Stuttgarter Kickers „Die Vorwürfe sind an den Haaren herbeigezogen“

Jürgen Frey, 07.12.2012 12:00 Uhr

Stuttgart - Bei den Stuttgarter Kickers rumort es: Der vorzeitige Abgang – inklusive Rauswurf – des ehemaligen Marketingleiters Jens Zimmermann sorgt für reichlich Unruhe bei dem Fußball-Drittligisten.


Herr Lorz, das Präsidentenamt hat Ihnen vermutlich schon mal mehr Vergnügen bereitet.
Da haben Sie vollkommen recht. Es sind sehr unschöne Dinge, die uns unterstellt werden.

Ihr ehemalige Marketingleiter Jens Zimmermann fühlt sich von den Kickers gemobbt . . .
. . . und rächt sich nun in einer despektierlichen Weise, mit absolut haltlosen Vorwürfen. Für mich ist das einzig und allein verletzte Eitelkeit.

Sein Grundtenor lautet, die Kickers hätten mit dem Investor Ihre Seele verkauft.
Das ist ein geradezu skurriler Vorwurf.

Warum?
Zum einen geht es ab einem gewissen Niveau nicht mehr nur mit einer familiären Oberliga-Gemütlichkeit. Zum anderen sind die Vorwürfe auch wegen der zeitlichen Abfolge an den Haaren herbeigezogen. Der Vertrag mit dem Investor wurde im Januar 2010 abgeschlossen und vom damaligen Präsidenten Edgar Kurz und Ex-Schatzmeister Frieder Kummer unterzeichnet. Das Geschäftsmodell, das sich im übrigen bei vielen Clubs bewährt hat, wurde von Edgar Kurz und mir vorgestellt und sauber kommuniziert. Jens Zimmermann war damals Geschäftsführer. Wir haben nichts verheimlicht.

Außer dem Namen des Investors und den Rückzahlungsmodalitäten?
In dem Vertrag wurde beiderseitige Vertraulichkeit vereinbart, was absolut üblich ist. Auch sonst ist es schließlich nicht üblich, Vertragsdetails nach außen zu geben.

Es heißt, die Kickers müssten mehr als die marktüblichen Zinsen zahlen.
Hierzu müsste man erst einmal definieren, was in dem konkreten Fall marktüblich ist. Die vereinbarte Mindestrendite liegt jedenfalls unter dem Zins, den wir damals für unsere Bankdarlehen zahlen mussten, die dazu noch durch Bürgschaften der Kickers-Gremiumsmitglieder abgesichert sind. Und eines muss ich noch einmal klar sagen: Wir sind damals händeringend auf den Investor zugegangen, weil wir das Geld dringend benötigten, um unsere Ziele zu verwirklichen.

Und jetzt wird dem Investor Einflussnahme auf das operative Geschäft vorgeworfen.
Der Vertrag sieht ausdrücklich vor, dass die volle Entscheidungshoheit des Vereins unangetastet bleibt, gerade bei Entscheidungen sportlicher Natur. Und wir haben den Vertrag vom DFB prüfen lassen. Unabhängig davon, ist es das gute Recht von jedem, der Geld gibt, zu wissen, was mit diesem Geld geschieht. Hierzu war konkret ein Mittelverwendungsplan vereinbart worden. Nach kurzer Zeit war ein Großteil des Geldes jedenfalls sehr schnell ausgegeben – unter der Verantwortung unseres damaligen Geschäftsführers Jens Zimmermann.

Deshalb haben Sie Tobias Schlauch als Schatzmeister ins Präsidium geholt.
Er war Direktor bei der Deutschen Bank und ist ein absoluter Finanzexperte. Dass Tobias Schlauch ins Präsidium kommt, war eine klare Forderung von mir, sonst wäre ich nicht als Präsident angetreten.

Seit 1. Juli 2011 sitzt er für den Investor Quattrex Sports AG im Vorstand – Ihnen wird Vetternwirtschaft vorgeworfen.
Ein ungeheuerlicher Vorwurf und absoluter Unsinn. Tobias Schlauch hat durch seine Arbeit die Trendwende bei den Kickers eingeleitet. Er arbeitet 25 Stunden pro Woche ehrenamtlich für die Blauen und hat mehr für den Verein geleistet als viele andere Präsidiumsmitglieder vor ihm.

Und die Doppelfunktionen von Schlauch sowie dem neuen Kickers-Aufsichtsratsmitglied und Quattrex-Gesellschafter Christoph Dietrich verstoßen auch nicht gegen die Satzung?
Nein. Der Passus lautet ja, dass Organmitglieder von Unternehmen, die zu mehreren Vereinen der Lizenzligen in wirtschaftlich erheblichem Umfang in vertraglichen Beziehungen im Bereich der Vermarktung oder des Spielbetriebs stehen, nicht Mitglied der Gremien der Stuttgarter Kickers sein können. Dies ist aus unserer Sicht bereits deshalb nicht erfüllt, weil die Quattrex weder in den Bereichen Marketing noch Spielbetrieb tätig ist. Unabhängig hiervon haben wir natürlich mit dem DFB darüber gesprochen. Es liegt Stand heute kein Verstoß vor.

Aber die Quattrex Sports AG unterhält doch geschäftliche Beziehungen zu anderen Clubs.
Die Zusage der Quattrex zur Mitarbeit von Herrn Schlauch im Kickers-Präsidium gilt nur so lange, wie kein anderer Club in deren Portfolio in unserer Liga spielt. Ändert sich dies, muss es also entsprechende Veränderungen geben.

Können Sie sich vorstellen, dass die Mitglieder eine außerordentliche Mitgliederversammlung beantragen?
Ich denke, die Vereinsführung hat Vertrauen verdient und keine Schlammschlacht. Wenn es aber Mitglieder gibt, die meinen, es besser machen zu können, dürfen sie es sagen.
 
 
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DEZ
07
Benno Mehring , 18:07 Uhr

Aus Tiefschlaf erwacht

Schön, dass das StN-Sportressort - wenn auch gezwungenermaßen, weil die StZ das Thema Kickers / Quattrex Sports AG und die Scheidung Jens Zimmermann / Kickers aufgegriffen hat - aus seinem frewilligen Tiefschlaf erwacht ist. Doch statt monatelange Versäumnisse endlich aufzuarbeiten, werden dem Kickers-Präsidenten verbale Steilvorlagen geliefert. Kein Wort zum Engagement von Wolfgang Dietrich (besser bekannt als Projektsprecher S 21) und seiner Vermarktungsfirma bei Dynamo Dresden und dem West-Traditionsverein RW Oberhausen. Auch dort stieg Quattrex mit einem hoch verzinslichen Investment ein, wirbelte Gremien und sportliche Leitung durcheinander und blieb selbst im Hintergrund. Parallelen zu den Kickers? Durchaus, doch mit dem Unterschied, dass RWO in Liga zwo mit Bundesliga-Ambitionen spielte und inzwischen ins Niemandsland von Liga vier abgestürzt ist. Dazwischen lag ein mehrmonatiges Trainer-Gastspiel von Dietrich-Intimus Mario Basler, der den Abstieg nicht verhindern konnte und Mitte September nach vier Niederlagen in sieben Spielen das Handtuch warf. Bei den Blauen ist derweil seit Mitte 2011 ein Schatzmeister im Amt, der den Mitgliedern als Direktor der Deutschen Bank präsentiert wurde und von dem nun bekannt wird, dass er bei Quattrex in Lohn und Brot steht. Quo vadis, Kickers?

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