Stuttgarter Filmwinter Vom Drang, Dasein zu verlängern

Von Bernd Haasis 

Trügerische Bilder:  Franz Reimer stellt  ein Foto nach, das  2011 im  Weißen Haus  gemacht wurde während der Ergreifung  Osama Bin Ladens Foto: Filmwinter
Trügerische Bilder: Franz Reimer stellt ein Foto nach, das 2011 im Weißen Haus gemacht wurde während der Ergreifung Osama Bin LadensFoto: Filmwinter

Zur Freiheit bildender Künstler gehört, Fragen ihrer Zeit aufzugreifen, deren Essenz freizulegen, den Blick für andere Perspektiven zu öffnen. Genau das tun die zehn Arbeiten, die das Film- und Medienkunstfestival Filmwinter bis Sonntag im Kunstbezirk zeigt.

Stuttgart - Eine Seifenblase schwebt in einem transparenten Kubus, viel länger als bei diesen flüchtigen Spiegeln der Vergänglichkeit üblich. Auf bis zu 20 Minuten verlängert Verena Friedrich (D) das Leben der schillernden Kugel, womit schon alles erklärt wäre: In ihrer Arbeit „The Long Now“ („Das lange Jetzt“) geht es um den Drang des Menschen, Dasein zu verlängern – vor allem sein eigenes.

Neben Totenschädel, Uhr und erloschener Kerze gilt die Seifenblase als Vanitas-Symbol schlechthin, als Sinnbild für die menschliche Eitelkeit im Sich-Stemmen gegen das Unvermeidliche. Friedrich bedient den sehr gegenwärtigen Glauben an technische ­Lösbarkeit: „Ich habe die Konsistenz der Seifenblase optimiert“, sagt sie. „Auf dem Boden des Kubus liegt Trockeneis, das CO2 abgibt, auf dem die Seifenblase schwebt.“

Es ist eine von zehn Arbeiten, die der Filmwinter bis Sonntag im Gustav-Siegle-Haus zeigt. Seit 20 Jahren bereichert Medienkunst das Festival, seit drei Jahren koordiniert Marcus Kohlbach die „Expanded Media“-Schau. Er versteht sich nicht als Kurator, sondern als „Programmkoordinator“, wie es dem Geist des Vereins Wand 5 entspricht, der den Filmwinter veranstaltet. „Die Vorjury wählt aus“, sagt er, „Leute aus ganz unterschiedlichen Kunstdisziplinen und Vereinsmitglieder, interessierte Enthusiasten. Die vielen Perspektiven zeichnen den Auswahlprozess seit jeher aus, das gibt dem Filmwinter seinen familiären Touch. Meine Aufgabe ist es, die Schau hier einzurichten.“

Wie wenig Bildern zu trauen ist, wie leicht Wahrnehmung zu manipulieren

Und die hat es 2016 in sich. Franz Reimer (D) stellt in „Justice Has Been Done!“ eine Szene im stark gesicherten „Situation Room“ des Weißen Hauses nach, die Hausfotograf Steve Souza 2011 festhielt. Zu sehen sind Präsident Barack Obama, die damalige Außenministerin Hillary Clinton und weitere Mitglieder des Sicherheitsstabs, die gespannt die Ergreifung Osama Bin Ladens verfolgen.

Bis hin zu Pappbechern imitiert Reimer das Dekor, in das er selbst, 13-fach filmisch geklont, nach und nach eintritt und die Posen aller Personen auf dem Foto nachahmt – zur Rede Obamas an die Nation, die mit dem Satz endet: „Der Gerechtigkeit ist Genüge getan!“ Wie wenig Bildern zu trauen ist, wie leicht Wahrnehmung zu manipulieren, zeigt sich hier in bestechender Klarheit.

