TV-Auftritt bei Anne Will Merkel hält Kurs

Von Markus Grabitz 

Die Kanzlerin hält ihre Politik für erklärungsbedürftig und kommt wieder zu Anne  Will ins Studio. Foto: dpa
Die Kanzlerin hält ihre Politik für erklärungsbedürftig und kommt wieder zu Anne Will ins Studio.Foto: dpa

Unbeirrbar, in sich ruhend, auf dem Posten: Die TV-Zuschauer haben bei Anne Will eine Kanzlerin erlebt, die auch noch Guido Wolf aufatmen ließ.

Berlin - Sie geht ganz selten in eine Talkshow. Dass sie jetzt innerhalb von fünf Monaten gleich zwei Mal zu Anne Will kam, zeigt, wie erklärungsbedürftig die Kanzlerin selbst ihre Politik sieht. In der ARD haben die Zuschauer eine Kanzlerin erlebt, die mit etwas rauer Stimme, aber hoch konzentriert gleich in der ersten Einstellung direkt in die Kamera blickt. Vielleicht ist die Stimme überstrapaziert von den vielen Auftritten in den drei Ländern, wo gerade die heiße Phase im Landtagswahlkampf eingeläutet ist. Vielleicht hat sie sich erkältet.

Angeschlagen aber wirkt sie nicht. Sie läuft vielmehr zu Hochformen als Wahlkämpferin auf. Ja, die Lage für Guido Wolf im Südwesten sei schwierig, räumt sie ein. Sie hat sich vorgenommen, vor Millionen Zuschauern eine Lanze für ihn zu brechen. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann lässt ja kaum eine Gelegenheit aus, Merkel zu loben und punktet damit massiv im Lager der Union. Sehr zum Ärger von Wolf. Der hat sich schon über mangelnde Unterstützung aus dem Kanzleramt beschwert. Die bekommt er jetzt. „Ich freue mich über jede Unterstützung.“ Also auch vom grünen Kretschmann. Aber: „Wer mich wirklich unterstützen will, der sollte in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz CDU wählen.“ Ob es Wolf hilft?

Als die Moderatorin Merkel mit dem Stoiber-Wort konfrontiert, Merkel spalte das Land, reagiert sie gelassen. Umsteuern? „Nein“, sagte die Kanzlerin , „weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass der europäische Ansatzrichtig ist .“ Die Eckpfeiler ihrer Politik betet sie dann herunter: Außengrenze schützen, Türkei einbinden, illegale Migration bekämpfen, Durchwinkpolitik beenden, und das Schengen-Regime wieder in Kraft setzen.

Die Zeiten sind auch an ihrem Kabinettstisch, in ihrer eigenen Regierung dramatisch. Gerade erst hat SPD-Chef Sigmar Gabriel mehr Geld für Deutsche gefordert und damit in der Union für blankes Entsetzen gesorgt. Der Eindruck, so der Vize-Kanzler, dürfe sich nicht festsetzen: „Für die machen sie alles, für uns machen sie nichts.“

Es ist eine klassische Merkel-Wendung, wie sie auf dieses kopflose Vorpreschen des Genossen reagiert: Sie umarmt ihn. Sie fordert Gabriel auf, sich nicht kleiner zu machen als er ist: „Er sagt etwas, was nicht den Tatsachen entspricht.“ Die Koalition hätte seit ihrem Regierungsstart nie Sozialleistungen gekürzt, sie zählt alle Wohltaten auf wie Mütterrente, Rente mit 63 oder Verbesserungen in der Pflegeversicherung. Merkel ist aber auch cool, sie warnt die SPD: „Wir müssen vorsichtig sein, uns gegenseitig nicht die Schuld zuschieben.“

Eine Obergrenze für Flüchtlinge? Merkel macht das einzige, was sinnvoll ist: Sie lehnt es ab, Zahlen zu nennen. Sie könne doch keine Zahlen in die Welt setzen. Hinterher laufe es schlecht, es kommen noch mehr Flüchtlinge, und sie stehe dann da als eine Politikerin, die ihr Wort nicht halten könne. Im Hinblick auf die Flüchtlinge, die wegen der österreichischen Obergrenze nun in Griechenland in der Sackgasse sind, sagt sie: „Wenn der eine seine Grenze definiert, muss der andere leiden, nein, das ist nicht mein Europa.“

Ja, es gibt massive Kritik an ihr. Nicht nur an den Stammtischen, in ihrer Partei, auch in anderen EU-Ländern hagelt es Häme. Merkel lässt das kalt. An einer Stelle wird sie leidenschaftlich: „Man ist nicht dafür Politiker, dass man die Welt beschreibt und alles tragisch findet.“ Das schleudert sie den Asselborns, den Stoibers, den Seehofern entgegen. Alles Hasenfüße. Es sei die „verdammte Pflicht eines Politikers Lösungen“ zu finden. „Darauf konzentriere ich mich.“

Im Oktober war Merkel das letzte Mal in diesem Studio. Diesmal trägt die Sendung den Titel: „Wann steuern Sie um, Frau Merkel?“ Die Zuschauer haben 60 Minute lang eine überaus entschlossene, hoch konzentrierte, in sich ruhende Kanzlerin erlebt. Sie kennen jetzt die Antwort auf die Frage: Merkel zaudert nicht, sie denkt nicht an eine Kursänderung. Merkel will von einem Plan B nichts wissen.

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