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Stuttgarter Feinstaubalarm Neue Transparenz bei den Messwerten

Von B. Czimmer, K. Schwarz, 

Demonstranten ziehen am Montag vom Neckartor zum Schlossplatz und fordern härtere Maßnahmen für bessere Luft. Die Polizei schätzt die Zahl auf etwa 100 Teilnehmer. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Demonstranten ziehen am Montag vom Neckartor zum Schlossplatz und fordern härtere Maßnahmen für bessere Luft. Die Polizei schätzt die Zahl auf etwa 100 Teilnehmer.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Ob der erste Tag mit Feinstaubalarm in Stuttgart erfolgreich war, ist unklar. „Seriös kann das heute niemand sagen“, hieß es bei der Stadt. Immerhin gibt es jetzt eine andere Erkenntnis: tägliche Feinstaubmesswerte, obwohl die zunächst nicht vorgesehen waren.

Stuttgart - Der Feinstaub-Alarm mit dem Aufruf, das Auto freiwillig stehen zu lassen, geht in die Verlängerung. Eine ungünstige Wetterprognose mit wenig Luftaustausch führt dazu, dass der Feinstaubalarm bis Donnerstag, 24 Uhr, verlängert wird.

OB Fritz Kuhn (Grüne) appellierte am Montag: „Jeder ist mit seinem Auto Teil des Feinstaub- und Stickoxid-Problems. Jeder will gute Luft atmen, auch in Stuttgart. Wir werben dafür, den Alarm ernst zu nehmen“, Autofahrer sollten umsteigen, so der OB.

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Ob der Appell am ersten Tag fruchtete? „Seriös kann heute niemand sagen, ob nun mehr oder weniger Autos unterwegs waren, wir beobachten, aber machen keine punktgenauen Zählungen“, erklärte Ralf Thomas, der Leiter der Integrierten Verkehrsleitzentrale. Entscheidend sei, Spitzenwerte zu verhindern, die Belastung insgesamt zu senken, sagt Stadtklimatologe Ulrich Reuter.

Wie wird gemessen?

Bisher und weiterhin wird Feinstaub am Brennpunkt Neckartor gravimetrisch gemessen. Der Staub in einem täglich gewechselten Filterpapier wird gewogen. Allerdings geschieht das im 14-Tage-Rhythmus. „Dieses EU-Referenzverfahren ist genau, es dauert aber, den heutigen Wert bekommen sie in etwa vier Wochen“, sagt Wilfried Weiß, der Leiter des Referats Luftqualität bei der Landesanstalt für Umwelt in Karlsruhe (www.lubw.de). Seit wenigen Tagen stellen die Experten mit jeweils eintägiger Verzögerung Ergebnisse einer Streulicht-Messung auf ihre Webseite. Die Methode habe „eine gewisse Fehlertoleranz, aber damit kann man die Bevölkerung aktuell informieren“, sagt Weiß. Bis 6. Januar gab es einen Tag mit Grenzwert-Überschreitung, zulässig sind pro Jahr 35, in 2015 gab es 72. Die zusätzliche Messeinrichtung hat rund 15 000 Euro gekostet. Noch vor einer Woche hatte Minister Hermann gesagt, dass man die Werte nicht veröffentliche. Nun sollen bald sogar Stundenwerte angezeigt werden. Ein deutlicher Sinneswandel im Ministerium.

Sind die Leute umgestiegen?

Mehr Menschen als sonst sind mit Bus und Bahn gefahren. Ob das jedoch am Feinstaub-Alarm lag, vermag Horst Stammler, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS), nicht zu sagen. Schneit es und sind die Straßen glatt, „lassen immer mehr Menschen als sonst das Auto stehen“. Ihm geht es wie so vielen Beteiligten, Zahlen gibt es noch keine, er muss sich auf Eindrücke verlassen. Gerne hätte er noch mehr Kunden gehabt, Stammler hat vorgeschlagen, an Tagen mit dicker Luft die Fahrpreise zu halbieren. Doch da wollten die Träger des VVS – Stadt, Land, Landkreise, Region und Stadt – nicht mitziehen: Sie fürchteten, das koste zu viel. In Italien war man nicht so geizig. In Mailand etwa verhängte man wegen Smogs ein Fahrverbot. Ein Tagesticket für Bus und Bahn kostete nur 1,50 Euro. Einen Rabatt gibt es aufs Jahresabo. Wer jetzt eines kauft, zahlt nur neun statt zwölf Monate. „Das ist nachhaltig“, sagt Stammler, „so helfen wir dem Stadtklima langfristig.“ Dass man damit treue Kunden verärgert, die mehr zahlen, glaubt er nicht. „Wir haben öfter solche Aktionen zur Kundengewinnung.“ In die Bresche in Sachen Nachlass springt die Privatwirtschaft. Die Daimler-Tochter Moovel verkauft über ihre App für Mobiltelefone günstigere VVS-Fahrscheine. Kunden, die ihr Ticket über die Anwendung lösen, können bis zum Ende des Feinstaubalarms für die Hälfte fahren. Den Rest übernimmt Daimler. Die Zahl der gebuchten Fahrscheine sei am Montag „um ein Vielfaches höher gewesen als sonst“, sagt ein Sprecher ohne Zahlen zu nennen. Auch mit seinem Carsharing-Unternehmen Car2go will Daimler punkten. Kunden zahlen auch hier während des Feinstaubalarms nur den halben Preis, wenn sie einen der 500 Elektro-Smarts im Stadtgebiet nutzen. Dabei habe es ebenfalls Steigerungen gegeben, so der Sprecher. Bei der Stuttgarter Taxi-Zentrale hat man dagegen keine Auswirkungen gespürt: Dort war die Buchungslage ähnlich wie an vergleichbaren Tagen.

