Test: Kindergesicherte Verpackungen Wie sicher sind Putzmittel und Medikamente verpackt?

Von Sandra Markert 

90 000 Mal im Jahr nehmen die acht Giftnotrufzentralen in Deutschland Verdachtsfälle an. Größtenteils geht es bei den Anrufen um Putzmittel und Medikamente, die Kleinkinder geschluckt haben. Lassen sich diese nicht sicherer verschließen? Oder sind Eltern zu nachlässig?

Stuttgart - Plopp, plopp, plopp: Pille um Pille drückt Lilly, 4 Jahre, mit ihren kleinen Fingern durch die Alufolie aus dem Blister. „Das macht Spaß“, sagt sie. Nach vier Minuten liegen alle zwölf Eisentabletten auf dem Tisch. Mit ihrer pinken Farbe sehen sie aus wie Smarties. Würde Lilly sie probieren, sie würde vermutlich starke Bauchschmerzen bekommen, dazu Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung. Denn für Kleinkinder ist die Dosierung in den Tabletten viel zu hoch.

Weshalb Eisenpräparate zu den wenigen Medikamenten in Deutschland gehören, die von den Herstellern kindergesichert verpackt werden müssen. Im Fall der Tabletten bedeutet das: Maximal 15 Prozent von 200 Kleinkinder zwischen 10 und 54 Monaten sollten innerhalb von zehn Minuten mehr als acht Tabletten aus den Blistern drücken können. Diese müssen undurchsichtig sein, so dass die bunte Farbe der Pillen keinen zusätzlichen Anreiz bietet.

Tabletten drücken die meisten Kinder mühelos aus dem Blister

In einem Test unserer Zeitung mit Lilly und sieben weiteren Kindergartenkindern konnte jedoch mehr als die Hälfte ­problemlos ein ganzes Blister innerhalb weniger Minuten leeren. „Es ist schon erstaunlich, wie gut die Kinder damit zurecht kommen“, sagt Michael Herrenbauer, Professor für Verpackungstechnik an der Hochschule der Medien in Stuttgart, der den Test begleitet hat.

Die nächste Aufgabe ist schon schwieriger: Vor Niklas, 3 Jahre, steht ein Rohrreiniger. Er ist mit einem klassischen Drück-Dreh-Verschluss kindergesichert. Immerhin enthält das Reinigungsmittel Chemikalien, die zu schweren Verätzungen führen können.

Niklas dreht den Deckel immer wieder im Kreis. Es knackt. „Wie ein Frosch“, sagt Niklas und lacht. Doch die Freude über das Geräusch hält nur kurz an. Dann haut Niklas die Flasche erst wütend auf den Tisch und schiebt sie dann genervt zur Seite. „Ich krieg’ die nicht auf!“ Ganz im Gegensatz zu Johann, 4 Jahre: Beherzt packt er den Rohrreiniger, drückt, dreht, zieht, zerrt – und dann hält er den blauen Deckel in der Hand. Auch zwei weiteren Kindern gelingt das.

Verschlüsse müssen Kinder schützen, aber Senioren an ihre Medikamente lassen

„Den Mechanismus haben sie nicht verstanden. Aber bei diesem Produkt hat es offenbar gereicht, mit genug Kraft ranzugehen, weil die Kappe sehr groß war“, sagt Herrenbauer. Die anderen Drück-Drehverschlüsse im Test, die Möbelpolitur und Tablettendosen schützen, sind kleiner. Keines der Kinder findet hier den richtigen Dreh. Und weil es mit dem Öffnen nicht auf Anhieb klappen will, verlieren sie schnell die Lust. „Dieser Verschluss bietet einen sehr guten Schutz“, sagt Herrenbauer und ergänzt: „Es gibt ja auch viele Erwachsene, die damit ihre Schwierigkeiten haben.“

Und genau das ist ein generelles Problem beim Entwickeln von Verpackungen für Haushaltschemikalien und Medikamente: Einerseits sollen sie es Kindern möglichst schwer machen, an den Inhalt heranzukommen. Andererseits müssen sie so entwickelt werden, dass auch Senioren sie noch öffnen können. „Und das ist bei vielen Verschlüssen mit Rheuma oder Arthrose an den Fingern gar nicht einfach“, sagt Herrenbauer.

Eltern sind für die Sicherheit verantwortlich, nicht der Verschluss

Genau dieser Zielkonflikt führt dazu, dass es eine hundertprozentige Kindersicherheit nicht geben kann. „Viele Erwachsene denken aber: Der Rohrreiniger hat einen Sicherheitsverschluss, den kann ich auch im Schrank unter der Spüle stehen lassen, da passiert nichts“, sagt Martina Abel, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder.

Wie weit solch elterlicher Leichtsinn ­verbreitet ist, dafür sind die jährlich rund ­90 000 Anrufe bei den acht Giftnotrufzentralen in Deutschland ein Indiz. „Meist geht es um WC-Steine, Hand- und Maschinengeschirrspülmittel und Entkalker“, sagt Uwe Stedtler von der Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg. Bei den Medikamenten ­bekämen die Kinder neben Schmerzmitteln, Hustenmitteln und Hormonpräparaten auch immer wieder Herzmedikamente und ­Psychopharmaka in die Hände. Rund 6000 Kinder vergiften sich jedes Jahr in den Haushalten so schwer, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden.

In den USA gelten für Medikamente deutlich strengere Regeln

Zumindest bei Medikamenten könnten die Hersteller noch einiges tun, um Kinder besser vor gefährlichen Inhaltsstoffen zu schützen. Das meint zumindest Rolf Abelmann, Geschäftsführer des Instituts Verpackungsmarktforschung ivm childsafe. Dort können Hersteller ihre Verpackungen auf Kindersicherheit hin testen lassen.

„In den USA müssen alle verschreibungspflichtigen Medikamente kindergesichert verpackt werden. In Deutschland ist die Liste sehr überschaubar und wurde seit den 80er Jahren nicht mehr aktualisiert.“ Als Gründe nennt Abelmann eine starke Pharmalobby sowie die höheren Kosten, die beispielsweise für sichere Tablettenverpackungen anfallen. „Auch bei manchen gefährlichen Haushaltschemikalien gäbe es durchaus Anpassungsbedarf“, sagt Abelmann.

Auch gefährliche Haushaltschemikalien dürfen teils ungesichert verkauft werden

Im Test unserer Zeitung trifft das ­beispielsweise auf ein Fläschen mit Teebaumöl zu. Auf der Verpackung warnt der Hersteller, dass es bei Verschlucken zu Lungenschäden kommen kann. Gesichert ist das Öl, welches unter anderem gegen unreine Haut und fettige Haare angewendet werden kann, mit einem einfachen Drehverschluss. Alle acht Kinder öffnen diesen in Sekundenschnelle. „Viel zu einfach“, findet Aaron, 4 Jahre, und dreht das Fläschchen um. Flüssigkeit tropft auf den Tisch. Zum Glück sind alle Testprodukte nur mit Wasser gefüllt.

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