Timm Rautert in der STN-Reihe „Über Kunst“ Der tiefere Blick

Von nbf 

Timm Rautert, „Guardia di Finanza“, Appuntato Scelto, aus der Serie Weltraum Foto: Rautert/Galerie  Parrotta
Timm Rautert, „Guardia di Finanza“, Appuntato Scelto, aus der Serie WeltraumFoto: Rautert/Galerie Parrotta

Näher dran an herausragenden Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur – das machen die „Stuttgarter Nachrichten“ mit der Veranstaltungsreihe „Über Kunst“ möglich. Nächster Gast ist am Dienstag, 25. Oktober (19.30 Uhr), der Fotokünstler Timm Rautert. „Über Kunst“ findet statt in der Galerie Parrotta in Stuttgart.

Stuttgart - „Grandseigneur“ – Timm Rautert mag das Wort nicht sehr. Und tatsächlich: So richtig es ist, wenn man den 1941 im westpreußischen Tuchel geborenen und in Fulda aufgewachsenen Rautert als eine der prägenden Persönlichkeiten der Fotografie und der Fotokunst in Deutschland bezeichnet, so sehr verblüfft Rautert doch immer wieder mit Projekten, deren Ansatz und Ergebnisse ungemein aktuell wirken. Ja, mehr denn je ist Rautert, von 1993 bis 2007 Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und dort Lehrer unter anderen von Claudia Angelmaier, Oskar Schmidt und Tobias Zielony, in aktuelle ­Diskussionen über die Möglichkeiten der Kunst mit Fotografie eingebunden.

Bilder des Wandels

2010 etwa stellte Rautert unter dem Titel „Anfang“ ein Projekt vor, in dessen Rahmen er junge Familien porträtierte. Es ist der Blick der Kinder, der zunächst fesselt. Eine eigene Form der Unbedingtheit, bestimmt vom Impuls der Aneignung und doch den Schrecken nicht verbergend, die Gefahr, dass all dies viel zu früh zu Ende sein könnte. Dieser Anfang ist doch ein Zauber, und dies lassen uns auch die Eltern in den „Anfang“-Szenerien des seinerzeit 70-Jährigen spüren. Sie sind zusammen, sind zu zweit, geben Rückendeckung und lassen sich selbst und uns glauben, dass es immer so sein würde, dass es eben dies nie geben wird – ein Ende. Ein Ende der Wir-Demonstration, ein Zerreißen des Bandes, das die drei, die vier unsichtbar verbindet und den Eindruck der Unbesiegbarkeit vermittelt.

Auffällig in „Anfang“ wie in vielen anderen Zyklen Rauterts: Der Raum kann auch ohne die Figuren bestehen, wird parallel selbst porträtiert und wird ­folgerichtig immer wieder selbst zur Figuration – so auch in Rauterts Projekt „Weltraum“, das anlässlich des 75. Geburtstags des Fotografen und Fotokünstlers aktuell in der Galerie Parrotta in Stuttgart zu sehen ist. „Weltraum“ zieht eine Verbindung zwischen Konferenzräumen (der Food and Agriculture Organization of the United Nations) und Porträts (entstanden im Hauptquartier der Guardia di Finanza in Rom in den Jahren 2014 und 2015). Der tiefere Blick bestimmt diese Arbeiten, in denen uns die Finanzbeamten in der über Jahrhunderte die Papstporträts ­bestimmenden Pose begegnen und in denen die Räume und Foyers der FAQ stille Helden werden, die ahnen lassen, dass sie die mit ­ihnen verbundenen Hoffnungen nicht ­erfüllen können.

Die Doppeldeutigkeit der Welt

2012 näherte sich Rautert in seiner Serie „Manhattan Mirror“ der New Yorker ­Finanzwelt. Auch hier ist die Architektur, ist der Raum Ausgangspunkt einer Analyse, wie man sie eigentlich dem Porträt zuschreibt. „Die Narration“, sagte Rautert ­seinerzeit, „habe ich nicht verlassen. Etwas verschiebt sich nun, hin zu einer Sicht auf die eigenartige Doppeldeutigkeit der uns umgebenden Welt.“

So verbinden sich die bildanalytischen Werke Timm Rauterts, in denen er bereits Ende der 1960er Jahre die Fotografie selbst zum Gegenstand der Untersuchung macht und mit den Mitteln der Fotografie eigenwertige Raumensembles entwickelt, die besondere Qualität der Porträts von Rautert, aber auch die Position Rauterts als fotografischer Begleiter des politischen Deutschland in den jüngsten Zyklen zu ­Studien über die Realität an sich. Bezeichnend ist hier für Rautert selbst „mein Blick auf Venedig, der den Weltuntergang simuliert, sich aber eines wissenden Erzählers versichert, der die Erzählung glaubwürdig vorantreibt“.

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