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Stuttgarter Hospitalplatz Die blauen Stühle sind zurück

Von Josef Schunder 

Martin Holch von der Stadtverwaltung 2015 bei der Einführung des „Wanderstuhls“ auf dem Hospitalplatz Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Martin Holch von der Stadtverwaltung 2015 bei der Einführung des „Wanderstuhls“ auf dem HospitalplatzFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Es müssen nicht immer Großprojekte sein. Auch kleine Objekte können Großes bewirken. Wie die Kompanie der blauen Stühle, die sich auf dem Hospitalplatz jeder nehmen kann, der will. Die Stühle und ihre Besetzer stehen nach später Premiere im letzten Herbst nun vorm ersten langen Sommer.

Stuttgart - Wer über den Hospitalplatz bummelt, atmet auf. Man kann rasten und ruhen, wo man will. Man nimmt sich einen Stuhl und rückt ihn hin, wo man ihn haben will. Entweder in die Sonne, oder in den Schatten. Mitten unter die Leute, oder in eine beschauliche Einzellage, wo es sich trefflich faulenzen oder sinnieren lässt. Keinerlei Zwang, sich auf einer unverrückbaren Bank am Rande eines mäßig attraktiven Hochbeets niederzulassen. Stattdessen kleine Freiheiten.

Das Konzept „Wanderstuhl“ hat vergangenen September im Hospitalviertel Einzug gehalten. Und prompt ist der blaue Stuhl auf dem neu gestalteten Hospitalplatz so etwas wie das Symbol einer Stadtgestaltung mit menschlichem Maß geworden. Eine Einladung nicht nur zum Sitzen, sondern zur Teilhabe an der Stadt und ihrer sozialen Funktion. Nur den Winter über haben sich die blauen Stühle fortgestohlen. Am Montag kommender Woche kehren sie aus dem Winterlager in den Kellerräumen des St.-Agnes-Gymnasiums zurück. Manche vielleicht auch aus Privathaushalten, denen die blauen Stühle so lieb und teuer waren, dass sie sie heim in ihr Reich holen wollten.

Etwa 80 Exemplare sind verschwunden

Ja, nach der Platzierung der ersten Tranche von Stühlen gab es zwar keinerlei Vandalismus, aber einen erklecklichen Schwund, bestätigt Martin Holch vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung. Etwa 60 Stühle waren plötzlich weg. Die Stadt legte nach. Und auch von dem Kontingent wurden etwa 20 Stühle wieder vermisst.

„Möglicherweise gibt es einen fundamentalistischen Fankreis, der sich Trophäen sichern wollte“, meint Holch. Vielleicht waren es Taten aus alter Verbundenheit mit diesem Vorhaben, in das viele involviert sind. Vorneweg die Studenten der Hochschule für Technik und ihr Architekturprofessor Wolfgang Grillitsch, die über eine passende Möblierung des Platzes gehirnt hatten. Bis hin zu den Anrainern des Platzes (Kneipen, soziale Organisationen und Einwohner), die sich wie Paten um die Blauen kümmern.

Der Stuhl steht für das Miteinander

In der Spätphase der ersten Aufstellperiode hat die Verwaltung auch gleich reagiert. Mit Schildchen und Aufklebern, die klar machten, wohin diese Stühle gehören. Aber natürlich klappte das nicht hundertprozentig. Einmal, sagt Holch, habe er eigenhändig einen Stuhl von der Einkaufsmeile Königstraße zum Hospitalplatz überführt.

Manche haben den Grundgedanken, dass die Sitzgelegenheiten mobil sein sollen, eben etwas überstrapaziert. Aber Anketten oder Festbinden verbietet sich von selbst. Denn die „geile Idee“, wie Holch das nennt, war ja gerade die, ein Mobiliar zu haben, das seinem Namen Ehre macht und wirklich mobil ist. So hatte man sich das in der Bürgerbeteiligung für die Umgestaltung des Hospitalplatzes gedacht, in der die Idee geboren wurde. Man wünschte sich ein „Alleinstellungsmerkmal“ für diesen Platz und die Büchsenstraße – und man hat es bekommen. Kaum irgendwo sonst steht ein blauer Stuhl vermutlich so sehr wie hier für soziales Miteinander und Begegnung im öffentlichen Raum. Damit die Sache nicht weiter missverstanden wird, sollen die Wanderstühle künftig aber „Hospitalplatzstühle“ genannt werden.

Man will neue Spender gewinnen

Der finanzielle Schaden durch den Schwund war aber noch halbwegs überschaubar. Denn das Gros der Stühle kommt aus Spenden der Bevölkerung. Der Fundus wird immer wieder erneuert. An diesem Montag beispielsweise kann jeder wieder einen Stuhl rausrücken, der dann in den Werkstätten des Rudolph-Sophien-Stifts geschliffen und von einer Handwerksfirma wetterfest lackiert wird. Natürlich blau.

Noch hat die Stadtverwaltung ein Auge drauf. Man wolle sich aber, sagt Holch, zurückziehen. Man hoffe, dass sich das Projekt aus eigener Kraft verstetigt. Man habe daher vor, sozusagen Dauerspender zu suchen und auch mehr Einzelspender anzusprechen. So könne man sich vorstellen, dass der Schwäbische Albverein, der im Viertel ansässig ist, für Wanderstühle aufkommt. Sozusagen von Wanderer zu Wanderer. Oder dass Männer ein Sitzmöbel spendieren, um darauf den Namen ihrer Angebeteten zu verewigen. Denn künftig sollen Spender und Anlässe am Stuhl auf Schildchen genannt werden, die man nicht abschrauben kann.

Stadtverwaltung will sich zurückziehen

Der Rückzug der Verwaltung könnte in drei Jahren zu Ende gehen, meint Holch, wenn auch noch die Ecke Leuschnerstraße/Fritz-Elsas-Straße mehr Platzcharakter hat und das Umfeld der Synagoge aufgewertet ist. Der blaue Stuhl wird dort keine Rolle spielen, er soll das stadtplanerische Markenzeichen des Hospitalplatzes bleiben. Und hoffentlich bald Preisträger sein. „Die Stadt wird sich damit um den Deutschen Städtebaupreis bewerben“, sagt Holch. Die Verwaltung sei stolz darauf, dass eine schwäbische Stadt dieses Experiment wagte.

Rückkehr der Stühle und Sammlung neuer Stuhlspenden ist am Montag von 12 bis 13 Uhr. Geeignet sind Stühle aus Holz, Metall oder Kunststoff, aber nur solche ohne Polster und Geflecht. Spender werden auf dem Platz mit Kaffee und Kuchen bewirtet.

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