Dazu passt ein Detail aus der Gemäldesammlung „The Captcha Project“ von Emilio Vavarella (China/USA): „Fakten“ steht auf einem, die Buchstaben verzerrt wie bei den „Captcha“-Begriffen, die Nutzer im Internet eingeben müssen als Nachweis, dass sie keine Maschinen sind. Gemalt wurden die Bilder („Woman“ pastellig mit Pink, „Methadone“ gewittrig vor Blau) von chinesischen Berufsplagiatoren, die sonst in einer Manufaktur am Fließband große Kunstwerke kopieren.

Vermeintlich wahrhaftige Bilder werden als trügerischer Schein entlarvt

Völlig verbogen wirkt die Realität in „The Mailman’s Bag“. Esther Polak und Ivar van Bekkum (USA) haben die Tasche eines US-Postboten akustisch begleitet, die Route via GPS aufgezeichnet und später technisch manipulierte Bilder von Google Earth ­hinzugefügt. So entlarven sie vermeintlich wahrhaftige Bilder als trügerischen Schein.

Eine Clusterbildung stellt Christian Faubel (D) her: Auf einem Tageslichtprojektor stehen auf sechseckigen Füßen kleine Roboter, die sich vibrierend bewegen und magnetisch verbinden, wenn sie einander nah genug kommen. „Unten sind Solarzellen, wenn die genug Energie gesammelt haben, wird ein Vibrationsmotor in Gang gesetzt, wie er in Handys verwendet wird“, sagt Faubel, dessen schattenspielartige Zufallskunst an einen chemischen Schöpfungsprozess erinnert.

Eine zutiefst darwinistische Zukunftsvision hat Martin Reiche (D) installiert. Pflanzengleich wachsen in „Drone Garden“ Kabel aus drei Laborgläsern, in denen Mikro-Controller um Bandbreite kämpfen, überwacht von einem Computerprogramm, das permanent rätselhafte Statusmeldungen auf einen Monitor spuckt. Maschinen kämpfen um Ressourcen, führen gegeneinander Krieg im Netz – ein schwindelerregendes Szenario.

 

Kristina Paustian subsummiert in einer einzigen Einstellung die Vielfachbelastung von Frauen der Gegenwart

 

„Ich bin frei“, behauptet Kristina Paustian (D) in „Performance With A Wash Bowl“ auf geteilter Leinwand: Sie steht wie eine Ballerina auf Zehenspitzen und balanciert dabei eine schwere Waschschüssel, deren Draufsicht die Betrachter statt des Kopfes sehen. „Ich bin verantwortlich“, sagt sie, zitternd vor Anstrengung, und subsummiert in einer einzigen Einstellung die Vielfachbelastung von Frauen der Gegenwart.

Ressourcen sind das Thema von Julia Weißenberg (D), die in der Videoarbeit „Imaginary City“ kunstvoll ein Mandala aus farbigem Sand erschafft – mit der Form einer der künstlichen Inseln vor Dubai als Hauptmotiv. Ein treffender Kommentar zum Betonbau-Wahn, der den dafür benötigten Rohstoff Sand zur Mangelware gemacht hat.

Auf Stefan Hagers Website erschließen sich die Besucher mit Mausklicks poetische Wortkunst

In „Art Is The Clickual Moment“ von Stefan Hager (D) erschließen sich Besucher seiner Website mit Mausklicks poetische Wortkunst, etwa über die Liebe. Einer Reihe von Anbetungen folgt der lapidare Satz: „Ich hoffe, dir geht’s gut“, worauf konsequenterweise nur eine Option bleibt: „quit“ – „verlassen“. Eine andere Arbeit bietet überhaupt nur zwei Möglichkeiten: Menschen können ihre Augen offen oder geschlossen halten – und so simpel das klingt, so exakt beschreibt Hager in dieser Momentaufnahme, was ­bewusstes Sein bedeutet.

„Ich beneide die Jury nicht in diesem Jahr“, sagt Kohlbach, „für mich sind alle zehn Gewinner.“ Der Stolz ist berechtigt: So stark war die „Expanded Media“-Schau des Filmwinters lange nicht.

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