Trend zum Gymnasium Haupt- und Werkrealschulen laufen Schüler weg

Maria Wetzel, 30.01.2013 19:00 Uhr
In diesem Schuljahr besuchen deutlich mehr Kinder im Land als bisher eine Realschule oder ein Gymnasium. Ein Grund ist der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung.

Stuttgart - Die Haupt- und Werkrealschulen sind immer weniger gefragt: im Herbst 2011 wechselten noch etwa 23.800 Viertklässler an diese Schulart, 2011 waren es rund 14.950, das entspricht 15,9 Prozent der rund 94 750 Viertklässler. Für die Gymnasien hingegen entschieden sich 43,9 Prozent der Viertklässler (plus 3 Prozentpunkte), für die Realschule 37,1 (plus 2,9 Prozentpunkte). An den 42 Gemeinschaftsschulen, die 2012 starteten, meldeten sich 1,7 Prozent der Viertklässler an. Das gab das Statistische Landesamt bekannt.

Erstmals hatten Eltern im vergangenen Jahr das letzte Wort bei der Wahl der weiterführenden Schule. Eltern, deren Kinder eine Empfehlung für die Haupt-/Werkrealschule erhalten hatten, entschieden sich am häufigsten für eine andere Schulart. 25,7 Prozent der Viertklässler war die Haupt-/Werkrealschule empfohlen worden, 28,2 Prozent die Realschule und 45,8 Prozent das Gymnasium. Wie schon in früheren Jahren zogen auch viele Schüler mit Gymnasialempfehlung die Realschule vor. 17 Prozent der Fünftklässler in der Realschule haben eine Gymnasialempfehlung, 23 Prozent eine Empfehlung für die Haupt- und Werkrealschule. An den neuen Gemeinschaftsschulen, die den Schülern alle Abschlüsse ermöglichen, haben 60 Prozent der Schüler eine Empfehlung für Haupt-/Werkrealschule, 28 Prozent eine Empfehlung für die Realschule und 12 Prozent eine Empfehlung für das Gymnasium.

Zwar wechselten ausländische Kinder ­öfter als bisher an Realschulen und ­Gymnasien, allerdings gibt es noch immer große Unterschiede: So besuchen 45 Prozent der deutschen, aber nur 30 Prozent der ­ausländischen Fünftklässler das Gymnasium. Bei der Realschule sind es 37 beziehungsweise 38 Prozent. Auf Haupt- und Werkrealschulen gehen 15 Prozent der deutschen und 30 Prozent der ausländischen Schüler.

„Bildungspolitik der grün-roten Landesregierung sorgt für bessere Bildungschancen für alle Schülerinnen und Schüler“

Auch regional gibt es weiterhin große Unterschiede bei den Übergängen auf weiterführende Schulen. Während im Kreis Waldshut 30 Prozent der Viertklässler zum Gymnasium wechseln, sind es in Heidelberg mit 61 Prozent doppelt so viele. Dort besuchen noch fünf Prozent die Haupt-/Werkrealschule, im Landkreis Rottweil sind es 25 Prozent. „Die Bildungspolitik der grün-roten Landesregierung sorgt für bessere Bildungschancen für alle Schülerinnen und Schüler“, sagte Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Es sei „erfreulich, dass die soziale Herkunft eine immer geringere Bedeutung für den Bildungserfolg hat“. Die Zahlen zeigten, dass die Klassen und Lerngruppen immer heterogener werden. Stoch will deshalb alle Schularten dabei unterstützen, das individuelle Lernen auszubauen.

„Der Verband Bildung und Erziehung kann die Euphorie des Kultusministers ob der aktuellen Übergangszahlen auf die weiterführenden Schulen nicht so ohne weiteres teilen“, sagte Landeschef Gerhard Brand. Der erhöhte Zulauf auf Realschulen und Gymnasien zeige zwar das Interesse der Eltern an höherwertigen Abschlüssen für ihre Kinder. „Diese Zertifikate müssen aber alle erst noch nach sechs oder acht Jahren erworben werden.“ Dass die soziale Herkunft der Schüler damit wirklich schon an Bedeutung verloren hat, bezweifle er, so Brand.

Für Sicherung gymnasialer Standards bessere Rahmenbedingungen gefordert

Skeptisch äußerte sich auch Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle. „Wenn erst zwölf Prozent der Schüler an der neuen Gemeinschaftsschule eine Gymnasialempfehlung mitbringen, kann von einem Erfolg noch keine Rede sein“, sagte er. Die Gemeinschaftsschulen müssten erst noch beweisen, dass sie Schüler aller Leistungsniveaus gut fördern könnten.

Dafür sind aus Sicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mehr Zeit, qualifizierte Begleitung und Fortbildungen notwendig. „Unter anderem brauchen die Gemeinschaftsschulen für die Sicherung gymnasialer Standards bessere Rahmenbedingungen“, forderte die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Doro Moritz.

 
 
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Kommentare (9)
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Der Blicker Ist schon länger als 1 Jahr her
Das Bildungssystem ist so oder so auf dem Abstieg. Man hechelt nur noch einem Abschluss hinterher. Hauptsache Abitur. Ein lesenswerter Artikel zur Inflation des Abiturs: http://www.wiwo.de/erfolg/campus-mba/bildung-die-inflation-des-abiturs/7652312.html Die Gemeinschaftsschule wird diesen Prozess nur noch beschleunigen.
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Heiner Ist schon länger als 1 Jahr her
Endlich werde die dummen Schüler abgeschafft. Wenn alle Kinder auf's Gymnasium, dann gibt es keine Benachteiligten mehr. Nur noch gute Schüler. Warum nicht gleich so?
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Carl Schurz Ist schon länger als 1 Jahr her
Bei den berufsbildenden Schulen welche Qualität die Werkrealschulen geliefert haben. Mit ihrem Abschluss werden die Schüler bei der Benotung derart bessergestellt, dass sie guten realschüler die Plätze in berulfich Gymnasien wegnehmen. Und wenn die Schuel beginnt sieht wie geschönt deren Noten waren, denn dann fliegen sie meistens nach 6 Monaten mangels Qualität. So wird es auch bei den Gemeinschaftsschulen der Fall sein.
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Geprellter Beamter Ist schon länger als 1 Jahr her
... wird es auch nicht besser sein. Das ist nur Gammelfleisch umettikeziert. Denn solange Realschulen und Gymnasien sich hier nicht einbringen, wird es keine Verbesserung geben. Zudem liegen ja auch noch keine Bildungspläne vor. Das liest sich so, als ob ein Arzneimittel in den Markt gehen kann und die Versuche auf Gesundheitsgefahren sind noch nicht abgeschlossen. Na denn viel Spass und noch was, dafür müssen die Beamten mit Einkommenseinbußen leben, um diese Hobby der Landesregierung zu finanzieren. Schämt euch.
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Geschulter Ist schon länger als 1 Jahr her
An sich fänd ich es eine gute Entwicklung wenn die Selektion im Kindesalter endlich aufhören würde, aber wenn schon dann bitte konsequent. Kann doch wohl nicht sein dass die Selektion nach Noten aufhört und dafür die Selektion nach Geldbeutel (und die vollsten haben Manager, Investoren und Politiker, nicht der einfache Arbeiter) voranschreitet, dass fast alle Kinder gleich sind und nur manche eben gleicher und auf Privatschulen geschickt werden. Gerade von grünen Bildungspolitikern sollte man erwarten dürfen vorbildlich zu handeln und ihre Kinder auf staatliche Schulen, für die eben ihre Eltern verantwortlich sind, zu schicken!
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