Tafelspitzen Sinnliche Küche, keine Diät-Anstalt

Von Jürgen Holwein 

Liktors täglich wechselnden Menü-Tafeln sind Zeichen einer Küche der frischen Zutaten.

Im März war die Fassade grau, jetzt hüllt grün der wilde Wein sie ein. Damals waren Josef Liktor, der Koch, und Brigitte Bianco, seine Hausdame, von Botnang in den Gasthof Hirsch in Zuffenhausen gezogen. Gegenüber steht die Johanneskirche, was gerade an Sonntagen dazu einlädt, den Braten dort zu verspeisen.

Zwei Räume für jeden Geschmack, mit jeweils einer Toilette: der größere mit Theke und Holzdecke im wohltemperierten Wirtshausstil, ungestörte Gespräche sind an jedem Tisch möglich. Der andere Raum wie ein französisches Bistro oder eine (nord-)italienische Trattoria, harmonisch und hell, sachlich, aber nicht kühl. Auf Schiefertafeln steht das Neue vom Tage. Frau Bianco, Liktors loyale Seele, liest es den Gästen vor.

Liktors Tafeln sind Zeichen einer Küche der frischen Zutaten im Rhythmus des Marktes und der Lust, ständig neu und gut für die Gäste zu kochen. Es ist eine sinnliche Küche, keine Diät-Anstalt. Die ungarisch-österreichische Herkunft verleugnet Liktor nicht, am Kaliber von Süßspeisen wie den von eigener Hand gezogenen Topfen- und anderen Strudelungeheuerlichkeiten können wir es erkennen.

Der blonde Mann aus Budapest bereitet in Zuffenhausen kaum weniger Fischgerichte zu. Seeteufel und Meerwolf, Thunfisch und Spada (Schwertfisch) mit roten Linsen und Spinat, Müritzer Zander (Ungarn sind Zander-Experten) mit Steinpilzen und Nudeln (alles um 19 Euro). Im April gab es schneeweißen Skrei (Winterkabeljau) mit hingezauberter Kruste.

Die Suppen. Liktors Fischsuppe ist eine Art Bouillabaisse. Die Maultaschensuppe (kleine Kalbsmaultaschen) aus doppelter Rinderkraftbrühe. Rote Linsensuppe mit italienischen Würstchen, toskanische Gemüsesuppe und GulyÖs, die Gulaschsuppe der Ungarn. Seit März haben wir vieles gegessen, was wir sonst kaum und so nicht und nicht zu diesem Preis gefunden haben. Spanferkelbraten, Kalbfleischküchlein, Schweinefiletgröstl zum Beispiel. Vielerlei Schmorgerichte mit Soßen wie Nektar: Kalbsbäckchen, Kalbsbraten, Búuf bourguignon; Wachteln und Involtini (Rouladen) auf römische Art, gefüllt mit Gemüse und Parmesan. Kalbsleber zu Kartoffelgratin (mal ohne Käse).

Weil es in Barbera geschmorte Kutteln (piemontesisch) gab mit gebackener Polenta, Kutteln auf römische und auf schwäbische Art, nehmen wir Liktor samt Hirsch in unsere Liste der Kutteln-Kult-Stätten auf. Seine Wirtshausküche kennt keine geografischen oder mentalen Grenzen. Ein gutes Gasthaus ist daran zu erkennen, ob man sich beim Rausgehen besser fühlt als beim Reingehen, hat mal ein Freund gesagt. Es sei denn, man hätte bei der Auswahl ein wenig übertrieben. So oder so ist Liktors Hirsch ein Lieblingsgasthaus.

Preis-Leistungs-Verhältnis: Erstaunlich

Atmosphäre: Schwäbisches Wirtshaus und französisches Bistro

Küche: So vielfältig wie das Leben, jeden Tag neu

Adresse: Liktors Restaurant Hirsch, Bottwarstraße 10, 70435 Stuttgart, Tel.: 6 74 37 28.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag von 17.30 bis 23 Uhr, Freitag bis Sonntag von 11.30 bis 14.30 und von 17.30 bis 23.30 Uhr. Montag geschlossen. Die Öffnungszeiten werden derzeit noch getestet.

Extras: Mehrere Tische im Freien. Josef Liktor öffnet sein Lokal nach Absprache auch außerhalb der Öffnungszeiten.

Anfahrt: Mit den Stadtbahnlinien 7 und 15, Haltestelle Kelterplatz, drei Minuten Fußweg. Für Autofahrer: Parkmöglichkeiten in der unmittelbaren Umgebung des Restaurants.

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