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Stuttgarter Entdeckungen Haus mit Türmchen an der Weinsteige

Von Dirk Herrmann 

Das Haus mit dem Türmchen oberhalb der B 27 ist ein beliebtes Fotomotiv, doch den Bewohnern macht der Straßenlärm schwer zu schaffen Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Das Haus mit dem Türmchen oberhalb der B 27 ist ein beliebtes Fotomotiv, doch den Bewohnern macht der Straßenlärm schwer zu schaffenFoto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Auf Spurensuche: In unserer Serie „Stuttgarter Entdeckungen“ wollen wir mit Hilfe unserer Leser Geschichten aufspüren, die in den vielen Winkeln dieser Stadt verborgen sind. Diesmal: das Türmchen an der Neuen Weinsteige.

Stuttgart - Diese Perspektive ist unvergleichlich und ebenso unvermeidlich: Egal, ob man in der Stadtbahn vom Charlottenplatz gegen Degerloch hochrauscht und an dem kurzen Freiraum zwischen den Tunneln den Blick ins Tal wagt oder als Autofahrer die zweispurige B 27 von Degerloch hinunter in den Kessel kurvt und die Pupillen schnell nach rechts oben bewegt: Das Türmchen ist unübersehbar. Auch auf unserer Flair-Seite in der vergangenen Woche, als es im Rahmen des Stuttgart-Albums um Udo Beckers ­Postkartensammlung zur Weinsteige ging: Auf allen Abbildungen war in der rechten Hälfte auf dem Foto der Fachwerkturm erkennbar.

Haus mit Türmchen? Nun, die meisten nennen es so. Die richtige Bezeichnung aber ist Villa Endriß, und diese steht seit 118 Jahren an der Neuen Weinsteige. Wer bei diesem Thema so genau Auskunft geben kann, muss es auch wissen: Es ist Dr. Rolf Döring, dessen Eltern 1959 das Anwesen vom Sohn des Erbauers in einem sehr schlechten Zustand gekauft hatten. 2009 wurde demnach „50 Jahre Restaurierung“ gefeiert, „und es hat bis heute kein Ende“, deutet Döring an, wie viel Energie und auch Geld seine Familie in den vergangenen mehr als fünfeinhalb Jahrzehnten hineingesteckt hat. „Unser Ziel ist es, die Sünden der Nachkriegszeit zu beseitigen, behutsam Altes wieder freizulegen, zu rekonstruieren und zu erhalten.“

1898 wurde das Landhaus fertiggestellt

Die Anfänge des Hauses liegen jedoch deutlich weiter zurück. 1898 wurde das „Landhaus an der Landstraße nach Tübingen“, wie es im Baugesuch hieß, fertiggestellt. Die Straße hieß seinerzeit noch Wilhelmstraße und begann am gleichnamigen Platz in Stuttgart. „Die landhausartige Villa wurde für den Geologen Dr. phil. Karl Emil Endriß (geboren am 30. 9. 1867 in Göppingen, gestorben am 26. 9. 1927 in Stuttgart) vom Architekten E. Glocker erbaut“, erläutert Christine Breig im Buch „Der Villen- und Landhausbau in Stuttgart 1830–1930“, erschienen im Hohenheim-Verlag. Das Haus ist, so Dörings Recherchen, „das einzig erfasste Bauwerk des Architekten E. Glocker, von dem nichts weiter bekannt ist.“

Degerloch war seinerzeit noch ein selbstständiger Luftkurort, es gab weder Straßenbahn noch Kanalisation, sondern einen offenen Abwassergraben entlang der Mauer und neben den Häusern eine Grube, die bis in die 1930er Jahre geleert wurde. In den 1920ern wurde die Konzession für eine „Überlandbahn“ von den Fildern bis zum Bopser erteilt, die dann eingleisig auf dem jetzt dafür überdeckten Graben an der Mauer entlangfuhr, berichtet Döring. In den 1930ern wurde die Neue Weinsteige mit Hangbrücken verbreitert, die Filderbahn ging in der Straßenbahn auf, der Verkehr nahm gewaltig zu – und forderte auch immer mehr Opfer.

Das Haus dürfte zu den meistfotografierten Privathäusern in Stuttgart gehören. Einer der ersten Hobbyfotografen im Land war König Wilhelm II. Er regierte von 1891 bis 1918, und er hat auch das Türmle auf Platte gebannt. Ihm folgten Tausende Knipser bis hin zu japanischen Reisegruppen – bei denen komme dann vermutlich „so a bissle Neuschwanstein-Feeling“ auf, vermutet Döring. „Wir hätten fürs Fotografieren ein Kässle aufstellen sollen“, scherzt Dörings Frau Gabriele, dann wäre sicher ordentlich Kleingeld zusammengekommen.

