TV-Serien-Hype um Tykwers „Babylon Berlin“ Endlich, Deutschland kann auch Serie!

Von Gunther Reinhardt 

Na, es geht doch: Bisher hat Deutschland nur dabei zugesehen, wie überall auf der Welt ein Goldenes Zeitalter der TV-Serien begonnen hat. Dank „Babylon Berlin“ mischen die einheimischen Produzenten endlich auch selbst mit.

Berlin - Im Morgengrauen treibt ein Körper auf der Spree. Während die Kamera die Leiche umkreist und schließlich ins kalte Wasser taucht, singt Marlene Dietrich davon, dass in dieser Stadt der Mensch gefährlich lebt und die Moral gleich neben dem Laster wohnt: Berlin im Jahr 1929 ist ein gefräßiger Großstadtmolloch, der es keinem leicht macht. Während die einen von der Weltrevolution träumen, mit ihren roten Fahnen auf dem Neuköllner Herrmannplatz demonstrieren, betäuben die anderen ihre Sinne, schlürfen am Tiergarten im Moka Efti Champagner und kaufen sich ein Stockwerk tiefer Sex.

Durch diese ruppig-wilde Stadt irren zum Beispiel der Trotzkist Kardakow (Ivan Shvedoff), der von Berlin aus Stalin stürzen will, die exzentrische Sängerin Nikoros (Severija Janušauskaite), die für einen Bahnwaggon voller Gold bereit ist, ihre Liebe zu verraten, der vom Krieg traumatisierte Sittenpolizist Rath (Volker Bruch), sein Kollege Wolter (Peter Kurth), der Heimlichtuereien liebt, und Lotte (Liv Lisa Fries), das nette Mädchen von nebenan, die sich gerne als Kommissarin ausgibt, eigentlich aber tagsüber Schreibkraft ist und sich nachts im Moka Efti blaue Flecken holt.

Zwischen Döblin und Zille

Die Serie „Babylon Berlin“ beruht auf einer sehr erfolgreichen Kriminalromanreieh von Volker Kutscher, deren ersten Band Tom Tykwer, Henk Hendboegten und Achim von Borries adaptiert haben: als opulentes Sittengemälde aus der Weimarer Republik; als nervös zappelndes erzählerisches Ungetüm, das mal auf dekadenten Partys, mal in der Gosse haust; als kuriose, in Grau- und Blautönen gehaltene Collage, die zwischen den Millieustudien Heinrich Zilles (der 1929 starb) und Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (der 1929 erschien) zu Hause ist.

Die Serie ist ein virtuos inszenierter, geschmackssicher historisch kolorierter und musikalisch verzierter Thriller, bevölkert von lauter ambivalenten Figuren, deren Geschichten raffiniert miteinander verzahnt und nicht gleich jeden Handlungsstrang auserzählt, sondern Raum für Rätsel lässt; ein großartiges Ensemblestück, bei dem sich Fritzi Haberlandt, Matthias Brandt, Lars Eidinger oder Jens Harzer nicht für Nebenrollen zu schade sind.

„Babylon Berlin“, „Das Verschwinden“, „Dark“

„Babylon Berlin“ ist also genau das, was das deutsche Fernsehen dringend gebraucht hat. Denn das Goldene Zeitalter der TV-Serien hat bisher weitgehend ohne deutsche Beteiligung stattgefunden. Es gab zwar bereits ein paar Serien, die versuchten, es mit US-Qualitätsproduktionen wie „The Wire“, „Sopranos“, „Breaking Bad“ oder „True Detective“ aufzunehmen – oder zumindest mit skandinavischen Serien wie „Borgen“ oder „Die Brücke“. Doch entweder fehlte den TV-Verantwortlichen der Mut (Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“ wurde im Nachtprogramm versendet) oder den ­Zuschauern die Geduld (die von der internationalen Kritik gefeierte Serie „Deutschland 83“ wollte bei RTL2 kaum jemand schauen). Jetzt endlich scheint sich etwas zu tun. Gleich drei vielversprechende Projekte sollen dafür sorgen, dass wir Deutschen im Goldenen TV-Zeitalter nicht nur ­Zuschauer sind.

Da ist die erste deutsche Netflix-Serie „Dark“ – ein Mystery-­Thriller von Baran bo Odar, der am 1. Dezember weltweit auf Netflix startet. Da ist Hans Christian Schmids Miniserie „Das Verschwinden“, die vom 22. Oktober an von der ARD ­ausgestrahlt wird. Und da ist eben dieses herrlich größenwahnsinnige Riesending „Babylon Berlin“ – eine 40 Millionen Euro teure Koproduktion vom Bezahlsender Sky und der ARD, die an diesem Freitag bei Sky Premiere feiert und im Herbst 2018 im öffentlich-rechtlichen Programm zu sehen sein wird.

Die Serie feiert in Hollywood US-Premiere

Wer sich jetzt darüber beschwert, dass eine auch durch den Rundfunk­beitrag finanzierte Serie erst mit einem Jahr Verspätung frei empfangbar sein wird, der müsste es ebenso anrüchig finden, dass das Öffentlich-Rechtliche seit Jahrzehnten Kinofilme finanziert, auf die man im Fernsehen stets ähnlich lange warten muss. Und wer findet, dass die Serie zu teuer ist, weil eine 45-Minuten-Episode von „Babylon Berlin“ im Schnitt 2,5 Millionen gekostet hat, während ein 90-Minuten-„Tatort“ für die Hälfte zu haben ist, der sollte einmal ARD-Redakteure fragen, wieviele „Tatorte“ sie eigentlich schon ins Ausland verkauft haben. Netflix hat sich jedenfalls bereits die US-Rechte von „Babylon Berlin“ gesichert. Und Peter Kurth, der Ensemblemitglied am Stuttgarter Schauspiel ist, feiert mit Tom Tykwer gerade in Hollywood – dort findet nämlich die US-Premiere von „Babylon Berlin“ statt.

Sky, ab 13. Oktober, freitags um 20.15 Uhr (Doppelfolgen); in der ARD im Herbst 2018. 2 Staffeln à 8 Episoden.

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