Stuttgart - Wer dieser Tage in die Ferien will und die Reise unter ticketpoint.de im Internet gebucht hat, fragt am Schalter der Airline womöglich vergebens nach dem Flugschein. In vielen Fällen ist das Geld dort nie angekommen, weil ein Firmenangehöriger es für sich abgezwackt hat.
Seit zwei Jahren hat Heidrun Steinbuch mehrmals jährlich bei Ticket Point einen Trip ins Ausland gebucht. Die Sportlehrerin schätzt das Internet-Portal mit Sitz in Gelsenkirchen nicht nur wegen der günstigen Angebote, sondern auch wegen der "kundenfreundlichen Navigation". So auch dieses Jahr: Anfang August sollte es nach Südafrika gehen, über Weihnachten nach Dubai. Die Flüge buchte die Stuttgarterin Mitte März und Anfang Mai für insgesamt 1113 Euro. Wie immer zahlte sie direkt online mit der Kreditkarte, wie immer erhielt sie eine schriftliche Bestätigung, und wie stets bisher sollte sie die Tickets jeweils am Tag des Abflugs direkt am Schalter der Fluggesellschaft gegen Vorlage ihres Reisepasses erhalten.
Reisende konnten nicht einchecken, weil der Flug storniert wurde
Als die Stuttgarterin Wochen später aber zusätzlich einen Sitzplatz reservieren lassen wollte, erfuhr sie von der Airline, dass diese den Flug bereits eine Woche nach Eingang der Buchung storniert habe. Grund: Das Geld sei nicht eingegangen. "Hätte ich dort nicht angerufen, hätte ich davon erst kurz vor dem Abflug am 8. August erfahren", schildert sie.
Genau das ist seit Mitte Juli mehreren Hundert Kunden von Ticket Point widerfahren. Seither spielen sich an den Schaltern von Fluggesellschaften immer wieder ähnliche Szenen ab. Menschen, die mit Sack und Pack ab Mitte Juli auf diversen Flughäfen erschienen waren, konnten nicht einchecken, weil das Geld nicht eingegangen war. Erst auf dem Airport wurden die Urlauber, darunter Familien und Sportmannschaften, vor vollendete Tatsachen gestellt: Sie hörten erstmals, dass ihr Flug wegen Nichtbezahlung durch den Vermittler storniert sei. Manche hatten das Glück, dass die Reservierung noch galt. Sie konnten ihre Reise antreten, oft aber zu einem höheren Preis.
Was war passiert? Ein Angehöriger der Geschäftsführung von Ticket Point Reisebüro hat von Konten, zu denen er eine Vollmacht hatte, immer wieder Einzelbeträge abgehoben und beiseitegeschafft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Essen ist der Verdächtige dabei geschickt vorgegangen: Er habe stets nur so viel genommen, dass das Konto noch eine Deckung aufwies und zumindest ein Teil der täglichen Transaktionen ausgeführt werden konnten. Insgesamt kamen von Ende April bis Anfang Juli 1,77 Millionen Euro zusammen. Nach Angaben eines Mitarbeiters von Travel Point sind alle dort gebuchten Flüge mit Reisedatum ab 12. Juli betroffen, insgesamt vermutlich rund 5000 Kunden. Auch Gelder für Leihwagen oder für ganze Pauschalreisen wurden nicht an die Anbieter weitergeleitet.