Susanne Gaensheimer kommt zu „Über Kunst“ „Kunst hat eine elementare Aufgabe“

Von nbf 

International gefragte Kunstvermittlerin: Susanne Gaensheimer Foto: Ribeiro Alvez
International gefragte Kunstvermittlerin: Susanne GaensheimerFoto: Ribeiro Alvez

Mit den „Stuttgarter Nachrichten“ näher dran an herausragenden Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur. Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, kommt zum exklusiven Podiumsgespräch unserer Zeitung in die Galerie Parrotta nach Stuttgart.

Stuttgart -

Sind wir, was wir essen? Essen wir, was wir sind? Und warum finden wir eigentlich etwas essenswert? Die Frageliste ließe sich fort­setzen und würde doch das Panorama, das Susanne Gaensheimer, Direktorin des ­Museums für Moderne Kunst in Frankfurt und zweimalige Kuratorin für den Deutschen Pavillon auf der Biennale Venedig, mit der von ihr ­und ihrer Frankfurter Assistenzkuratorin Anna Goetz erarbeiteten Ausstellungskonzeption für die 13. Triennale ­Kleinplastik in Fellbach absteckt, nur ­­an­reißen. Susanne ­­Gaens­heimer als Ausstellungsmacherin in ­Fellbach? Das ist ein Coup – und unterstreicht den Rang, den die ­nationale und internationale Kunstszene der Triennale ­zumisst.

Der Anspruch Susanne Gaensheimers? „In den Zusammenhängen, in denen ich in den letzten Jahrzehnten gearbeitet ­habe“, sagt sie unserer Zeitung vor Eröffnung der Triennale, „hatte die Kunst immer einen sehr starken gesellschaftlichen Bezug. In meinen Augen ist die Kunst ein Gegenüber, das die Themen unserer Zeit, die Konflikte, die Ambivalenzen, die Brüche, Fragestellungen einer Zeit aufgreift und uns die Möglichkeit gibt, uns mit ihnen zu beschäftigen, zu reflektieren, nachzudenken, auf Ideen zu kommen, uns bewusst zu werden.“ Und ­Gaensheimer ­konkretisiert: „Die Kunst hat eine elemen­tare Aufgabe. Ich glaube, das Wichtigste, was ­dabei passieren kann, ist eine Art von ­Bewusstwerdung, Bewusstseinsschärfung.“ Auch darüber werden wir am Dienstag, 20. September, bei „Über Kunst“ mit Susanne Gaensheimer sprechen. „Über Kunst“ findet statt in der Galerie Parrotta in Stuttgart (Augustenstraße 87). Beginn ist um 19 Uhr.

Konsequentes Konzept für die 13. Triennale in Fellbach

„Food – Ökologien des Alltags“ ist die ­Triennale betitelt, mit der Gaensheimer ­Heroen der internationalen Gegenwartskunst die Besucherinnen und Besucher in einen Crashkurs in Sachen Demokratisierung ­entführen lässt. Und dies mit solch sinnlicher Lust, dass man den Künstlerinnen und Künstlern nur zu gerne auch in die Abgründe der globalen Nahrungsmittelindustrie folgt. Schrittmacher konzeptueller Positionen wie Gordon Matta-Clark und Félix ­González-Torres geben einer Schau Halt, die Kunst als Projekt in den Blick rückt – mit Werken auch der gebürtigen Stuttgarterin Andrea ­Büttner oder von Subodh Gupta.

International wie selten ist diese 13. ­Triennale in Fellbach angelegt. Wichtiger aber: Die Ausstellung ist von bestechender Konsequenz – von der Künstlerauswahl bis hin zur Frage der ­Präsentation in der zwar gerne als besonderer Ort skizzierten, aber doch offensichtlich ungemein schwierigen Alten Kelter. Noch bis zum 2. Oktober ist die Schau zu sehen: Als ­Aufforderung, genauer wahrzunehmen, ist „Ökologien des Alltags“ letztlich eine Parabel über die Rezeption von Kunst.

