The Fairy Queen Lachen, weinen, leben, lieben

Von Susanne Benda 

Ehe gut, alles gut? Caroline Junghanns (Hermia), Manolo Bertling (Lysander). Foto: Julian Röder
Ehe gut, alles gut? Caroline Junghanns (Hermia), Manolo Bertling (Lysander).Foto: Julian Röder

1996 haben Oper und Schauspiel Stuttgart bei Henry Purcells „King Arthur“ erstmals kooperiert. Jetzt folgte mit der zweiten „Semi-Oper“ dieses Komponisten die zweite Zusammenarbeit: ein bilderreicher Abend mit Stärken und Durchhängern.

Juhu! Brautstrauß, Reis, Hochzeitstorte, Geschenke, Mendelssohns Hochzeitsmarsch. Im Foyer des Schauspielhauses Stuttgart hat die Party schon begonnen, bevor alle Premierengäste eingetroffen sind. Geheiratet wird! Das kichert, das huscht, das trippelt aufgeregt treppauf, treppab. Brautjungfern ziehen durch den Gang, ein Priester ist da, auch ein paar alte, sehr ernste (Groß-)Tanten. Oberon und Puck stehen vor einem Mikrofon, aufgeregt und auch ein bisschen skeptisch, ob das alles wohl gut gehen wird, und nach dem Tausch der Ringe zieht das bunte Völkchen ein in den Zuschauerraum, der am Sonntagabend ein Nachtclub ist. Gefeiert wird! Unter flimmernden Lichtpunkten, mit dem Staatsorchester als „Hausband“ auf der ständig rotierenden Drehbühne, ja sogar mit einem richtigen, rosafarbenen Partyhasen.

Was die Figuren in den nächsten zwei­einhalb Stunden träumend erleben, erinnert an Shakespeares „Sommernachtstraum“. Gegeben wird die szenische Fantasie, deren Musik Henry Purcell 1692 komponierte: „The Fairy Queen“, eine sogenannte Semi-Oper, ist eine Mischung aus Schauspielszenen, Instrumentalmusik, Arien, Chören und Ensembles, aus Sprache, Musik, Tanz und Gesang, eine Art hybride Opernrevue, ein barockes Singspiel oder Musical – und eine Steilvorlage für ein Haus, das seit Purcells „King Arthur“ 1996 (Regie führte damals Martin Kusej) plante, Schauspiel und Oper wieder einmal zusammenzubringen.

Dirigent Christian Curnyn sorgt mit dem Staatsorchester für das Rückgrat des Abends

Für diese Zusammenführung sorgt jetzt mit Calixto Bieito ein Fachmann für Liebe und Triebe. Ihm zur Seite steht ein genialer Vorkämpfer des Individuellen und Außerordentlichen in der sogenannten Alten Musik, der als agiler Mitspieler bekannt ist. Bei seiner letzten gemeinsamen Arbeit mit Bieito in Stuttgart, Jean-Philippe Rameaus „Platée“, hat sich der englische Dirigent Christian Curnyn sogar mal liebend auf einem Lotterbett gelümmelt.

Ähnliches tut er bei „Fairy Queen“ zwar nicht, aber gemeinsam mit der „Hausband“ gelingt ihm eine quicklebendige, farbenpralle, dauerbeschwingte und sehr präzise Darbietung, die Purcells Klangfantasie, seinen Witz, seine feinen Charakterzeichnungen wie auch die Schönheit und Einprägsamkeit seiner Melodien hör- und spürbar macht. Obwohl sich das Orchester aus modernen und alten Instrumenten (Laute, Gambe und Bassvioline bilden eine feine Continuo-Gruppe) zusammensetzt, erscheint die Instrumentalmusik wie aus einem Guss. So sorgt Curnyn gleichsam für das Rückgrat des Abends. Man muss nirgends bangen; unter seiner Leitung ist der musikalische Teil ein Rundum-sorglos-Paket.

