Stuttgart Taschendiebe gehen öfter ins Netz

Von Wolf-Dieter Obst 

Der Griff zum Geldbeutel geht weiter – doch der Polizei gelingen zunehmend Erfolge Foto: Achim Zweygarth
Der Griff zum Geldbeutel geht weiter – doch der Polizei gelingen zunehmend Erfolge Foto: Achim Zweygarth

Kann die Polizei die Invasion der Taschendiebe eindämmen? Nach dem traurigen Rekordjahr 2015 sehen sich die Ermittler auf einem guten Weg. Es werden mehr Täter gefasst, die Aufklärungsquoten steigen. Von Entwarnung kann aber keine Rede sein.

Stuttgart - Vom Alkoholrausch übermannte Nachtschwärmer sind besonders leichte Opfer. Wenn sie bewusstlos auf der Sitzbank der S-Bahn-Station liegen, dann winken den Taschendiebengefüllte Geldbeutel und teure Mobiltelefone. Das dachte wohl auch ein 35-Jähriger, der sich am Sonntag um 5.45 Uhr an der S-Bahn-Haltestelle Stadtmitte einem Übriggebliebenen der nächtlichen Volksfestparty widmete. Er rüttelte den Schlafenden, der sich jedoch nicht rührte, griff in die linke Hosentasche und erbeutete eine Schachtel Zigaretten. Eine etwas enttäuschende Beute. Es sollte nicht die letzte Enttäuschung sein.

Der Langfinger wurde nämlich kurz darauf von zwei Männern dingfest gemacht – von Beamten der Bundespolizei, die zufällig Zeugen wurden. „Eigentlich sollten sie für die Prävention unverfänglich Fotos von Schlafenden machen“, sagt Bundespolizei-Sprecher Jonas Große, „um über unseren 24-Stunden-Twitterdienst die Leute vor solchen Situationen zu warnen.“ Dabei lief den Beamten in Zivil auch gleich noch ein Täter über den Weg. Der 35-Jährige, für den die Schachtel Zigaretten reichlich Nebenwirkungen hatte. Einen Haftbefehl.

Trauriger Rekord im vergangenen Jahr

Als Taschendieb kann man in Stuttgart auch wegen einer Schachtel Zigaretten ins Gefängnis kommen. Das ist das Signal, das die Polizei seit Monaten mit verstärkter Präsenz durch die sogenannte Sicherheitskonzeption und mit gezieltem Einsatz von spezialisierten Fahndern den Tätern zu vermitteln versucht. Denn im vergangenen Jahr hatte es in der Landeshauptstadt traurige Rekordzahlen gegeben: 2370 Fälle, so viele wie noch nie. Aufklärungsquote: bescheidene acht Prozent. Seither gehören die Langfinger in der Stadt zu den erklärten Schwerpunkten der Polizeiarbeit.

Normalerweise wäre der 35-Jährige nach der Anzeigenaufnahme wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Zwar war der Beschuldigte einschlägig polizeibekannt – aber wegen Zigaretten in Haft? „Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, dass sich ausreichend Spezialisten mit bestimmten Deliktsfeldern beschäftigen“, sagt Große.

Den kenne ich doch, sagt der Fahnder

Ein Taschendiebstahlsfahnder der Bundespolizei konnte mit dem Foto des westafrikanischen Beschuldigten einiges anfangen. Das Aussehen, ein auffälliges Armbändchen, die Kleidung – all das passte zu Videoaufnahmen anderer Taschendiebstähle am 28. August in einer S-Bahn S 5 und am 18. September am S-Bahn-Halt Hauptbahnhof. Noch am Sonntag erließ ein Bereitschaftsrichter Haftbefehl.

Eine Abschreckung, die wirkt? Die Bundespolizeiinspektion Stuttgart verzeichnet einen Rückgang der Fälle um knapp 13 Prozent. Bis Ende September gab es im Zuständigkeitsbereich in Württemberg 946 Fälle. Immerhin konnten binnen eines halben Jahres 43 Tatverdächtige gefasst werden.

Von der Partymeile fort nach Pfullingen

Bei der Stuttgarter Polizei sind es bereits weit über 50 – zuletzt zwei 19 und 36 Jahre alte Männer, die im Leonhardsviertel gefasst wurden. „Die Taschendiebstähle sind bisher nur leicht rückläufig“, sagt Polizeisprecher Jens Lauer, „aber die Zahl der erwischten Tatverdächtigen steigt, wie auch die Aufklärungsquote.“ Genaue statistische Zahlen will Lauer nicht nennen. „Aber wir haben bereits mehr als 100 geklärte Fälle.“ Die große Mehrheit der Beschuldigten stammt noch immer aus nordafrikanischen Gefilden.

Grund für Entwarnung gibt es nicht. Am Wochenende sind in der Innenstadt fünf weitere Fälle hinzugekommen – unter anderem in einer Lokalität an der Partymeile Theodor-Heuss-Straße. Dort wurde einer 19-Jährigen das teure Smartphone aus der umgehängten Tasche gestohlen. Von Täter und Beute fehlt noch jede Spur. Zuletzt konnte es in Pfullingen geortet werden.

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