Die Entschiedene

Streng, distanziert, kontrolliert – Susanne Gaensheimer zugeschriebene Attribute zeichnen ein Bild bewusster Härte. 1969 in München geboren, studiert sie in München und Hamburg Kunstwissenschaft, promoviert über das Schaffen des US-amerikanischen Objekt- und Videokünstlers Bruce Nauman und übernimmt nach einem Volontariat im Lenbachhaus in München 1999 ihre erste Leitungsstelle – als Direktorin des Westfälischen Kunstvereins in Münster. 2001 bis 2008 lenkt sie im Lenbachhaus die Sammlung für Gegenwartskunst.

Dann der große Sprung: 2009 wird Susanne Gaensheimer Direktorin des 1991 mit ­Jean-Christophe Ammann als Gründungsdirektor eröffneten Museums für Moderne Kunst in Frankfurt. Die internationalen Türen stehen weit ­offen – und als Kommissarin für den deutschen Pavillon bei der Biennale Venedig ­feiert sie 2011 ihren bis dahin größten ­Erfolg: Der Deutsche Pavillon, im ­Gedenken an den ein Jahr zuvor gestorbenen Regisseur Christoph Schlingensief als ­Gesamtkunstwerk angelegt, wird mit dem Goldenen ­Löwen ausgezeichnet. Das bringt Rückenwind – auch für die von Gaensheimer ­angestrebte Erweiterung des MMK. Wohl gibt es im ehemaligen Hauptzollamt, in unmittelbarer Nachbarschaft zum als „Tortenstück“ bekannten Museums-Bau von Max ­Hollein, einen Projektraum. Doch das MMK braucht für die wachsende Sammlung schlicht mehr Ausstellungsfläche.

Schulterschluss mit der Wirtschaft

2013, bei der 55. Biennale Venedig, erneut Kommissarin des Deutschen Pavillons, ist Gaensheimer im Herbst 2014 am Ziel: Im neu errichteten Taunus-Turm im Frankfurter Bankenviertel kann das Museum in einem Schulterschluss mit der Wirtschaft 2000 Quadratmeter ­bespielen. Und Susanne ­Gaensheimer sagt hierzu unserer Zeitung: „Zu sagen, dass die stärkere Zusammenarbeit mit Sponsoren die Museen unfrei macht, ist insofern naiv, als man dabei gar nicht mitbedenkt, dass auch die Abhängigkeit von Städten oder von staatlichen ­Trägern unfrei macht.“

Gaensheimer glaubt an die Kraft der Kunst

Ein Museum, drei Orte: Was hier möglich ist, belegt das aktuelle Programm. Bis zum 6. November präsentiert das MMK 3 die ­erste umfassende Einzelschau der Turner-Preisträgerin Laure Prouvost in Deutschland, am 17. September wird im Stammhaus MMK 1 die bisher umfangreichste Ausstellung zum Schaffen der in den Niederlanden lebenden Installations- und Videokünstlerin Fiona Tan eröffnet. Und an diesem Sonntag lädt das MMK 2 zu einem im besten Sinn spektakulären Finale des Projektes „Das imaginäre Museum“. Mehr als 80 Hauptwerke aus dem Centre Pompidou, der Tate Gallery und dem MMK fragten in Anlehnung an Ray Bradburys 1953 erschienenen Roman „Fahrenheit 451“ bis zum 4. September, was bleiben würde, wenn 2052 die Museen von der Auslöschung bedroht wären und die Kunst aus der Gesellschaft verschwinden würde. Die Werke könnten einzig erinnert werden – und eben dies passiert an diesem Samstag und Sonntag im ­geräumten MMK 2: „Bildermenschen“ bringen die Kunst in jeweils ganz eigener Weise zurück in die allgemeine Wahrnehmung. Der Staunfaktor Warenwert hat keine Bedeutung mehr, was einzig zählt, ist der wahre Wert des jeweiligen Werkes für einen sich ­erinnernden Betrachter.

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