Syrische Flüchtlinge in Stuttgart Schlüssel zu einer neuen Zukunft

Von Hanna Spanhel und Jürgen Bock 

Blick nach vorn: Abdul, Hassan und Sahel (von links) schauen aus dem Fenster ihrer neuen Wohnung in Zuffenhausen Foto: Hanna Spanhel
Blick nach vorn: Abdul, Hassan und Sahel (von links) schauen aus dem Fenster ihrer neuen Wohnung in ZuffenhausenFoto: Hanna Spanhel

Zigtausende Menschen kommen in diesen Monaten neu ins Land. Wie leben sie in der neuen Heimat – und wo? Unsere Autoren begleiten drei junge Syrer in einem Langzeitprojekt bei ihren ersten Schritten im Land. Nun steht der Umzug von der Turnhalle in eine richtige Wohnung an.

Stuttgart - Manchmal kann ein einfacher Zettel die gesamte Zukunft verändern – von einer Minute auf die andere. Ein Zettel mit einer Liste von etwa 30 Namen und neuen Anschriften. Auf einmal hängt er an der Wand der Turnhalle im Stuttgarter Stadtteil Obertürkheim, an einem Donnerstagabend.

Dieser Zettel verkündet die entscheidende Nachricht, auf die viele hier im Flüchtlingsnotquartier sehnsüchtig warten: Die, deren Name auf der Liste steht, dürfen umziehen. Schon am folgenden Morgen. Um 8 Uhr müssen alle Habseligkeiten gepackt sein.

Eine kurze Nacht später: In der Halle herrscht Aufbruchstimmung, auch bei Abdul (27), Hassan (24) und Sahel (25). Seit drei Monaten leben die drei jungen Syrer in der Turnhalle mit über 100 anderen Menschen zusammen. Seit sie in den ersten Septembertagen am Stuttgarter Hauptbahnhof aus dem Zug gestiegen sind, haben sie sich ausnahmslos mit vielen anderen das Leben in Massenquartieren geteilt. Erst in Karlsruhe in einer Unterkunft der Landeserstaufnahmestelle, dann in Obertürkheim in der umfunktionierten Sporthalle. Tagsüber haben die Männer versucht, ihr Leben hinaus in die Stadt zu verlegen, sind ins Museum gegangen, haben Deutschkurse besucht und viel Zeit in der Stadtbücherei verbracht.

Absperrgitter sind Vergangenheit

Sahel schiebt eines der Absperrgitter zurück und verschwindet in einem kleinen Bereich. Drei Stockbetten, zwei einfache Metallschränke. „Das hier ist unser Zimmer – zumindest jetzt noch“, sagt Sahel. Er lacht. In ein paar Minuten ist die Enge in der Halle Vergangenheit. Ihre Matratzen haben die drei bereits ordentlich zusammengerollt – sie kommen mit in die neue Unterkunft in Zuffenhausen. Was sie sonst dort erwartet? Die jungen Syrer wissen es noch nicht. Doch es kann nur besser werden. „Wir haben das zwar akzeptiert“, sagt Hassan. „Aber schlafen konnte ich hier oft nicht so gut. Es war immer laut.“

Vor der Halle türmen sich blaue Plastiksäcke, zusammengeschnürte Matratzen und große Koffer. Die Stadt schickt ein Unternehmen vorbei, das die Besitztümer der Geflüchteten in einen Lastwagen packt und in die neuen Unterkünfte bringt. Und das nicht nur hier.

Drei der fünf umfunktionierten Turnhallen in Stuttgart werden in diesen Tagen geräumt, die Bewohner dürfen umziehen. 440 Leute kommen anderweitig unter, unter anderem in Wohnungen der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG). Der Auszug aus den beiden übrigen Hallen folgt später.

Die Stadt hat erkannt, dass es sinnvoller ist, die Flüchtlinge auszutauschen, bevor der Frust zu groß wird. Innerhalb weniger Tage wird das Notquartier leer sein. Danach wird geputzt, dann ziehen neue Bewohner ein.

"Haben ein bisschen Angst, dass in unsere neue Unterkunft keine Helfer kommen"

Drei Monate haben Abdul, Hassan und Sahel in der Turnhalle verbracht. Inzwischen ist viel passiert. Abdul zieht einen grünen Ausweis aus der Tasche. „Aufenthaltsgestattung“ steht darauf. Einen Tag zuvor haben die drei das offizielle Dokument erhalten, mit dem sie sich ausweisen können, während ihr Asylantrag bearbeitet wird. Den haben sie kurz vor Weihnachten gestellt.

Auf dem Ausweis ist die Adresse der Halle in Obertürkheim vermerkt. Die muss jetzt wieder geändert werden – nach nur einem Tag. „Wir müssen nächste Woche noch einmal zur Ausländerbehörde“, sagt Abdul auf Deutsch. Es macht ihnen nichts aus. Es geht voran, das ist für sie das Wichtigste.

