Stuttgarterin mit Down-Syndrom Eine junge Frau öffnet die Herzen

Von Petra Mostbacher-Dix 

Das macht sie gerne: Tamara Röske stellt sich in Pose. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Das macht sie gerne: Tamara Röske stellt sich in Pose. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Tamara Röske ist mit Down-Syndrom geboren – und steht mitten im Leben. Sie arbeitet und modelt nebenher besser als mancher Profi. Und auch vor TV-Rollen hat sie keine Scheu.

Stuttgart - Wer neben Tamara Röske steht, vergisst den Nieselregen. Sie lacht über das ganze Gesicht, als sie, die Arme für eine Umarmung weit ausgebreitet, bekennt: „Ich kann das Wetter gar nicht leiden.“ Aber ein Foto mit Regenschirm geht immer. „Modeln macht mir unglaublichen Spaß!“ Während andere bei Heidi Klum verkrampft posieren, flirtet Tamara mit der Kamera, als sei dies das Normalste der Welt. Dabei ist bei ihr manches anders, zumindest nach den Standards von Ottonormalverbraucher. Tamara Röske wurde vor 21 Jahren mit dem Down-Syndrom geboren. Bei dieser häufigsten Chromosomenanomalie kommt das Chromosom 21 dreimal statt zweimal vor. Rund 50 000 Menschen mit Trisomie 21 leben in Deutschland. Am 21. März ist Welt-Down-Syndrom-Tag.

Als Tamara geboren wurde, gab es in Stuttgart noch keine Selbsthilfegruppe. „Nur eine Gruppe in Ludwigsburg“, erinnert sich ihre Mutter Antje Röske. „Doch die hatten erwachsene Kinder, ich ein Baby.“ Mittlerweile habe sich das geändert mit dem Verein 46Plus Down-Syndrom Stuttgart. Dieser wurde 2003 gegründet, um sich auszutauschen und betroffene wie nichtbetroffene Familien aufzuklären. Es gehe darum, dass die Kinder aktiv und selbstbestimmt leben könnten, so Röske energisch.

Herrlich spotan und überraschend

Tamara weiß, was sie will. „Dann lässt sie nicht ab davon“, so ihre Mutter. „Schon als Kleinkind zeigte sich ihre fast unbändige Energie, sie war Opas kleine Hummel.“ Tamara nickt. Sie sei schon ziemlich ehrgeizig. „Mathe ist nicht mein Ding, ich will alles lernen, machen, was alle tun bei uns.“

Mit „bei uns“ meint sie ein Bademodenunternehmen vor den Toren Stuttgarts. In diesem arbeitet sie als Lageristin, nachdem sie eine Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf absolvierte, unter anderem Außenklassen in Regelschulen besuchte, und über eine Berufsvorbereitende Einrichtung (BVE) verschiedene Praktika auf dem ersten Arbeitsmarkt machte. „Ich will mal kommissionieren – und reisen und viele Sprachen lernen.“

Aber zu ihrem größten Traum inspirierte sie Heidi Klums Germany’s Next Top Model (GNTM): „Laufstegtraining und mehr modeln.“ Das tut sie nebenher seit sie elf Jahre alt war. Die ersten Aufnahmen, damals mit den VfB-Fußballspielern Silvio Meissner und Jesper Grønkjær, machte Conny Wenk, die eine Tochter mit Down-Syndrom hat und Tamara im Verein 46Plus kennenlernte. Wenks Models sind unter anderem Menschen mit Behinderungen. „Conny hat sofort Tamaras Talent erkannt, ihre Natürlichkeit vor der Kamera“, so Antje Röske.

Andere Models machten sich Gedanken, ob alles sitze. Dagegen sei Tamara herrlich spontan und überraschend. „Sie ist ein Geschenk.“ Für „The Girl With The Freckles“ reiste die Fotografin mit Mutter, Tochter und Bruder nach Paris – Tamara mit Papilloten im Haar versteckt unter der Baskenmütze. „Ich kann mit denen nicht schlafen“, sagt sie. Zu dem Buch der Reihe „A little extra“ über Menschen mit Down-Syndrom kamen weitere hinzu, der Bildband „Väterglück“ mit ihrem Papa, oder „Freundschaft“, dessen Cover sie mit ihrer Freundin Giuliana ziert. Im April erscheint „Außergewöhnlich: Geschwisterliebe“, bei dem ihr Bruder mitposierte.

Rolle in „Die Toten vom Bodensee“

Zu den Folgeaufträgen gehörten ein Shooting mit Mode von Hugo Boss und Victoria Beckham. „In Berlin, das war toll, die haben meine Augen krass geschminkt“, schwärmt sie – wie von ihrer Rolle in der Krimi-Reihe „Die Toten vom Bodensee“. Ihre Folge „Abgrundtief“ war bereits im ORF zu sehen, das ZDF sendet sie im Herbst. Bevor sie darin gemeuchelt wird, muss sie den Schauspieler Michael Kranz küssen. Als ihre Mutter im Flugzeug meinte, ob sie das könne, schaute sie sich um, zeigte lachend auf einen Passagier und erklärte, dass sie mit dem üben könne.

„Wenn ich mal unten bin, bringt sie uns mit ihren Ideen immer zum Lachen“, sagt Antje Röske. Beim Down-Sportlerfestival in Frankfurt lief sie bei einer Modeschau mit, die der Ex-GNTM-Juror Peyman Amin veranstaltete. „Der stand am Ende des Catwalks, sie ging einfach hin und küsste ihn auf die Backe, der Saal tobte“, schmunzelt Antje Röske. „Sie öffnet Herzen, spürt genau, wer gut tut, wer nicht, dann geht sie weg.“

Mutter und Tochter hoffen, dass auch die Herzen der Macher von „Fuck You Goethe 3“ offen sind: Sie luden Tamara zum Casting. So oder so wird es der jungen Frau nicht langweilig: „Montags spiele ich im Orchester, dienstags bin ich auf dem Trampolin in der Springbude, mittwochs schwimme ich, habe schon sieben Medaillen gewonnen, donnerstags habe ich Einzelunterricht Klarinette – dann reite ich“, zählt sie schwungvoll auf.

Dass sie sonntags frei habe, sei okay. Sie shoppe auch mal gerne, liebe Musik und TV-Serien wie Twilight. Auf ihrem Mobiltelefon zeigt sie ein Bild der Hauptdarsteller Robert Pattinson und Kristen Stewart. „Ihr Kind im Film heißt Renesmee Cullen – ich bin ein Vampir und heiße auch so.“ Tamara zwinkert frech. Ihre Mutter seufzt lächelnd: „Vieles ist wie bei anderen Kindern auch.“

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