Die Aufträge zu der Beweissicherung haben nach einer Ausschreibung zwei Firmen aus Esslingen erhalten. Öffentlich äußern dürfen sie sich nicht. Die Bahn hat alle Vertragspartner eine Art Maulkorb-Erlass unterschreiben lassen. Wer dennoch plaudert, riskiert es, seinen Auftrag zu verlieren.
Mitarbeiter der beiden Firmen vermessen seit wenigen Wochen jene Häuser, die dem Tunnelportal an der Willy-Brandt-Straße am nächsten stehen. Auch auf der gegenüberliegenden Talseite, wo von der Jägerstraße aus Tunnel in Richtung Feuerbach gegraben werden, sind Messteams unterwegs. Sie verankern Höhenbolzen im Mauerwerk und dokumentieren vom Keller bis zum Dach den aktuellen Zustand. Die fotografischen Protokolle gehen an die Bahn.
Das Verfahren ruft bei Anwohnern der S-Bahn auf den Fildern ungute Erinnerungen an den Streckenbau in den 90er-Jahren wach. "Damals sind die Gutachten auch nicht ausgehändigt worden", sagt Trudl Kauschinger. Als sich an Wintergarten ihres Hauses im Schützenweg in Leinfelden und an Wänden im Nachbarhaus Risse zeigten, seien die zwar durch den Bahn-Gutachter erfasst worden, die Papiere seien aber in den Aktenschränken des damaligen Bundesunternehmens verschwunden.
Über Umwege konnten Kauschingers die Gutachten erhalten. Eine Entschädigungsforderung habe die Bahn mit der lapidaren Erklärung "dann klagen sie doch gegen uns" abgeblockt. "Wir haben den Rechtsstreit gescheut und selbst bezahlt", sagt Trudl Kauschinger. "Eine Einsichtnahme in die Beweissicherungsunterlagen ist in Abstimmung mit dem Ersteller möglich." Eine Aushändigung der Unterlagen in Kopie sei "grundsätzlich möglich", sagt eine Stuttgart-21-Projektsprecherin auf Anfrage.
Dass die Gutachten nur bei der Bahn lagern stört auch Ulrich Wecker. Der Geschäftsführer des Haus- und Grundbesitzervereins vertritt rund 19.000 Mitglieder. "Ich denke, die Eigentümer haben Anspruch auf Herausgabe der Unterlagen", sagt der Jurist. Der Verein fordert Transparenz. Wecker spricht von "einer Art Waffengleichheit". Wer dem Bauherrn Bahn nicht vertraut, für den hat Haus und Grund bei einem Stuttgarter Gutachter eine Pauschale ausgehandelt. Für 350 Euro pro Objekt mit einer Wohnung und für 60 Euro für jede weitere Wohnung erstellt dieser eine Bestandsaufnahme - auch für Mitglieder, deren Haus nicht in die Beweissicherungsliste aufgenommen worden ist. "Wenn Schäden außerhalb des Gebiets auftreten, gilt das ganz normale Schadensrecht. Gibt es einen Zusammenhang mit dem Tunnelbau, muss die Bahn entschädigen", sagt Wecker.