Wie nah darf man ran?

Am 1. März 2008 wurde erstmals eine Umweltzone für Stuttgart eingerichtet, um die Stadt vor Abgasschadstoffen zu schützen. Zufahrt ins Stadtgebiet haben nur noch Autos mit grüner Umweltplakette. Auf den Anzeigetafeln zum Feinstaubalarm ist diese Umweltzone erwähnt, allerdings beharrt die Stadt momentan noch nicht darauf, dass Pendler ihr Auto an den Stadtgebietsgrenzen stehen lassen. „Unser Anliegen ist es, die Hauptverkehrsachsen wie beispielsweise B 14, Pragsattel oder Neue Weinsteige zu entlasten“, sagt Jana Braun von der Pressestelle. So lange es keine Fahrverbote gibt, sondern wie seit Sonntag eben Appelle, würde man akzeptieren, „dass die Leute erst vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen, wenn sie die Stadtgebietsgrenzen bereits passiert haben“. Falls 2018 Fahrverbote ausgesprochen werden, muss das Gebiet, das davon betroffen ist, erst noch definiert werden. Zurzeit steht den Fahrgästen zusätzlich zum normalen Angebot des Verkehrs- und Tarifverbunds die Linie U 11 zur Verfügung, die im 15- bis 20-Minuten-Takt fährt.

Was sagt das Gericht?

Zwei Klagen zum Luftreinhalteplan sind beim Verwaltungsgericht anhängig. Sie sollen – nicht öffentlich – am 16. Februar um 14 Uhr besprochen werden. „Ich habe um Öffentlichkeit gebeten, aber die Hoffnung des Gerichts ist, dass die Gegenseite eher einlenkt, wenn keine Zuhörer dabei sind“, sagt Klägeranwalt Roland Kugler. Beklagt ist das Regierungspräsidium, das weiter wirksame Maßnahmen zur Luftreinhaltung verfügen soll. „Es geht um den Plural“, so Kugler, und darum, dass nach zehn Jahren was geschieht. So lange haben die Kläger ein Anrecht, dass die von der EU verfügten Grenzwerte eingehalten werden. Ob neuere Urteile und die Drohung der EU, das Land auf die Einhaltung zu verklagen, die Rechtsprechung in Stuttgart beflügelt? „Meine Mandanten verfolgen das Ziel, die Sache jetzt endgültig zu regeln“, sagt Kugler. Das ginge wohl nur mit Fahrverboten.

Die Bürgerinitiative Neckartor, die die Kläger unterstützt, hatte kurzfristig zu einer Demonstration für Montag, 17 Uhr, aufgerufen. Der Demozug ging von der Messstelle auf der B 14 bis zum Gebhard-Müller- und Schlossplatz. „Wir wollen ein generelles Fahrverbot mit Ausnahmen für bestimmte Berufsgruppen", sagt Peter Erben für die Initiative. Die Demo bremste immerhin den abendlichen Berufsverkehr aus.

Inversion – was ist das?

Es gibt mehrere meteorologische Voraussetzungen, die die Feinstaubsituation in Stuttgart verschärfen. Eine davon ist die Inversionswetterlage. Sie ist dann gegeben, wenn sich die Luft in Bodennähe, die sich bei Tag erwärmt, nicht austauscht. „Man geht dann von Inversion aus, wenn der Luftaustausch nicht höher als 500 Meter geht“, sagt Klaus Riedl, der für Stuttgart zuständige Meteorologe vom Deutschen Wetterdienst. Typisch ist dafür auch, dass die bodennahe Luft über Nacht abkühlt und unten verharrt, während die Luft in 500 Meter Höhe mindestens 5 Grad wärmer ist. Hinzu kommen weitere Faktoren. Erstens: Fehlender Regen, der den Feinstaub binden und auf die Erde abführen könnte. Zweitens: Wind, der aus östlicher Richtung kommt und zusätzlich Feinstaub aus dem Neckartal und dem Remstal importiert, wo Industrie angesiedelt ist. Bis einschließlich Donnerstag soll das so bleiben, erst am Wochenende kündigt sich von Westen her mildere Witterung, Wind aus süd-westlicher Richtung und eventuell Regen an. Schnee hat leider nicht denselben Effekt wie Regen: Feinstaub weicht den Flocken aus; er teilt sich wie ein Theatervorhang, statt anzudocken.

 

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