„Eine bezaubernde Nacht schenkt mehr Seligkeit als hundert glückliche Tage“: Dieser Satz steht so im Libretto zu „The Fairy Queen“, und er ist in wechselnden Farben auch auf einem Leuchtband auf der Bühne zu sehen. Wobei: Richtig bezaubernd ist diese Nacht eigentlich nicht. Eher ist sie dunkel, bedrohlich. Sie zeigt die Lust der Liebe, aber auch ihre Schattenseiten, Eifersucht und einsame Verzweiflung. Dass die Liebe ­brüchig, dass feste Beziehungen gefährdet und vergänglich sein können: Diese Ahnung hatte schon das wilde Zuviel des Hochzeitsfestes im Foyer vermittelt. Auf der Bühne ­leben die Figuren nun das aus, was auch möglich wäre: heimliche Träume, Ausbruchsversuche, Verdrängtes, Fantasien eines erotischen Andersseins.

Einzelbilder ersetzen Handlung und roten Faden

Sie tun es auf skurrile, teilweise surreale, alogische Weise, die vor allem durch die Verstärkung des im Stück angelegten Nummernhaften, des Revue-Charakters möglich wird. Einen roten Faden, eine Handlung gibt es in dieser „Fairy Queen“ fast gar nicht mehr. Stattdessen sehen wir Bilder, die sich durch amouröse Irrungen und Wirrungen zappen. Und durch Sehnsüchte, Täuschungen, Enttäuschungen. Ein Jüngling liebt ein Mädchen, das hat einen andren erwählt; der andere liebt eine andre . . . Ach ja.

Titania und Oberon, ein altes, verzanktes Ehepaar, streitet sich um einen Lustknaben; zwei Männer nähern sich einander in Frauenkleidern; zwei Paare, die sich überkreuz begehrten, fallen im Hahnenkampf übereinander her; der Chor singt von ewigem Vergnügen und geht sich in ständig wechselnder Gewandung und Pose an die Wäsche; in der großen musikalischen Jahreszeiten-Fantasie des vierten Aktes reibt sich die Strand­jugend mit Sonnenmilch ein und beginnt, als die Windmaschine Herbstblätter durch die Luft wirbeln lässt, kollektiv zu frösteln. Lustig wird es, wenn der Chor im Takt Flutschfinger-Eis schleckt, wenn Oberon vor der Verkleidungskiste Phalli in mehreren Größen ausprobiert, sich einen besonders großen als Rüssel an den Kopf hängen will. Oder wenn seine Gattin Titania einen vermeintlich unbeteiligten Mann im Parkett als Liebesobjekt ausguckt und mit ihrem ­immer wieder gesäuselten „Eberhard!“ für einen Running Gag sorgt.

Ein glänzendes Team aus Sängern und Schauspielern

Ein wenig klamottiger fällt die Hochzeitstortenschlacht zu Beginn aus. Und wenn Shakespeares Zettel hier als Stück Papier vorkommt oder die Chorsänger „Fairy Clean“ versprühen, schleichen sich schließlich sogar noch kleine Kalauer ein. Auch die Tänze, die Beate Vollack choreografierte, sorgen für reichlich Witz. Und für Ironie sorgt vor allem die Tatsache, dass das auf zweimal drei Paare reduzierte exzellente Solistenensemble mit Sängern besetzt ist, die auch ganz unopernsängerhaft spielen und tanzen, und mit Schauspielern, die – teilweise richtig gut! – singen, manchmal sogar im Duett.

Das kann man genießen, weil Schauspieler und Sänger ihr Bestes geben und vor allem im Team toll sind. Maja Beckmann als Puck, Susanne Böwe als Titania, Michael Stiller als Oberon, Manolo Bertling als Lysander, Caroline Junghanns als Hermia, Johann Jürgens als Demetrius, Hanna Plaß als Helena, dazu die Sänger Mark Milhofer, Arnaud Richard, Alexander Sprague, Lauryna Bendziunaite, Mirella Bunoaica und Josefin Feiler: Großartig sind sie alle. Dass der Abend Längen hat, liegt nicht an ihnen, sondern daran, dass selbst dem findigen Liebesbildererfinder ­Bieito irgendwann Puste und Fantasie ausgehen. Dann ähneln und wiederholen sich die Szenen, dann werden die Aktionen erwartbar, und gemeinsam mit den Darstellern, die, nachdem sie aus einem unmöglichen Traum erwacht sind, bedröppelt an der Rampe sitzen, verlässt man den Nachtclub, der früher mal Schauspielhaus hieß, und fragt sich leise gähnend, was uns das ganze lange Spiel eigentlich sagen wollte.

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