Furtwängler, Folkerts und Co. Wenn Tatort-Kommissare Theater spielen

Von Nicole Golombek 

Maria Furtwängler hat es in Berlin getan. Felix Klare hat es in Stuttgart getan. Nun wird Ulrike Folkerts es in Mannheim tun: vom „Tatort“ zum Theater wechseln. Schön für die Schauspieler. Doch was bringt das dem Theater?

Stuttgart - Wer hat genügend Geld und Zeit, um ständig nach Wien, Berlin, Hamburg zu reisen? Eben. Nur wenige Glückliche. Um gewisse besonders gute Schauspieler im Theater zu sehen, muss man fernsehen. Samuel Finzi, Claudia Michelsen, Martin Wuttke, Caroline Peters –, lauter vielfach ausgezeichnete Darsteller, die man im Wiener Burgtheater, in der Berliner Volksbühne sieht oder sah – und die im Fernsehen gern mit Krimis oder Spielfilmen ihr nur mäßig lukratives Gehalt aufbessern. Manche verdienen damit dann sogar so viel, dass sie sich leisten konnten, das Theaterensemble zu verlassen. Und nur noch als Gäste im Theater interessante Produktionen zu spielen, ohne sich auch noch auf der kleinen Bühne mit überforderten Jungregisseuren herumplagen zu müssen. Ein besonders gern genommener Geldgeber ist die ARD – als wäre es die Krönung einer Laufbahn werden Schauspieler in Interviews ja auch gern gefragt: Und, können Sie sich vorstellen, „Tatort“-Kommissar zu werden?

Viele können das, Martin Wuttke, einer der besten deutschsprachigen Schauspieler überhaupt, konnte das. Devid Striesow und Wolfram Koch konnten das und seit neuestem können das auch Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau, beide besuchten gute Schauspielschulen, die Hochschule Ernst Busch in Berlin und das Max Reinhardt Seminar in Wien, agierten dann im Theater oder in von der Kritik geschätzten, aber wenig Publikum und Geld bringenden Kinofilmen oder assistierten als TV-Ermittler. Längst ist der „Tatort“ zu einer Art Ersatzabendgottesdienst geworden und knackt öfter mal die Zehn-Millionen-Zuschauergrenze. Und jetzt, mit verlangsamter Reaktionszeit – wie ja fast immer bei den großen Staatstheatern – haben das auch die Besetzungschefs und gut rechnende Intendanten mitbekommen. Schließlich haben sie fast alle dieser Polizei-Darsteller ausgebildet und fit gemacht fürs ganz große Publikum. Verständlich, dass sie profitieren und mit dem Ruhm der Abtrünnigen das eigene Haus füllen wollen.

„Tatort“-Kommissarin Maria Furtwängler als Superhausfrau

Privattheater, die weniger subventioniert werden und sich vornehmlich durch den Kartenverkauf finanzieren, machen das schon länger. Maria Furtwängler, Hannover-„Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm, hat im Berliner Theater am Kurfürstendamm in Noah Haidles Stück „Alles muss glänzen“ ihre erste Theaterhauptrolle gespielt: Eine Superhausfrau. So schön ihre makellosen Beine waren – konnte der Kritiker unserer Zeitung, Roland Müller, das Spiel nicht loben. „Furtwängler erreicht bei ihrer frauenbewegten Küchenflucht einen Höhepunkt an Steifheit und Hölzernheit, an unbeholfener Textdeklamation, ­deren Fadheit fast ihr gesamtes Spiel durchzieht.“

Auch als Kurzzeit-Hamburg-„Tatort“-Kommissar Mehmet Kurtulus am Alten Schauspielhaus in Stuttgart vom Mörderjäger in die Rolle des Mörders wechselte und die Titelrolle in Shakespeares „Othello“ erhielt, war die Kritik von dem Ergebnis weniger begeistert. „Kurtulus flüchtet sich in große Posen, die an den Gestus des expressionistischen Films erinnern“, schrieb die Kritikerin Adrienne Braun. Aber: das Haus war voll.

