Trend zum Papp-Sarg Sogar die letzte Reise soll öko sein

Stefanie Köhler, 29.10.2010 18:55 Uhr

Regensburg/Stuttgart - Die Stuttgarter Bestatterin Barbara Rolf hat ihr Sortiment erweitert. Neben Särgen aus Kiefer und Eiche stehen in ihrem Ausstellungsraum nun auch Särge aus Cellulose. Der Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände wird zur Papierherstellung verwendet. Rolf hat sich für Modelle mit Blumenmotiven entschieden, rote Mohnblumen auf weißem Hintergrund und rote Rosen. "Die Gestaltung spricht vor allem Frauen an." Männern gefalle das Material. Es sieht wie Pappe aus und fühlt sich auch so an. Rolf fügt hinzu: "Ich habe schon länger Särge aus umweltfreundlichem Material gesucht."

Die Särge aus Cellulose wiegen neun Kilogramm und kosten etwa 350 Euro. Die Preise für Särge aus Holz beginnen bei 500 Euro. Zugelassen sind die Cellulose-Modelle lediglich für Einäscherungen. Für Erdbestattungen darf man in Deutschland ausschließlich Holzsärge verwenden. Andere Materialien benötigen eine Genehmigung.

Ihre Kunden, sagt Rolf, legen zunehmend Wert auf umweltschonende, individuell auf sie oder die Angehörigen zugeschnittene und kostengünstige Bestattungen. "Viele Kunden sehen es nicht ein, dass für ihre Särge ein halber Baum benötigt wird", sagt Rolf. Ein Drittel erkundige sich nach umweltfreundlichen Modellen. Immer mehr Menschen weigerten sich auch, Tausende Euro für eine Bestattung auszugeben. "Viele fürchten sich davor, abgezockt zu werden. Sie informieren sich mehr. Sie wissen genau, dass die Bestattungsbranche ein Markt ist."

Bestatter halten an Eiche rustikal fest

Nicht zuletzt deswegen stellt Barbara Rolf mit ihrer Aufgeschlossenheit eine Ausnahme in ihrer Branche dar. Viele Bestatter weigern sich, von den teuren Särgen aus Kiefernholz und Eiche rustikal abzuweichen. Günstigere Varianten wie die aus Pappe stoßen ihnen sauer auf. Der Bundesverband Deutscher Bestatter bestätigt, dass der Umweltaspekt an Bedeutung gewinnt. Zahlen liegen allerdings keine vor, sagt der Geschäftsführer Rolf Lichtner. Von den Särgen aus Cellulose hält der Verband trotzdem nichts. Sie seien weder ethisch zu vertreten noch umweltfreundlich, begründet Lichtner.

"Die Särge eignen sich nicht für Feuerbestattungen." Heftig kritisiert er die kurze Verbrennungsdauer. Im Durchschnitt vergehen 90 Minuten, bis ein Leichnam eingeäschert ist. "Für die Kremierung ist eine bestimmte Standdauer nötig, die der Sarg aus Cellulose nicht leistet", sagt Lichtner. Anders als Holzsärge, die abhängig von Holz und Dicke nach 20 bis 40 Minuten Asche sind, sei die Cellulose-Hülle bereits nach zehn Minuten verpufft - und der Tote liege entblößt da. "Der Sarg liefert keine Brennwärme. Es muss außerdem mehr Energie aufgewandt werden." Krematorien lehnten den Sarg daher oft ab.

 
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