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Fidget Spinner Wunderkreisel erobert die Schulhöfe

Von Hilal Tahmaz 

David mit seinem Fidget Spinner Foto: factum/Weise
David mit seinem Fidget Spinner Foto: factum/Weise

Ein althergebrachtes Spielzeug bekommt neuen Schwung: Der Fidget Spinner kommt aus Amerika und kreiselt auf Fingerspitzen und Nasen genauso gut wie auf dem Boden. Er ist so beliebt, dass es schon Vorbestellungen gibt.

Stuttgart - Er dreht sich auf Fingerkuppen, erzeugt Muster oder leuchtet: Der Fidget Spinner, ein Kreisel, erobert die deutschen Schulhöfe. Die Spinner bestehen nicht mehr aus einem Achsenstab und einer Scheibe oder einem bauchigen Körper, sondern sehen eher aus wie ein Propeller, eine dreiblättrige Blüte oder auch ein mörderischer Wurfstern. Sie sind teilweise mit LED-Leuchten ausgestattet, aus Plastik oder Metall. Und sie sind bei Preisen zwischen 3,99 Euro und 15 Euro eher erschwinglich, was ihre Verbreitung auf Pausenhöfen erklärt.

Faszination

Auch der zehnjährige Henry aus Neuhausen (Kreis Esslingen) ist fasziniert. Er erinnert sich, dass vor zwei Wochen der erste Klassenkamerad einen Spinner in die Schule mitbrachte, am Ende der Woche dann hatten fast alle einen Kreisel dabei. „Sogar ein paar Zwölftklässler spielen damit, aber vor allem bei den Fünft- bis Siebtklässlern ist er beliebt“, erzählt er. Den Fünftklässler und seine Freunde begeistern vor allem die Tricks, die sich mit dem Trendspielzeug machen lassen: Man kann den kreisenden Spinner von Finger zu Finger werfen oder sogar auf die Nase legen. Weitere Tricks holen sich die Kinder aus Videos, die im Internet kursieren.

Der Sechstklässler David vom Robert- Bosch-Gymnasium in Gerlingen neigt zum Zweit-Spinner. „Mein erster Kreisel ist aus Plastik, das neue Modell ist zum Teil aus Metall und dreht sich länger“, sagt der Elfjährige. Doch David muss sich noch gedulden: Die Nachfrage ist sehr hoch, manche Modelle sind momentan ausverkauft.

Therapie, Spielzeug oder beides

Ein Kreisel ist ein Körper, der um eine Achse rotiert. Er war schon Spielzeug im Altertum, wie archäologische Funde belegen, und erlebt jetzt eine Renaissance. Wie bei vielen Moden, die es aus den USA über den Atlantik nach Europa geschafft haben, wird dem Fidget Spinner auch eine gewisse Heilkraft zugesprochen. Er soll angeblich gegen Nervosität helfen und sich auf Menschen mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) und Autismus positiv auswirken. Wissenschaftlich bewiesen ist dies freilich nicht.

Das interessiert die meisten Kinder aus Henrys und Davids Klasse nicht. „Wir benutzen es eher, um Spaß damit zu haben“, verrät Henry. Oder um mit anderen in den Wettbewerb zu treten und auszuloten, wessen Kreisel sich am längsten dreht, und damit unabsichtlich und vermutlich unwissentlich ein Traditionsspiel aus Malaysia wiederzubeleben: das sogenannte Gasing. Der Fidget Spinner bietet außerdem modifizierbare Spielarten. „Man kann ihn zum Beispiel auf der Hand kreisen lassen“, schwärmt Henry. „Zudem ist er sehr kompakt, man kann ihn überallhin mitnehmen.“

Darunter leiden Lehrer. Einige Schulen in den USA sollen Fidget Spinners bereits aus den Klassenzimmern verbannt haben, während die Lehrer des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Ostfildern laut Henry mit der Nutzung im Unterricht einverstanden sind, solange trotzdem aufgepasst und mitgeschrieben wird. „Wir benutzen ihn aber lieber in der Pause, sonst könnte er verboten werden“, erzählt Henry. „Es gibt sogar Lehrer, die begeistert sind und sich selbst einen Spinner besorgen möchten, zum Beispiel unser Sportlehrer“, sagt er stolz.

Im Robert-Bosch-Gymnasium gilt eisern: Spinnern darf man nur in den Pausen, berichtet David. Zum weit verbreiteten Problem ist der neumodische Kreisel nicht geworden, „so etwas habe ich jedenfalls noch von keiner einzigen Schule gehört“, sagt Barbara Graf, die geschäftsführende Schulleiterin der Stuttgarter Gymnasien.

Im Unterricht oft ein Tabu

Quartett, Jo-Jo, Zauberwürfel, Tamagotchi – viele Spiele wanderten schon durch die Bankreihen. Manche wurden tatsächlich verboten, wie zum Beispiel das Klick-Klack-Spiel, bei dem man zwei mit einer Schnur verbundene Kugeln gegeneinanderschlagen musste. Grund für den Rauswurf war allerdings der damit verbundene Lärm in den Schulgebäuden. Im Vergleich dazu ist der Kreisel ein stiller Begleiter, aber immer noch auf dem Vormarsch. „Fidget Spinner gehen wie die Hölle“, sagt Dirk Bonnen von Spielwaren Kurtz in Stuttgart, „wir hatten sogar schon Reservierungslisten.“ Doch Nachschub sei bestellt.

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