Nichts passt hier zusammen. Akademischer formuliert, mit dem griechischen Begriff für unvereinbare Gegensätze: Die ganze Veranstaltung ist ein Oxymoron. Das Wort benutzt Christine Donat in ihrer Rede zur Vernissage. Sie formuliert akademisch, weil sie das akademische Auslandsamt der Universität Hohenheim leitet. Die Fotografie ist ihr Hobby, sie hat hier selbst schon ausgestellt. Wörtlich übersetzt heißt Oxymoron scharfsinnig dumm. Auch das passt nicht recht. Denn es geht hier nicht um Scharf- oder Stumpfsinn, es geht um Feinsinn, um künstlerische Schwarz-Weiß-Fotografie.
Es spricht Tseten Samdup Chhoekyapa - kein Tippfehler. Sein Arbeitsplatz ist in Genf. Chhoekyapa ist offizieller Repräsentant seiner Heiligkeit, des Dalai Lama. Auf christliche Maßstäbe übertragen heißt das nicht ganz, aber in etwa, dass der Papst zu einer Ausstellungseröffnung an der Großen Falterstraße 31/3 angereist ist. Das ist die Adresse der Galerie Nieser.
Chhoekyapa spricht zur Vernissage nicht über Kunst, er spricht über Politik, nicht von Fotografie, sondern vom Wunsch nach Frieden in Tibet und der Welt, von der diktatorischen Unterdrückung des Heimatlands seiner Vorfahren seitens der chinesischen Regierung, der systematischen Zerstörung einer Kultur, die gedieh, wo üblicherweise nichts gedeiht: auf einer Höhe von 4000 Meter über dem Meeresspiegel. So hoch im Himalaya liegt Tibet - im Durchschnitt. Chhoekyapa sagt, mancher mag sich vielleicht wundern, dass der Repräsentant seiner Heiligkeit zu einer Veranstaltung dieser Größe gekommen ist; das liege daran, dass Tibet in der Welt so viele Freunde wie nur möglich braucht. Die Ausstellungsräume der Galerie sind etwa so groß wie eine Zwei-Zimmer-Wohnung.
Die Fotografien, die an den Wänden hängen, stammen von Mark Vogelgesang. Er hat mit seiner Kamera Tibet bereist und dabei einen kleinen Eindruck bekommen, wie wenig Freiheit die Chinesen dem Volk gewähren: Touristen ist verboten, sich von ihrer Reisegruppe zu entfernen. Fotografiert werden darf nur, was genehmigt ist.
Womit sich vor dem Fotografen, der mit seinen Bildern die Öffentlichkeit interessieren und sie nicht zuletzt verkaufen will, ein grundsätzliches Problem auftürmt: Jedes Motiv ist Tausende von Malen geknipst. Alles ist schon einmal gesehen, Fotografien aus Tibet gleichen dem Gemälde des Malers, der den röhrenden Hirschen zum Motiv erhebt. In Zeiten des digitalen Klick-und-weg scheint die Lösung des Problems banal, sich der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie zu bedienen. Aber so ist es nicht: Vogelgesang fotografiert immer so, ganz gleich ob in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main oder eben im Himalaya.
Die Mehrzahl seiner Bilder könnte als Gleichnis für die Lage in Tibet taugen. Auf ihnen überwiegt die Dunkelheit, Lichter setzt Vogelgesang spärlich. Allerdings ist seine Bildsprache dennoch nicht duster, keineswegs bedrückend. Vogelgesang verbirgt nur mehr vom Motiv als er zeigt. Er fotografiert nicht den Mönch, der die Kerzen entzündet, er fotografiert die Hand des Mönchs, die Gestalt selbst verschwindet in der Schwärze. Womit Vogelgesang zweierlei erreicht. Er regt die Phantasie des Betrachters an und hält dessen Auge auf dem Bild. Außerdem sind seine Bilder eher fotographisch - klassisch mit ph - als Fotografien, so war es schon im Begleittext zur Vernissage zu lesen. Vogelgesang fängt Stimmungen ein und erzeugt beim Betrachter Stimmungen. Was er damit auf keinen Fall verknüpft, ist eine politische Aussage.
Er wollte nur den "Klang der Stille" abbilden. So ist seine Ausstellung betitelt. Dieses Oxymoron meinte Donat. Und nachdem die Reden der Vernissage verklungen sind, werden Betrachter der Tibet-Bilder auf keinen anderen Gedanken mehr kommen als zu versuchen, jenen Klang mir ihren Augen zu hören.
Die Ausstellung dauert bis 11. Juni. Sie ist Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr zu sehen, samstags von 10 bis 13 Uhr.