THW-Präsident Albrecht Broemme „Jeder muss sich auch um sich selbst kümmern“

Von Knut Krohn, Rainer Pörtner und Matthias Schiermeyer 

Albrecht Broemme, früher Chef der Berliner Feuerwehr, ist seit mehr als zehn Jahren Präsident des Technischen Hilfswerks. (THW). Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Albrecht Broemme, früher Chef der Berliner Feuerwehr, ist seit mehr als zehn Jahren Präsident des Technischen Hilfswerks. (THW). Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Der Präsident des Technischen Hilfswerks (THW), Albrecht Broemme, beklagt ein mangelndes Bewusstsein der deutschen Bürger für mögliche Katastrophen – und ruft zu stärkerer Eigenvorsorge auf.

Stuttgart - Das Technische Hilfswerk (THW) ist eine der tragenden Säulen des Bevölkerungsschutzes in Deutschland. Es soll den Bürgern bei Katastrophen und Unglücken zur Seite stehen – kommt aber auch in vielen anderen Fällen zum Einsatz. Im Interview spricht THW-Präsident Albrecht Broemme über den Einsatz seiner Organisation in der Flüchtlingskrise, Hilfen im Ausland und neue Gefahren, auf die sich Deutschland einstellen muss.

Herr Broemme, das THW war in der Flüchtlingskrise sehr gefragt – sehen Sie ihre Arbeit ausreichend gewürdigt?
Das Thema Flüchtlinge beschäftigt das THW im Ausland seit 40 Jahren. Diese Arbeit wird nur sehr partiell und sporadisch wahrgenommen. Es ist zum Beispiel untergegangen, dass wir die Friedensmission der Vereinten Nationen (UN) in Kolumbien von der technischen Kommunikation her ermöglicht haben. Wir haben nämlich im Auftrag der UN die Lager, in denen die Waffen eingesammelt wurden, durch ein Fernmeldenetz miteinander verbunden. Dieser Auftrag läuft bald aber aus.
Und in Deutschland, wie haben Sie dort bei der Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen geholfen?
Hier waren in den vergangenen zwei Jahren unsere handwerklichen Fähigkeiten besonders gefragt, um Provisorien aufzubauen. Bei der Einrichtung der Erstaufnahmestelle in Heidelberg war sogar der technische Leiter ein THWler.
Wie stark sind Sie da noch engagiert?
Mittlerweile auf niedrigem Niveau: Bundesweit sind an manchen Tagen noch fünf THWler damit beschäftigt, an Wochenenden auch mal 50. In den Hochzeiten waren es 3000 bis 4000. Wir kümmern uns auch um Flüchtlinge persönlich – manche Ortsverbände haben schon 20 aufgenommen. Bundesweit nähern wir uns der 400er Marke. Viele von ihnen denken, dass das bezahlt wird – es ist schwer, einen Menschen für eine ehrenamtliche Arbeit in einer Gesellschaft zu motivieren, der er noch nicht angehört. Die Politik hilft uns: Mit Flüchtlingen, die sich bei uns bewährt haben und zurückkehren wollen, können wir mit Geldern vom Auswärtigen Amt in deren Heimat so etwas wie das THW aufbauen.
In der Hochphase der Flüchtlingskrise wurden THWler in Ostdeutschland von Rechten angepöbelt. Gibt es das heute auch noch?
Das gab es Brandenburg, Berlin und Sachsen. Stets bin ich am nächsten Tag zum Innenminister gegangen. Da hatte ich auch den Rückenwind vom Bundesinnenminister, der nicht will, dass seine Leute verheizt werden. In diesem Jahr ist mir so ein Fall nicht mehr gemeldet worden. Wir sagen unseren Leuten: Lasst euch nicht alles bieten, meldet uns solche Vorfälle.
THWler sind Uniformträger – zieht so etwas wiederum Rechte an?
Da muss man aufpassen, denn für Rechte ist das schon attraktiv. Wir sind da sensibilisiert. Wir erkennen es nur schwer, wenn ein Typ mit rechter Gesinnung sozusagen als Schläfer bei uns eintaucht und ganz normal mitmacht. Aber in unserer engen Gemeinschaft fällt es auf, wenn sich einer entsprechend äußert oder rechtes Gedankengut auf seiner Homepage veröffentlicht.
Mussten Sie schon einen aussortieren?
Ja.
Geht die Bereitschaft der Gesellschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, insgesamt zurück?
Es gibt eine nach wie vor große Bereitschaft aus allen Teilen der Bevölkerung zu helfen. Die Bereitschaft, dauerhaft Zeit zu spenden, ist jedoch kritisch. Die Leute hält man nur mit attraktiven Ausbildungs- und anderen Angeboten bei der Stange – sowie ab und zu einem Einsatz oder einer Übung.
