Stuttgarts Image hat sich verbessert Ein bisschen mehr Lokalpatriotismus

Von Nina Ayerle 

Stuttgarts Image war lange nicht nur außerhalb der Stadtgrenzen schlecht. Stolz auf Stuttgart zu sein, war lange Zeit ja gewissermaßen wirklich verpönt. Das hat sich inzwischen längst geändert – vor allem bei vielen jungen Menschen.

Stuttgart - Die Liebe zur eigenen Stadt – fast jeder deutsche Großstädter kultiviert sie. Münchner, Kölner und Hamburger halten ihre Stadt gerne für das Paradies auf Erden; und als echter Berliner darf sich ohnehin nur der fühlen, der mindestens drei Generationen hinweg in der Stadt verwurzelt ist.

Die Liebe zum Lokalen, zur eigenen Stadt, boomt seit einigen Jahren unter jungen Menschen. Erfunden wurde dieser offen zur Schau getragene Lokalpa­triotismus aber vermutlich nicht in Stuttgart. Abseits von Schwäbischem Heimatbund und launigen Mundart-Stammtischen hat sich lange niemand getraut, stolz auf Stuttgart zu sein.

Die Schwaben gehen mit der Liebe zu ihrer Stadt nicht hausieren. Das liegt vielleicht daran, dass man außerhalb der Stadtgrenzen ein eher schlechtes Image hat. Ein Autor des Magazins „Der Spiegel“ bezeichnete Stuttgart einst als das „Herz der deutschen Gartenzwergigkeit und Ingenieurigkeit“. Notorische Autofanatiker, die Samstags in der Früh den Bordstein fegen und in der restlichen Zeit ihr Geld zählen – so stellt sich ja der Nichtschwabe die Hauptstadt Baden-Württembergs vor. Cool ist halt anders.

Mit ein paar „Taschenspielertricks“ die Stuttgarter begeistern

Inzwischen hat sich das aber geändert – vor allem bei vielen jungen Menschen. Was auch daran liegt, dass sich viele aus freien Stücken engagieren, um ihre Stadt schöner, jünger, lebendiger zu machen. Einer dieser Menschen ist Stoff Büttner aus dem Stuttgarter Westen. Er gehört nicht zu denen, die nur lamentieren, sondern einfach machen. Sein Einsatz hat Stuttgart viel Gutes gebracht: einen Pop-up-Schnapsladen, gemeinsam mit seiner Schwester das I love Sushi, sein Applaus Gin ist eine Ode an den Marienplatz und seit Kurzem auch noch das Stadtteilmagazin „Streunen & Schlendern“ für den Westen und den Süden.

Mit seiner Partnerin, der Grafikerin und Illustratorin Anna Ruza, betreibt er zudem an der Johannesstraße das Kiosko. Warum das alles so gut funktioniert? „In Stuttgart kann man mit ein paar ganz einfachen Taschenspielertricks die Leute zum Applaudieren bringen“, sagt Stoff Büttner.

Die Uhren tickten hier etwas langsamer. Vielleicht haben die Stuttgarter deshalb auch etwas länger gebraucht, bis sie entdeckt haben, dass ihre Stadt eigentlich ganz schön ist. „Also ich bin hier voll und ganz zufrieden“, sagt Büttner. „Stuttgart ist meine Heimat. Das ist da, wo ich sein will.“

Längst ist er nicht der Einzige, der seine Stuttgartliebe in Engagement umwandelt. Zuallererst fällt jedem dazu natürlich Hannes Steim und die Calwer Passage ein. Steim hat mit dem Fluxuseinen in Stuttgart einzigartigen Ort geschaffen, der mit dem Mix aus alternativen kleinen Läden und Kneipen der Stadt endlich einen lebendigen, kreativen und natürlich hippen Ort bietet. Oder Daniel Brunner, der erst das Label Pop Rocky gegründet hat und sich nun seit einem halben Jahr mit dem Kaufhaus Mitte am Schlossplatz große Ziele gesetzt hat. „Make Königstraße great again“ ist sein Slogan. Warum er das tut? „Stuttgart ist und bleibt meine Heimat.“ In seinem Concept-Store setzt er auf viele regionale Marken und Label abseits des Einheitsbreis gängiger Discountketten. „Diese Stadt hat mich geprägt. Und das im positiven Sinne. Deshalb ist es mir auch wichtig, Regionales zu unterstützen“, sagt er. „Hier entstehen so viele schöne Produkte. Die haben eine Plattform verdient.“ Und dann wird er sogar noch ein bisschen pathetisch: „Einmal Stuttgart – immer Stuttgart.“

Doch damit nicht genug: „In Stuttgart gibt es viele von diesen ‚Hidden Champions‘“, sagt auch Dominik Ochs aus dem Süden. Zusammen mit Lennart Arendt brachte er den Schwaben mit dem „Übermorgen-Magazin“ ein nachhaltigeres Leben näher. Ihm fallen spontan einige Initiativen ein, etwa die Macher des Wizemann-Areals oder die Surffans vom Team Neckarwelle, die viel Zeit und Mühe dafür aufgewendet haben, eine Surfwelle für den Neckar zu entwickeln.

Surfen und Flanieren – ehrenamtliche Initiativen verschönern und beleben die Stadt

Oder die Stadtlücken. Die Initiative – eine Gruppe aus Stadtplanern, Architekten und Kreativen – geht der Frage nach: „Wem gehört die Stadt?“ Bewusst suchen sie nach „Lücken“ in der Stadt, die es zu bespielen lohnt. Im letzten Jahr haben sie unter dem Motto „Wo ist eigentlich der Österreichische Platz?“ die Brache unter der Paulinenbrücke mit Kunst, Kultur und einem Souvenirkiosk belebt. Derzeit wartet die Initiative auf eine Entscheidung des Gemeinderats, ob die Stadt ihnen Platz einräumt für ihr Bürgerprojekt.

Auch Dominik Ochs selbst war die letzten Jahre nicht untätig. Das Magazin haben er und sein Partner zwar aus finanziellen Gründen eingestellt, inzwischen veranstaltet er aber mit Arendt den grünen Wochenmarkt, den Übermorgen-Markt auf dem Marienplatz und dieses Jahr erstmals einen nachhaltigen Weihnachtsmarkt im Dezember. „Das ist für mich ein Beitrag zu unserer Heimat“, sagt Ochs. All das Engagement – das sich im Übrigen finanziell für die beiden kaum gelohnt hat – mache er nur für Stuttgart. Davor habe er unter anderem in Köln und Hamburg gelebt. „Da war alles unpersönlicher. Da habe ich nirgends so reingefunden.“ Er selbst hat hier nach Aufenthalten in Mainz, Köln, der Schweiz, Hamburg und Italien endlich eine Heimat gefunden. „Ich bin das erste Mal in meinem Leben wo angekommen, das ist tatsächlich in Stuttgart.“ Es gebe so viele tolle Projekte in der Stadt. Trotzdem sage irgendwie niemand „Stuttgart ist megageil“, bedauert er.

Die Zeiten, in denen der Kabarettist Arnulf Rating mit dem Satz „Wer es in Stuttgart aushält, dem gefällt es überall“ recht hatte, sind jetzt wohl mal vorbei. Es gibt viele Gründe, auf Stuttgart stolz zu sein.

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