Suchtexperte „Crystal Meth ist die gefährlichste Partydroge“

Von Regine Warth 

Das Rauschgift Crystal Meth macht schnell süchtig. Das Methamphetamin  wirkt stark aufputschend, unterdrückt Durst- und Hungergefühle und betäubt das Schmerzempfinden Foto: dpa
Das Rauschgift Crystal Meth macht schnell süchtig. Das Methamphetamin wirkt stark aufputschend, unterdrückt Durst- und Hungergefühle und betäubt das SchmerzempfindenFoto: dpa

Der Missbrauch von Crystal Meth nimmt in Deutschland zu. Selbst Politiker wie jetzt Volker Beck (Grüne) werden damit auffällig. Oft wird der Konsum mit Leistungsdruck entschuldigt, doch der renommierte Suchtmediziner Roland Härtel-Petri widerspricht.

Herr Härtel-Petri, wer ist der typische Meth-Nutzer?
Crystal Meth ist eigentlich eine Partydroge und wird hauptsächlich dazu eingesetzt, um Spaß zu haben. Da sie den sexuellen Antrieb steigert, ist sie auch in der Chem-Sex-Szene, einer sehr kleinen, aber in Berlin bei einigen der sogenannten MSM-Szene (Anm. d. Red.: MSM steht für „Männer die Sex mit Männer haben“) beliebt. Es gibt zwar auch Menschen, die Crystal Meth in bestimmten Belastungssituationen einnehmen, um durchzuhalten, dann aber in kleineren Dosen von bis zu 30 Milligramm maximal pro Tag.
Jetzt ist der Grünen-Politiker Volker Beck den Berichten zufolge mit der Droge erwischt worden, 2014 gab der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Hartmann zu, den Stoff konsumiert zu haben. Wie passen die Politiker in die Reihe der Crystal-Meth-Nutzer?
Ich hoffe sehr, dass im Fall Beck nicht schon wieder die Schutzbehauptung kundgetan wird, er habe dies nur zur Leistungssteigerung eingenommen. Zumindest hat dies Michael Hartmann damals über seine Anwälte verlauten lassen. Das ist ein Skandal! Die Behauptung, man würde diese Droge zur Steigerung der eigenen Leistung einnehmen, stimmt nur insofern, dass auch chronische Alkoholiker sich Alkohol zuführen müssen, um überhaupt zu funktionieren. Im Fall Hartmann wurde diese Schutzbehauptung von den Medien weitergegeben – mit viel Mitgefühl. Das geht bei Herrn Beck in die ähnliche Richtung. Das stimmt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Das Schlimme daran ist: Solche Aussagen schaffen Nachahmer. Sie verleiten Menschen mit Burn-out dazu, die Droge zu nehmen, um besser durchhalten zu können. Gleichzeitig verharmlost es die Droge. Es entsteht der Eindruck, das einzige Problem beim Konsum sei die Strafverfolgung.
Was wäre die ehrlichere Erklärung?
Wir haben sowohl mit Herrn Beck als auch mit Herrn Hartmann zwei Männer, die angeblich in der Homosexuellen-Szene unterwegs sind. Es erscheint mir sehr wahrscheinlich, dass sie Crystal Meth genommen haben, um mehr Spaß zu haben. Das Dramatische ist doch, dass die beiden offensichtlich nicht darüber aufgeklärt war, wie gefährlich diese Droge ist. Es stellt sich also die Frage, ob man die Fehltritte von Beck und Hartmann hätte vermeiden können, wenn das in der Szene bekannter gewesen wäre.
Angeblich handelt es sich bei der beschlagnahmten Menge um 0,6 Gramm. Ist das viel oder wenig?
Dazu muss man wissen: Methamphetamin wurde als Kaffeeersatz und Appetitzügler sowie als Antidepressivum bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in Form von Tabletten in Dosierungen von drei Milligramm eingesetzt. Eine Tablette entspricht der Wirkung einer Tasse Kaffee. Man kann sagen, dass ein Drogenkonsument in der Szene etwa 100 Milligramm als eine Line schnupft. Stimmt die Angabe mit den 0,6 Gramm, hätte Herr Beck eine Menge bei sich, die man für den sechsmaligen Konsum kauft, meist um Spaß oder Sex zu haben. Diese 0,6 Gramm verraten aber nichts darüber, ob der Konsument abhängig ist – aber es wäre im Bereich des Möglichen. Im Fall Hartmann gab seine Dealerin an, er habe 3000 Milligramm für 30 Tage gekauft. Das entspräche genau der Dosis, die jemand einnimmt, der schon abhängig ist, aber noch nicht die dramatische Dosierung erreicht hat. Ein chronisch Abhängiger dürfte in der Regel ein halbes bis eineinhalb Gramm pro Tag einnehmen.