Wie verändern sich zurzeit die Anforderungen an das THW?
Die Anforderungen werden umfassender. So beschäftigen wir uns mit der Frage, was passiert, wenn wir in Europa ein paar Wochen keinen Strom haben, weil Kriminelle am Werk waren. Da machen wir im Herbst mal eine Übung. Demnächst treffe ich mich mit EnBW-Leuten, um zu diskutieren, was wir gemeinsam unternehmen können.
Hat das Bewusstsein für derlei Risiken in Deutschland nachgelassen?
Das poppt immer nur hoch, wenn mal wieder etwas passiert ist. Jüngst war es der Brandschutz.
Früher gab es immer Samstagsmittags in vielen Städten und Dörfern Sirenengeheul, weil die Alarmsirenen für den Katastrophenschutz ausprobiert wurden. Viele dieser Sirenen wurden in den 1990er Jahren aus Kostengründen abgebaut. Fehlt heute ein solches Signal – weil man als einfacher Bürger auch bei anderen Noteinsätzen nicht mitbekommt, das ein Unglück geschehen ist?
Das ist eine Folge der stillen Alarmierung. Damit entfiel die Information: Unsere Feuerwehr ist alarmiert. Für diese Form der Sensibilisierung gab es keinen adäquaten Ersatz. Da sind vor allem die Bürgermeister gefordert, indem sie etwa gemeinsame Veranstaltungen mit uns anbieten.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat doch mit dem Verweis auf mögliche Attacken gegen die deutschen Versorgungsnetze schon empfohlen, Vorräte anzulegen?
Vor einem Jahr war das, im Sommer. Da hieß es: Haben wir keine anderen Sorgen? Das war vielleicht ein bisschen schlecht rübergebracht. Man muss das Bewusstsein schaffen, dass sich jeder auch um sich selbst kümmern muss. Auch Nachbarn helfen Nachbarn ist ein gutes Konzept. Netzwerke wie früher lassen sich nur auf kommunaler Ebene entwickeln. Daher muss man auch in die Köpfe der 20 000 Bürgermeister kommen, damit sie dies als wichtige Aufgabe ansehen.
Gerade erst gab es in Ostdeutschland wieder große Überschwemmungen. Ist das THW auf die zunehmenden Unwetterkatastrophen vorbereitet?
Es wird immer mehr lokale Unwetter geben. Vor 20 Jahren hatte das THW noch keine Pumpen mit 15 000 Litern Förderleistung pro Minute – inzwischen besitzen wir 20. Das reicht vorerst. Die Feuerwehr hat sie auch, aber zugleich Probleme, Mannschaften zur Bedienung bereitzustellen. Wir haben da eher die Muße, die Leute an den Geräten zu schulen.
Reagiert die Politik sensibel genug auf die Folgen der Wetterveränderungen?
Die Ministerien in den Ländern oder die Landräte reagieren immer besser darauf. Auch auf der Bundesebene gibt es sehr gute Konzepte. Die Politik scheitert manchmal aber an dem Landwirt, der seinen Acker nicht überfluten lassen will. Andere freuen sich, weil sie nach der Überflutung Geld bekommen, ohne dafür zu arbeiten. Die Politik scheitert auch an den Bebauungsplänen einzelner Gemeinden, die lieber Bauland ausweisen wollen. In manchen Überflutungsgebieten wird es aber in Zukunft keinen Versicherungsschutz mehr geben, was gut ist.
Zu den großen Szenarien gehören Terroranschläge – inwieweit sind Sie da in die zivil-militärische Zusammenarbeit eingebunden?
Wir unterstützen die Polizei bei bestimmten Aufgaben mehr als die Bundeswehr. Die macht vieles selbst. Wir sind nur schneller und flexibler als die Truppe, denn Katastrophen beginnen gerne freitags nach Dienstschluss – das sind wir gewohnt. Wir werden auch immer mehr mit friedenserhaltenden Missionen zu tun haben. Ich muss kein Visionär sein, um zu sehen, dass wir demnächst auch in Mali zu tun haben werden. Wenn die Sicherheitslage den Einsatz von zivilen Kräften ermöglicht, werden wir dort für die Grenzpolizei etwa Häuser bauen. In Afghanistan hatten wir die Bauleitung für viele Polizeikasernen.
Sehen Sie sich da nicht als Lückenfüller?
Jeder macht das, was er am besten kann. Wenn die anderen das auch erkennen, ist das ein wunderbares System.

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