Stuttgarter Ausstatterin Katharina Schlipf Bühnenmagie mit Akribie

Von Ulla Hanselmann 

So kreativ wie hartnäckig: Katharina Schlipf Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky
So kreativ wie hartnäckig: Katharina SchlipfFoto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Am Sonntag feiert im Stuttgarter Opernhaus die Oper „Der Tod in Venedig“ Premiere. Bühnenbild und Kostüme hat Katharina Schlipf entworfen. Mit ihren entwaffnenden Entwürfen begeistert sie das Publikum.

Stuttgart - Manchmal stößt der Rechercheeifer von Katharina Schlipf auf unüberwindbare Barrieren. Im Herbst 2015 war sie zusammen mit dem Choreografen und Regisseur Demis Volpi nach Venedig gereist. Eines ihrer Ziele: das Grand Hotel des Bains am Lido, das Thomas Mann 1911 zu seiner Novelle „Der Tod in Venedig“ inspirierte. Doch der einstige Prachtbau war geschlossen, von einem Bauzaun abgeschirmt. „Wir haben zwar versucht, irgendwie hinter die Absperrung zu kommen, aber das hat nicht geklappt“, erzählt Katharina Schlipf. Auf dem Rückweg wandelte sich ihre Recherchereise für die auf der Novelle basierende Benjamin-Britten-Oper noch unverhofft zum Abenteuer: „Wir sind im großen Flüchtlingsstrom stecken geblieben und mussten in Österreich eine Nacht auf einem Bahnhof verbringen.“

Originalschauplätze – falls vorhanden – erkunden, Architektur, Landschaften, Geräusche, Licht, Stimmungen, Geschichten aufsaugen: Das ist eines der Arbeitsprinzipien, die der Stuttgarter Ausstatterin helfen, zu ihren immer wieder entwaffnenden Bühnen- und Kostümentwürfen zu finden, die ihr 2015 den Rotary-Kunst-Preis ihrer Heimatstadt Rottweil einbrachten.

Für das Handlungsballett „Krabat“ etwa besichtigte sie im Siebenmühlental mehrere historische Mühlen, dabei fielen ihr die Mehlsäcke ins Auge – und die zentrale bühnenbildnerische Idee für Demis Volpis Ballettversion war geboren: Hunderte Säcke, zu einer monumentalen Mauer aufgetürmt, welche die Mühle zum Gefängnis macht, am Ende dank des Freiheitsdrangs der Zauberlehrlinge jedoch einbricht; Schlipf übersetzte so den zentralen Antagonismus des Otfried-Preußler-Stoffs in ein magisches Bild.

Magisch: ihr Bühnenbild für das Jugendballett „Krabat“

Das Jugendballett „Krabat“, das sich in Stuttgart zum Publikumsrenner entwickelte, ragt als Leuchtturm nicht nur aus Schlipfs Werkliste heraus, auch für Volpi war es der Durchbruch: Er wurde nach der Uraufführung 2013 zum Hauschoreografen ernannt. Beide verbindet eine enge künstlerische Partnerschaft, die schon 2010 mit dem „Karneval der Tiere“ für das Stuttgarter Ballett begann. Seither ist Schlipf bei sämtlichen Volpi-Produktionen als Kostüm- und Bühnenbildnerin mit im Boot, in Stuttgart zuletzt beim Handlungsballett „Salome“, aber auch jenseits der Stadtgrenzen, etwa bei Jommellis Oper „Fetonte“, die der Argentinier 2014 zu den Winterschlossfestspielen Schwetzingen beisteuerte, oder beim Ballett „Nussknacker“, das er 2016 für das Ballet Vlaanderen in Antwerpen kreierte.

Neben Volpi arbeitet Schlipf auch regelmäßig mit der Berliner Opernregisseurin Lydia Steier zusammen. An beiden schätze sie, dass sie ihr viel Freiraum ließen. Demis Volpi, sagt sie, lasse sich auf ihre Ideen und Impulse ein, akzeptiere dabei auch tänzerische Beschränkungen, die manchmal ein Kostüm mit sich bringe: „Das ist nicht selbstverständlich bei einem Regisseur oder einem Choreografen.“

In der mit Spannung erwarteten „Tod in Venedig“-Inszenierung kombiniert Volpi die Gattungen Oper und Ballett; es ist nach Glucks „Orpheus und Eurydike“ vor acht Jahren erst das zweite Mal, dass die beiden Sparten in Stuttgart sich an eine Koproduktion wagen. Wenn sich also an diesem Sonntag der Vorhang endlich hebt, geht für die Ausstatterin ein nahezu zweijähriges Projekt zu Ende – so lange dauert es in der Regel von der ersten Lektüre des Textes, den umfangreichen Recherchen in Bibliotheken – „in der Stadtbibliothek kenne ich die Regale schon auswendig“ – bis zur Premiere.

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