Was sind die Risiken von Amphetaminen und speziell von Methamphetaminen?
Amphetamin und Methamphetamin sind – wenn sie als Drogen missbraucht werden – neurotoxisch. Das bedeutet, sie werden in die Nervenzellen aufgenommen: Je höher die Substanz dosiert ist, umso höher ist die Gefahr, dass die Nervenzellen absterben. Insbesondere wenn die Droge geschnupft wird, ist sie gefährlich: Denn dies führt zu einer sehr hohen Konzentration im Gehirn. In den 80er und 90er Jahren war es noch üblich, Amphetamine wie Speed per Tabletten aufzunehmen. Dann wurde das Schnupfen beliebter – vor allem in der Technoszene. Es führt zu einer schnelleren Wirkung – führt den Konsumenten aber auch schneller und häufiger in die Abhängigkeit. Und damit auch schneller zu gesundheitlichen Problemen: Die Zähne gehen kaputt, man kratzt sich die Haut auf. Das kann man heilen oder mit Hilfe von Ärzten größtenteils rückgängig machen. Was bleibt, sind die psychiatrischen Störungen: Die Menschen haben kognitive Störungen, Gedächtnisstörungen und entwickeln Psychosen oder werden paranoid.
Macht Crystal schneller abhängig als beispielsweise Koks?
Die Abhängigkeitsentwicklung ist bei jedem Menschen individuell. In früheren Studien wurde aber nachgewiesen, dass Crystal-Nutzer schneller süchtig werden als Kokain- oder Cracksüchtige.
Gibt es Menschen, die eher anfällig für den Konsum von Crystal Meth sind?
Es gibt Studien, die zeigen, dass besonders traumatisierte Menschen, insbesondere sexuell traumatisierte Frauen besonders gefährdet sind, von diesen Substanzen abhängig zu werden. Denn Crystal kann auch als Antidepressivum eingesetzt werden. Oder als Appetitzügler. Aber zu sagen, dass nur Leute abhängig werden, die davor schon psychische Probleme hatten, wäre zu einfach. Diese Schutzbehauptung wird ja gern bei Alkohol aufgestellt – damit man selbst weiter trinken kann. Da ist die Selbsthilfeszene in den USA viel weiter: Da werden Crystal oder auch andere Drogen als dafür verantwortlich gesehen, was sie aus dem Menschen macht.Viele Konsumenten behaupten längere Zeit, sie hätten den Konsum von Genussmitteln unter Kontrolle – fragt sich nur, ob die Eltern, der Partner oder die Kinder der Betroffenen das genauso sehen.
Sie warnen schon seit Jahren vor Crystal Meth, haben dazu ein Buch geschrieben „Wie eine Droge das Land überschwemmt“. Haben sich Ihre Befürchtungen bewahrheitet?
Nach Cannabis ist Methamphetamin inzwischen die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Das Gefährliche bei Crystal Meth ist die Verfügbarkeit, der günstige Preis und das Image der Droge: Als Sex-Droge, aber eben auch diese zu positiv besetzte Wirkung, dass man durch den Konsum leistungsfähiger wird. Vielen Menschen, die diese Droge probieren, fehlt es an dem Wissen, dass Methamphetamine eine viel gefährlichere Wirkung haben. Seit der Jahrtausendwende machen wir darauf aufmerksam, dass es keine adäquate Aufklärung gegeben hat – insbesondere in der MSM-Szene. Erst seit zwei Jahren tut sich da viel. Auch die Bundesdrogenbeauftragte nimmt das Thema Crystal sehr ernst. Aber die Volksdroge Nummer eins bleibt der Alkohol. Ich hoffe, der Drogenfund bei Herrn Beck wird nicht dazu benutzt, um von diesem Problem abzulenken. Ich warte ja immer noch auf den Tag, an dem das erste auf dem Oktoberfest angestochene Bierfass ein alkoholfreies ist.

Zur Person

Roland Härtel-Petri ist einer der führenden Suchtmediziner Deutschlands. Seine besondere Expertise liegt im Bereich Crystal Meth.

Roland Härtel-Petri war Leiter der Fachklinik Hochstadt sowie des Suchtbereichs am Bezirkskrankenhaus Bayreuth und leitete das Therapiezentrum für Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige in Hochstadt/Main. Dort hat er in den USA erprobte Therapieansätze eingeführt.

Heute betreibt er eine Praxis für Psychotherapie und Psychiatrie in Bayreuth.

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Von 21. Juli 2016 - 9:37 Uhr

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