Zwischen den Baustellengittern in der Turnhalle schieben Kinder ihre Fahrräder nach draußen. Bald beginnt der Unterricht in der Schule. Neben der Eingangstür stehen ein paar Männer und Frauen um die ehrenamtlichen Helfer herum. Beengt war die Situation in den vergangenen Monaten, aber Streit gab es kaum – man hat sich sogar angefreundet. Auch mit Helfern. Telefonnummern werden ausgetauscht, Leute umarmt, Gruppenfotos gemacht. „Wir haben ein bisschen Angst, dass in unsere neue Unterkunft keine Helfer kommen. Es ist ein guter Weg, Einheimische zu treffen“, sagt Sahel.

Einer der Ehrenamtlichen verteilt Schokoriegel an die, die an diesem Tag ausziehen. „Wir werden unsere Leute hier vermissen“, sagt er. „Am Anfang war das hier für sie gewöhnungsbedürftig – auch für uns. Aber die Stimmung war gut, das sind tolle Menschen.“ Fast jeden Tag hat der Rentner in den vergangenen Monaten in der Notunterkunft verbracht.

Als er im Urlaub war, hat ihm einer seiner Schützlinge täglich ein Foto aus der Halle geschickt. Und geschrieben: „Ein Morgen ohne dich ist ein schlechter Morgen.“ Jetzt werden sich auch die Helfer an neue Bewohner gewöhnen müssen.

Nachtruhe und Brandschutz sind keine fremden Begriffe mehr

Ein paar Männer laden das Gepäck in den großen Lkw, der vor der Halle bereitsteht. Für Sahel, Abdul, Hassan und die anderen Asylsuchenden geht es mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur neuen Unterkunft in Zuffenhausen. Wo die liegt, zeigt ein Ausschnitt des Stadtplans, der in der Turnhalle an der Wand hängt. Dann machen sich die drei mit ihren Rucksäcken zur U-Bahn auf. Nur kurz drehen sie sich noch einmal zur Turnhalle um, die in den letzten Monaten ihr Zuhause war.

Eine U-Bahn-Fahrt später: In der Unterkunft in Zuffenhausen herrscht noch ein wenig Chaos, als die neuen Bewohner aus Obertürkheim eintreffen. Im Erdgeschoss des großen, mehrstöckigen Gebäudes haben Sozialamt und Arbeiterwohlfahrt ein Büro eingerichtet. Hier stapeln sich Mappen mit Wohnungsplänen und Namenslisten, eine Helferin erklärt einer jungen Familie den Brandschutz auf Farsi. Sahel winkt ab: „Wir können das auf Deutsch“, sagt er und lächelt.

Was Nachtruhe bedeutet, wo die Waschküche ist und welche Notrufnummern man wann wählen kann – für die drei jungen Syrer sind das längst keine fremden Begriffe mehr.

Im Treppenhaus wird Hassan nervös. Er dreht den Schlüssel zwei-, drei- mal im Schloss hin und her. Die Wohnungstür will nicht aufgehen. Einen eigenen Schlüssel hatte er schließlich lange nicht mehr, seit der Flucht aus Syrien. Dann springt die Tür auf.

Neue Wohnung bedeutet Rückkehr zu normalem Leben

Drei Zimmer mit grau-braunem PVC-Boden und metallenen Bettgestellen, eine kleine Küche mit einem Herd und einem Kühlschrank, ein schmales Badezimmer mit einer Badewanne, ein paar Stühle. Schränke fehlen – die sollen erst in ein paar Tagen geliefert werden, wie Geschirr und Kochtöpfe.

Hier also werden Hassan, Abdul und Sahel in den nächsten Monaten leben, zusammen mit drei weiteren Männern aus Syrien, die sie schon aus der Notunterkunft in Obertürkheim kennen. Das seien Freunde, sagen sie. Hassan blickt aus einem der Fenster hinunter in den Hof auf der Rückseite des Hauses. „Gott sei Dank“, sagt er auf Arabisch und dann noch einmal auf Deutsch: „Gott sei Dank – unsere eigene Wohnung.“

Was diese Veränderung bedeutet, kann Sahel noch nicht so richtig in Worte fassen. „Jetzt haben wir langsam wieder ein normales Leben“, sagt er. Hier können sie in Ruhe lernen, sich selbst um ihr Essen kümmern. Vielleicht sogar ein Wohnzimmer einrichten. Bis zum nächsten wichtigen Schritt sind es noch ein paar Wochen.

Von Ende März an dürfen Abdul, Hassan und Sahel arbeiten – auf die Suche nach Praktikumsplätzen haben sie sich schon gemacht. „Und irgendwann können wir uns selbst eine Wohnung mieten“, sagt Sahel. Bis dahin schauen sie nicht mehr auf abgehängte Baustellengitter, sondern aus dem Fenster ihres Zimmers auf Zuffenhausen. Der einfache Zettel an der Wand der Turnhalle, er hat vieles verändert. Von einem Tag auf den anderen.

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