Stuttgarter Ballettabend „Meisterwerke“ Hascht uns, wir sind der Frühling

Von Julia Lutzeyer 

100 Jahre ist es her, dass Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ in der Tanzfassung von Vaclav Nijinsky zum Skandal wurde. Beim Ballettabend „Meisterwerke“ ist in Stuttgart nun wieder Glen Tetleys archaische Version zu sehen. Ganz andere Frühlingsgefühle bieten Balanchine und Robbins an.

Vom Leichten zum Schweren: So kann man den neuen, gewichtig mit „Meisterwerke“ übertitelten Ballettabend im Stuttgarter Opernhaus zumindest programmatisch auffassen. Schließlich beginnt der von allerlei Frühlingsgefühlen durchdrungene Abend mit George Balanchines abstrakt-neoklassischem Werk „Die vier Temperamente“. Das in New York 1946 uraufgeführte Stück ist das älteste des Abends.

Der pure Tanz vor blauem Hintergrund mag zwar vage Stimmungen verkörpern, doch die Lehre von den vier prägenden ­Körpersäften des Menschen führt weder in exstatische Höhen noch in gefährliche ­Abgründe. Augenzwinkernd und choreografisch höchst erfindungsreich lässt der in Amerika zum Star gewordene Russe drei Paare und eine Solistin die Melancholie, die Lebenslust, das Phlegma und die Wut mehr andeuten als mit Haut und Haar verkörpern. Im Zentrum steht die Bewegung auf die Musik, die Balanchine Anfang der 1940er Jahre für Streicher und Klavier bei Paul Hindemith in Auftrag gegeben ­hatte.

Wie schwer das Leichte ist, zeigt sich nicht nur in diesem Zusammenspiel, wo selbst ­minimale Abweichungen vom Takt die synästhetische Wahrnehmung empfindlich stören. Auch die Auftritte der oft nicht ­synchronen Vierer- und Dreiergruppen machen deutlich, dass das Ideal unerreicht bleibt – zumindest bei der Premiere am vergangenen Samstag.

Stellenweise entfaltet es sich dennoch: ­Etwa im Pas de deux von ­Myriam Simon und Evan McKie – einem Musterbeispiel an Musikalität, Ausdruck und präzisem Zusammenspiel. Unter den nachgeordneten Tänzern sticht Elizabeth Wisenberg ins Auge. Ihr ­gelingt es, die kristallklare Linienführung mit heiterer Lebendigkeit zu verbinden. Als cholerische Solistin tritt ­Rachele Buriassi nicht nur ausgesprochen herrisch auf, sie ist auch Herr über ihre Schritte. In jeder Partie eine Augenweide: Maria Eichwald, die mit ihrer tadellosen Technik punktet und auch noch keck mit dem Publikum flirtet – wie mühelos.

Männer tragen weite Blusen

Das wiederholte Vorschieben der Hüfte, ein Flexen des Fußes, die von der griechischen Vasenmalerei inspirierte, mal nach oben, mal nach unten offene Armhaltung mit abgeknickten Ellen – all das muss im Fluss der Choreografie punktgenau sitzen. Selbst die kleinste Bewegung erlaubt keine verwischte, individualisierte Ausführung. Wohl nirgendwo sonst ist das Können der Tänzer so ungeschützt ablesbar wie bei Balanchine.

Mehr Spielraum lässt Jerome Robbins den Tänzern bei seinem 1969 in New York uraufgeführten „Dances at a Gathering“. Auf ­diese „Tänze bei einer Zusammenkunft“ mussten die Stuttgarter und ihr Publikum 33 Jahre warten. Nach der Erstaufführung am Eckensee 2002 ist der heitere Reigen für zehn Tänzer und zu Klavierstücken von Chopin – lebendig, perlend und sorgsam von Glenn Prince am Flügel interpretiert – nach langer Zeit nun wieder zu sehen.

Robbins’ Beschwörung des menschlichen Miteinanders in Zeiten des Vietnamkriegs und politisch motivierter Attentate beginnt mit einer Umkehrung. Marijn Rademaker als Person in Braun betritt die Bühne in der rechten vorderen Ecke um die Diagonale mit dem Rücken zum Publikum zu durchschreiten. Die Figur ist dem von ein paar Schönwetterwölkchen durchzogenen Himmelblau der Rückwand zugewandt. Wer träumen will, braucht die Natur als Gegenüber und das Gefühl, von Luft und Liebe zu leben. Nicht umsonst tragen die Männer weite Blusen. Selbst die figurnahen Oberteile der Kleider sind mit Chiffon überzogen. Jede ­Bewegung erzeugt ein Flattern, als ereigneten sich die Begegnungen im Freien. Immer scheinen sie von Herzklopfen begleitet.

Kraft, Entladung, Schicksal

Hasch mich, ich bin der Frühling, Bäumchen wechsle dich, Ringelreihen, ein Kräftemessen zwischen den beiden bestens auf­gelegten Ersten Solisten Rademaker und ­Jason Reilly, dazu folkloristische Einsprengsel: In einem Kommen und Gehen begegnen sich Mann und Frau, Paare und Gruppen. Isoliert tritt nur die Frau in Grün auf, eindrücklich von Sue Jin Kang dargeboten. Aus jeder Körperzelle spricht die Hoffnung nach etwas Glück, auch wenn am Ende nur ein Schulterzucken bleibt. Dass das Leben auch Trauriges bereithält, deutet Alicia Amatriain melodramatisch und das Kollektiv mit Blicken an, die vom Himmel zu Boden gehen.

Nach so viel federleichtem Taumel endlich Kraft, Entladung, Schicksal: Vor allem die Männer der Kompanie tanzen Tetleys „Le Sacre“ als Erlösung vom schweren Leichten. Auch wenn niemand von ihnen Tetleys Stuttgarter Jahre nach Crankos Tod erlebte: Sein Werk steckt in dem Ensemble, allen ­voran in Alexander Zaitsev. Mit der Geschmeidigkeit und Kraft einer Raubkatze wirft er sich in die Rolle des Frühlingsopfers. Das führt zu Gänsehaut, später zu Ovationen im Stehen. Die gelten auch Anna Osadcenko, Jason Reilly und dem bei aller rhythmischen ­Dynamik sehr farbig aufspielenden Orchester unter Leitung des in Leningrad geborenen Mikhail Agrest. Wie Balanchine, Strawinsky und der russischstämmige Robbins machte auch er in den USA Karriere.

Weitere Vorstellungen sind am 24. April, ­am 18., 19., 23., 25. und 29. Mai sowie am 13., 16. und 21. Juni. Karten gibt es unter 07 11 / 20 20 90.

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