In TV-Krimis ist das Türmchen oft zu sehen

Auch in diversen TV-Krimis ist das Gebäude häufig als Hintergrundkulisse zu sehen, wenn die Regisseure ihre Kommissare zum nächsten Verhör schicken – damit der Zuschauer weiß, die Soko ermittelt wirklich in Stuttgart. „Das Haus ziert Berge von Ansichtskarten, immer wieder Kalender, Ölgemälde und Aquarelle, Weinreklameplakate sowie Flaschenetiketten des Weinguts der Stadt Stuttgart.“ In allen möglichen Büchern ist das Türmchen verewigt, allein die Bücher zum Thema Straßenbahn in Stuttgart zeigen es dutzendfach. Und beim Besuch des Straßenbahnmuseums am Veielbrunnenweg in Bad Cannstatt steht der Besucher im Foyer ebenfalls vor dem Haus – zumindest hängt es dort an der Wand in Form einer Abbildung im Maßstab eins zu zwei.

In seinen fast 118 Jahren hat das Haus viele Bewohner gesehen. „Oft hat es sich zufällig gesprächsweise herausgestellt, und wieder andere haben es behauptet, ohne dass es tatsächlich so war“, berichtet Zahnarzt Döring, der zudem als Vorsitzender des 1992 gegründeten Kinder- und Jugendchors Belcanto Stuttgart (Belcanto bedeutet „schöner Gesang“) bekannt ist. Im Nachkriegs-Stuttgart mit Wohnungsknappheit hat das Haus an die 40 Personen gleichzeitig beherbergt – „zuzüglich Hasen, Hunden oder Katzen“. Im Innern des denkmalgeschützten Hauses gibt es noch Stuckdecken und Deckengemälde; im Erdgeschoss befindet sich der kleine Saal, die südliche Seite dieses kleinen Salons wird eben durch den runden, schlanken Eckturm betont.

Der Verkehr auf der B 27 raubt den Bewohnern den Nerv

Eines, erläutert Döring, sei allerdings sicher: Geld verdienen könne man mit dem Besitz des Hauses nicht. „Ganz im Gegenteil: Ökonomisch gesehen ist es ein Unfug, so ein Objekt zu halten.“ Die Entwicklung des Verkehrs auf der B 27 habe das Überleben dort schier unmöglich werden lassen. Obwohl ursprünglich die Top-Lage schlechthin, sei es schon länger nur schwer zu vermieten, und dies auch nur für kurze Zeit. „Es gehört schon eine große Portion Enthusiasmus dazu, hier weiter zu bleiben und das Baudenkmal mit Leben zu erfüllen, von unserer Familie inzwischen in der vierten Generation.“

 

Hintergrund

 

Carl Endriß war Bauherr des Hauses mit dem Turm an der Neuen Weinsteige 75. Er war eine bekannte Stuttgarter Persönlichkeit. Seine Bücher sind antiquarisch gelegentlich erhältlich. „Dass er Geologe war, ist eine maßlose Untertreibung“, erläutert Rolf Döring, der heutige Besitzer. Man müsste ihn eher Universalgenie nennen. Neben seiner Geologie-Professur an der Technischen Hochschule Stuttgart war Endriß Anthropologe, der Expeditionen in unerforschte afrikanische Gebiete unternahm und von dort etwa Gebeine mitbrachte und in seinem Haus deponierte.

Der Blautopf in Blaubeuren war zumindest indirekt ein Forschungsgegenstand von Endriß. Wies er doch 1907/08 durch Färbversuche nach, wo die bei Fridingen versickerte Donau wieder auftritt – eben im Blautopf, so Döring, was später mit Radium-Isotopen bestätigt wurde.

Neue Baustoffe, so eine Art Vorstufe der Rigipsplatte, hat Endriß ebenfalls entwickelt. Er arbeitete an einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Industrie, engagierte sich im Vorstand des Schiller-Freilichttheaters im Bopserwald – die Schillereiche befindet sich übrigens einige Hundert Meter oberhalb des Hauses und ist von der Weinsteige über Stäffele erreichbar. Der Geologe befasste sich mit Fossilien der Schwäbischen Alb, hat neben einigen Veröffentlichungen dazu auch selbst neue Höhlen dort entdeckt.

Freimaurer war Endriß außerdem, erläutert sein Nachfolger als Haubesitzer: „Das schmiedeeiserne Zeichen in der Haustüre wird bis heute immer wieder irrtümlich für einen Davidstern gehalten.“

Zur Serie in den Stuttgarter Nachrichten ist im Silberburg-Verlag Tübingen und Karlsruhe das Buch „Stuttgarter Entdeckungen“ erschienen. 14,90 Euro.

 

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