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Trauerveranstaltung statt Wahlparty Die CDU fühlt sich wie Brasilien

Von Frank Rothfuss 

Ein bitterer Abend für die Stuttgarter CDU: Kreisvorsitzender Stefan Kaufmann,   die Kandidaten Stefanie Schorn, Donate Kluxen-Pyta, Kandidat Roland Schmid sowie dessen Frau Beate Bulle-Schmid (von links). Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Ein bitterer Abend für die Stuttgarter CDU: Kreisvorsitzender Stefan Kaufmann, die Kandidaten Stefanie Schorn, Donate Kluxen-Pyta, Kandidat Roland Schmid sowie dessen Frau Beate Bulle-Schmid (von links).Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Stuttgarter Christdemokraten verlieren ihr letztes Direktmandat – ein Tiefpunkt in der Geschichte des CDU-Kreisverbandes.

Stuttgart - Eine Wahlparty sollte es werden im Ratskeller, am Ende war es eine Beerdigung. 22,2 Prozent für die CDU in Stuttgart, diese Schnapszahl kann man sich eigentlich nur schöntrinken. Der Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann beließ es bei Wasser und stellte ernüchtert fest: „Das ist eine bittere ­Enttäuschung.“

Ihm oblag es, die Grabrede zu halten. Mit den vier krachend gescheiterten Kandidaten für den Landtag kam er um 19.30 Uhr zu den Unterstützern in den Ratskeller. Man spendete Beifall, ziemlich laut, beinahe frenetisch, auf dass das grüne Gespenst wieder verschwinde und der Albtraum vorübergehe. „Es war ein außerordentlich schwieriger Wahlkampf“, sagte Kaufmann, „die Kandidaten haben alles, was sie hatten, in die Waagschale geworfen.“ Doch die neigte sich dennoch nicht zu ihren Gunsten.

„Und den haben wir gewählt?“

Woran es lag? Kretschmann und Merkel waren zu viel für die CDU, da waren sie sich einig im Saal. Zerrieben zwischen Übervater und Mutti, der irrlichternde Wahlkampf von Guido Wolf gerade zum Thema Flüchtlinge habe auch nicht geholfen. Überhaupt, das Wolferwartungsland hat offenbar gar nicht so sehnlich gewartet. Als sich Wolf im SWR-Fernsehen erklärt, steigt der Lärmpegel im Saal. Der Mann scheint in diesem Moment Geschichte, die Ordnungsrufe der letzten Anhänger: „Pssst, der Guido!“ verhallen. „Und den haben wir gewählt“, seufzt einer. „Aber mit dem Strobl wär’s auch nicht besser gelaufen“, wirft ein anderer ein. Gläser klirren, Geschirr klappert, Handys klingeln. Nur wenige hören zu. Wolfs pflichtschuldiger Ausruf „Grün-Rot ist abgewählt!“ sorgt nur für spöttisches Gelächter. Alsbald stürmt einer nach vorne und bittet doch, man möge umschalten auf ARD oder ZDF, er wolle sehen, was bei den anderen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz geschehe. Doch man konnte ihm den Schmerz nicht ersparen.

Die anderen schauen schon nicht mehr hin. Die Hiobsbotschaften von der Auszählung werden mittlerweile mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Schon um 18.30 Uhr ist klar, alle vier Wahlkreise gehen an die Grünen, die Stuttgarter CDU verliert mit Reinhard Löffler ihren letzten Abgeordneten im Landtag. Dabei „wollte man doch die Stimme der Großstadt im Landtag bleiben“, hatte die Bundestagsabgeordnete ­Karin Maag zu Beginn des Abends gesagt. Die meisten hatten sich gewappnet, mit schlechten Nachrichten gerechnet. Dass es so schlimm wird, überraschte dann doch viele.

Kurs der Erneuerung soll weitergehen

„Die Flüchtlingsthematik war Gift für uns“, sagt Kaufmann, „aber wir lassen uns nicht entmutigen und setzen weiter auf den Kurs der Öffnung und Erneuerung.“ Der hat der Stuttgarter CDU zwar Siege bei der Kommunalwahl und der Bundestagswahl beschert, dennoch werden etliche der 100 Leute im Saal nervös. Und als Kaufmann noch sagt, man werde nun selbstverständlich mit den Grünen reden wegen einer Koalition, äußern sie ihren Unmut. „Noi!“ und „bloß net!“, rufen sie. Also schiebt Kaufmann noch schnell einen Satz hinterher. Er schimpft auf „ideologiegeleitete Grüne“ und erntet den gewünschten Beifall.

Dann darf Löffler noch mal ans Mikro. Er bekennt, er fühle sich wie während der WM beim 7:1 von Deutschland gegen Brasilien, „bloß, dass wir diesmal Brasilien sind“. Doch bald komme eine Europameisterschaft, und dann werden „wir wieder gewinnen“. Die CDU, nicht Brasilien.

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