Stuttgarter OB-Wahl Gewogen – und für zu leicht befunden

Von Klaus Eichmüller 

Oscar W. Gabriel, emeritierter Politologe der Universität Stuttgart. Foto: dpa
Oscar W. Gabriel, emeritierter Politologe der Universität Stuttgart.Foto: dpa

Für den Politologen Oscar W. Gabriel hatte Sebastian Turner gegen das politische Schwergewicht Fritz Kuhn keine Chance.

Stuttgart - Eigentlich konnte Sebastian Turner, der parteilose Kandidat der CDU, FDP und der Freien Wähler, den zweiten Wahlgang für das Oberbürgermeisteramt in Stuttgart nicht gewinnen. Die Prognose der Politikwissenschaftler nach dem ersten Wahlgang, dass der Sieger Fritz Kuhn von den Grünen heißen wird, hat sich bestätigt.

Das Zusammenspiel mehrerer Faktoren war für Professor Oscar W. Gabriel, emeritierter Politologe der Universität Stuttgart, wahlentscheidend und brachte erstmals einen Grünen auf den OB-Sessel im Rathaus einer deutschen Großstadt. Zum einen sieht Gabriel „die CDU in Baden-Württemberg seit 2009 in Turbulenzen“. Seit den damaligen Kommunalwahlen habe sich angedeutet, „dass Grün sich in den Großstädten zur politischen Alternative zur CDU entwickelt hat“. In einem Bundesland wie Baden-Württemberg mit einem starken Dienstleistungssektor und einem hohen Bildungsniveau sprächen viele Faktoren inzwischen für die Grünen.

Den zweiten wahlentscheidenden Grund sieht Gabriel in der Persönlichkeit der beiden Konkurrenten im zweiten Wahlgang. „Mit Turner einen unerfahrenen und unbekannten Kandidaten aufzustellen war für die CDU ein Risiko“, urteilt der Politologe. Die Grünen hätten dagegen mit Kuhn einen Mann ins Rennen geschickt, der auch für viele Wähler aus dem bürgerlichen Lager attraktiv gewesen sei.

Die gern zitierte Wirtschaftskompetenz von Turner reichte nicht aus

In der Einzelkritik bemängelt Gabriel bei Turner einen Mangel an Erfahrung sowohl in der Politik wie auch in der Verwaltung. Kuhn dagegen sei „ein politisches Schwergewicht“, das in allen Bereichen der Politik erfolgreich tätig gewesen sei. „Da hatte die CDU bei der Kür des Gegenkandidaten nicht das richtige Händchen.“

Die gern zitierte Wirtschaftskompetenz von Turner reichte nicht aus. „Denn das Wirtschaftsthema rangiert unter ‚ferner liefen‘“, so Gabriel. Viel wichtiger seien im Augenblick Themen wie ökologischer Umbau, Energiewende und die Verkehrspolitik.

Eine bundesweite Bedeutung will Gabriel der Wahl von Kuhn zum künftigen Oberbürgermeister in der Landeshauptstadt nicht beimessen. „Das ist ein Phänomen Baden-Württembergs“, sagt der Wissenschaftler, denn nur hier komme es zur politischen Auseinandersetzung zwischen CDU und den Grünen. Sozialstrukturell rechnet der Politologe der Uni Stuttgart die Öko-Partei längst zum bürgerlichen Lager.

Auch der These, dass die CDU in Großstädten nicht mehr gewinnen könne, will Gabriel nicht folgen. Er verweist vielmehr auf das spezielle politische Umfeld in der Stadt und eine für die CDU eher ungünstige Sozialstruktur mit wenig Selbstständigen, vielen Dienstleistern und einer starken kirchenfernen Bevölkerung. „Gerade in einem solchen Umfeld müsste die CDU mit einem überzeugenden Programm und überzeugenden Leuten antreten“, sagt Gabriel.

Von der Sozialstruktur her seien inzwischen nur lediglich jeweils zehn Prozent der Wähler fest an CDU und SPD und fünf Prozent fest an die Grünen gebunden. „Der Rest von 75 Prozent ist wahlentscheidend“, sagt Gabriel. „Nur wer mit den richtigen Themen und den richtigen Personen antritt, kann hier punkten.“

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