten recken neugierig ihre Hälse und reiben sich verwundert die Augen. Eigentlich, so ist doch immer wieder zu lesen, startet der U-15-Verkehr doch erst nächsten Monat. Dann wird die Linie, sozusagen als Auftaktgag, Besucher des Zuffenhäuser Weihnachtsmarktes zum Weihnachtsmarkt nach Stammheim bringen. Gerade in Stuttgarts nördlichstem Stadtbezirk wartet man besonders sehnsüchtig auf den Schienenanschluss. Nach der letzten Fahrt der Straßenbahnlinie 15 im Dezember 2007 haben die Stammheimer mit einem Busersatzverkehr vorlieb nehmen müssen.
Während der Fahrt ertönt im Führerhaus immer wieder ein kurzer Warnton. Im 20-Sekunden-Takt muss der Fahrer irgendeinen Hebel oder Schalter betätigen, um der Elektronik so ein Lebenszeichen von sich zu geben. Tut er das nicht, summt es. In Stammheim ist die Strecke zunächst frei, nur wenige Autos und Passanten sind an der Freihofstraße unterwegs. An den Haltestellen Wimpfener Straße und Heutingsheimer Straße gibt es keinerlei Komplikationen. Ein paar Meter weiter hingegen schon: Zwei Arbeiter sind gerade damit beschäftigt, weiße Streifen für einen Fußgängerüberweg auf die Fahrbahn zu kleben. Diese Aktion löst bei den Passagieren an Bord Verwunderung aus. Schließlich war doch allen zuständigen Stellen mitgeteilt worden, dass heute eine Messfahrt auf dem Programm steht und die Strecke frei sein sollte. Der Zug muss kurz warten, bis die Arbeiter ihre Werkzeuge und die Absperrung weggeräumt haben.
Im Gegensatz zu den Markierungsarbeiten ist das nächste Hindernis keine Überraschung. An einer Einmündung der Freihofstraße hat ein Autofahrer vor kurzem unliebsame Bekanntschaft mit einem Vorfahrtsschild gemacht. Seitdem steht das Schild schief und ragt verdächtig weit in Richtung Bahntrasse. In Schrittgeschwindigkeit geht es daran vorbei, es ist aber genug Platz und der Rückspiegel der Bahn bleibt heil. Bevor die Endhaltestelle am Stammheimer Rathaus erreicht wird, steigt Thomas Dietz aus und legt Hand an. Damit der Zug aufs richtige Gleis kommt, muss eine Weiche manuell umgestellt werden. Wenige Augenblicke später ist es dann geschafft: Die U 15 rollt an den Prellbock, ein neues Kapitel Stadtbahngeschichte ist aufgeschlagen.
"Unsere Techniker sind im Großen und Ganzen zufrieden", sagt SSB-Pressesprecherin Susanne Schupp. Zwar müsste an Signalen und anderen technischen Ausrüstungen noch das eine oder andere justiert werden, größere Schwierigkeiten seien aber bei der Profilfahrt nicht aufgetaucht. Bevor die erste U 15 im Dezember mit regulären Passagieren losrollt, stehen weitere Messfahrten an. Dabei werden unter anderem Fahrleitungen und Zugsicherungstechnik überprüft. Zudem sind drei Feuerwehr-Übungen geplant. Noch im November sollen die Stadtbahnfahrer die neue Trasse kennen lernen. "Ohne Einweisung darf keiner auf die Strecke", sagt Thomas Dietz. Am 10. Dezember soll es dann so weit sein: Das Signal am Tunneleingang vor dem Zuffenhäuser Rathaus wird offiziell von Rot auf Grün springen und eine neue Zeitrechnung einläuten.