Stuttgarter Filmwinter Leberflecken und andere Erinnerungsstücke

Von Oliver Stenzel 

„Buffalo Death Mask“. Foto: Festival
„Buffalo Death Mask“. Foto: Festival

Der 27. Stuttgarter Filmwinter ist eröffnet worden mit Ton- und Bildcollagen, Dokumentationen und poetischen Reflexionen.

Der 27. Stuttgarter Filmwinter ist eröffnet worden mit Ton- und Bildcollagen, Dokumentationen und poetischen Reflexionen.

„What happened to Underground?“ – „Was ist aus dem Underground geworden?“, fragt der Verein Wand 5 bei der 27. Auflage seines Medienkunst-Festivals. Eine Antwort liegt im Netz: Experimentelle Kurzfilme konnte man früher nur auf Festivals sehen, heute präsentieren Filmemacher ihre Werke im Internet und erreichen dort eine viel größere Öffentlichkeit. Es ist also gewissermaßen eine existenzielle Frage, die der Filmwinter sich selbst stellt, der eines nach wie vor zu bieten hat: eine sorgsam kuratierte Auswahl, die es so sonst nirgends gibt.

Dass das Netz nicht nur als Medium, sondern auch als Quelle immer wichtiger wird, zeigt schon die erste Rolle des Kurzfilmwettbewerbs, der am Donnerstag im früheren Staatstheater-Domizil in der Türlenstraße eröffnet wurde. Während viele Künstler im Internet Filmausschnitte für Collagen suchen, interessiert sich Bjørn Melhus nur für Tonschnipsel. Der Berliner Videokünstler dreht selbst und spielt alle Rollen. In „Sudden Destruction“ nutzt er O-Töne christlich-evangelikaler US-Propheten. Deren pathetisch-apokalyptische Visionen werden ad absurdum geführt, wenn Melhus sie einer im Bett liegenden, von Krämpfen geschüttelten Frau und dem neben ihr wachenden Mann in den Mund legt – der Horrorklassiker „Der Exorzist“ lässt grüßen.

In Struktur und Betextung einen leichten Bezug zur biblischen Genesis enthält der Beitrag „Six Day Run“ von Mika Taanila. Er dokumentiert das New Yorker Extrem-Rennen „Self-Transcendence Six Day Run“. In meditativen, gegen Ende psychedelisch verfremdeten Bildern zeigt er die Teilnehmer, die auf einem Rundkurs in sechs Tagen so viele Meilen wie möglich zurücklegen. Der Finne bewegt sich schon länger zwischen den Polen Dokumentar- und Experimentalfilm, mit seinem starken Beitrag beweist er, wie schlüssig sich beides verbinden lässt.

Eine heitere Dokumentation des menschlichen Körpers in Makroperspektive bietet der Brite Paul Bush in „Lay Bare“: Er hat Körperteile Hunderter Frauen und Männer zusammengeschnitten, Bauchnabel, Nasen, Ohren, ­Augen und Münder tanzen in schnellem Rhythmus, Leberflecken huschen von einem Bildende zum anderen. Eine Collage der eher dadaistischen Sorte ist Ulu Brauns „Forst“, 2013 mit dem Deutschen Kurzfilmpreis geehrt: In Waldlandschaften montiert er teils grotesk unpassend wirkende Szenen und Figuren hinein, Sportler, Superhelden oder einen Plenarsaal.

Einen poetischen Beitrag liefert der Kanadier Mike Hoolboom mit „Buffalo Death Mask“. Er beginnt mit unscharfen Nahaufnahmen eines menschlichen Gesichts, das wie eine Maske wirkt, untertitelt mit Texten, die von verlorener Liebe erzählen. Später wechseln Großstadtszenen mit verfremdeten Traumbildern, ehe sich eine Unterhaltung zwischen dem Regisseur und dem kanadischen Künstler Stephen Andrews entspinnt. Beide sind seit Mitte der 1980er HIV-positiv und erinnern sich, was die Diagnose für sie bedeutete und wie der Verlust geliebter Menschen das Leben verändert.

Auf minimalistische Weise erinnert der Brite John Smith in „Dad’s Stick“ an seinen Vater anhand von dessen Malutensilien, während die Bosnierin Selma Doborac in „Es war ein Tag wie jeder andere im Frühling oder Sommer“ eher die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen thematisiert. Zu Bildern einer Autofahrt werden die Erlebnisse von vier Personen während des Bosnienkriegs 1992 als Text eingeblendet, wobei die Schilderungen widersprüchlich sind und die Bilder zum Geschehen nicht in Verbindung zu bringen sind. Poetisch wird es wieder bei „In Transit“ des aus Kanada stammenden Berliners Wayne Yung, der über Freundschaft, Verlust und Älterwerden reflektiert.

Mit diesem Akzent auf Erinnerungsthemen könnte man nun über den Filmwinter an sich sinnieren, dessen Macher ihr Motto ja auch als rückblickende Frage an sich selbst verstanden wissen wollen. Eines lässt sich jetzt schon sagen: Das Festival hat auch in seiner 27. Auflage den Blick für abseits des Mainstreams liegende Perlen nicht verloren.

 

Infos zum 27. Filmwinter

Internationaler Kurzfilmwettbewerb: Freitag: 16, 20 und 22 Uhr; Samstag 14, 20 und 22 Uhr. Preisträgerrolle: Sonntag, 21 Uhr.

Ausstellung Medien im Raum: geöffnet am Donnerstag von 20 bis 22 Uhr, Freitag und Samstag von 17 bis 21.30 Uhr, Sonntag von 14 bis 18 Uhr

Festivalort: Kulturniederlassung Südwest, Türlenstraße 2

www.filmwinter.de

 

 

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