Kommissare bringen auch im Theater gute Quoten

Nun ziehen also die Staatstheater nach, die sich offenbar immer häufiger auch in der Pflicht sehen, sich vor der Politik in Sachen Auslastungszahlen zu rechtfertigen. Es reicht schon lange nicht mehr, sich über die Krimi-Rhetorik zu mokieren – die Älteren erinnern sich an René Polleschs Stück „Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen, was ich brauche, allein mit meinem guten Aussehen?“ 2006 in Stuttgart. Die Schauspieler rannten immer wieder Türen ein, spielten abwechselnd Kommissar und überbrachten Kollegen die Nachricht, jemand sei erschossen worden, worauf der andere unterschiedlich staunend, erfreut oder entsetzt fragte: „Was? Erschossen?“ Eine sehr lustige Zurschaustellung schauspielerischen Variantenreichtums und ein Kommentar zur dramaturgischen Dürftigkeit von Krimis: Jemand stirbt, die Weltordnung gerät aus den Fugen, der Kommissar klärt auf und stellt die Ordnung wieder her.

Die Besetzung mit Polizei-Schauspielern indes dürfte in den meisten Fällen vor allem eine Entscheidung aus wirtschaftlichem Kalkül sein. Wenn die Fernsehmimen dann nicht alles vergessen haben, was sie auf der Schauspielschule gelernt haben – um so besser. Felix Klare, Absolvent der Hochschule Ernst Busch, hatte Engagements an größeren Häusern in Berlin und Hamburg und wurde Stuttgarter „Tatort“-Kommissar. Er bescherte in einer Nebenrolle als Arzt in Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ Armin Petras’ schwächelndem Stuttgarter Schauspielhaus den Renner der Saison.

Ulrike Folkerts spielt in Mannheim eine Hauptrolle

Der amtierende Mannheimer Nationaltheater-Intendant und designierte Stuttgarter Schauspielchef, Burkhard C. Kosminski, liebäugelt ebenfalls mit dem Fernseh-Boulevard. Ulrike Folkerts, die den „Tatort“ schon so lange spielt, dass man sie bereits als Frau Odenthal anspricht, wird in Mannheim groß herauskommen. Wie schon bei Maria Furtwänglers Theaterausflug ist der Textgeber der 1978 in Michigan geborene Noah Haidle. „Für immer schön“ feiert am 7. Oktober Uraufführung, Folkerts spielt die Hauptfigur, der Hausherr inszeniert höchstselbst. Auf die Idee, Folkerts, die 1986 in Oldenburg ihre Theaterlaufbahn begann, für die Bühne zurückzugewinnen, ist freilich vor Kosminski schon ein anderer gekommen. Als Martin Kusej die Schauspielsparte der Salzburger Festspiele leitete, besetzte er sie für Christian Stückls Hofmannsthal-Inszenierung „Jedermann“. Eine Hauptkommissarin spielt den Tod, das war nicht unoriginell und garantierte mediale Aufmerksamkeit.

Den Schauspielern kann die Chance, sich mit anspruchsvollen Texten zu befassen, nur recht sein. Sie leisten sich einen Ausflug in die Hochkultur und zeigen, ich kann auch anders. Fragt sich allerdings, was bringt es künstlerisch? Und was bringt es dem Ensemble, das sich das ganze Saison lang auch in kleinen Produktionen abrackert, wenn die Fernsehprominenten in den großen Inszenierungen alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, auch wenn sie womöglich weniger gute Künstler sind? Sie (und das Publikum) werden damit leben müssen. In Zeiten immer kürzerer Aufmerksamkeitsspannen buhlt halt nicht nur das staatliche Fernsehen um Quote, sondern auch das staatlich subventionierte Theater. Und wenn Bühnenmuffel mal ins Theater gehen, um ihre Fernsehdarlings „in echt“ zu sehen und merken, tut gar nicht so weh, dieses Theater, dann gehen sie womöglich noch mal hin. Schön wär’s.

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