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Stuttgart-West Schulschwänzer als Überfallkommando

Von Wolf-Dieter Obst 

 Foto: Piechowski
Foto: Piechowski

Fassungslosigkeit nach Raub auf Laden: Schwere Verletzungen des 78-jährigen Opfers kein Haftgrund.

Stuttgart - Fünf Jugendliche überfallen eine 78-Jährige in ihrem Tante-Emma-Laden. Die Frau wird geschlagen und getreten, obwohl sie völlig wehrlos ist. Die Polizei kann die jungen Räuber wenig später dingfest machen - doch sie bleiben auf freiem Fuß. Das löst Empörung aus.

"Wie geht es Ihrer Frau?" Die Stammkunden des kleinen Tante-Emma-Ladens geben sich die Türklinke in die Hand, um Karl-Ludwig Kanter am Tag nach dem Überfall ihre Betroffenheit zu bekunden. Als es passierte, am Dienstag um 8.40 Uhr in der Senefelderstraße im Stuttgarter Westen, war der 76-Jährige unterwegs bei Wareneinkäufen. Seine Frau, mit der er den Laden seit zwölf Jahren gemeinsam betreibt, war alleine zurückgeblieben. Und dann kamen fünf junge Burschen, 13, 14 und 15 Jahre alt. Ein brutales Überfallkommando. "Ganz schlecht geht's ihr", sagt Kanter, "ganz schlecht."

Die 78-jährige Renate Kanter ist inzwischen zu Hause, nach einem eintägigen Aufenthalt im Krankenhaus. Das linke Auge blau, das Gesicht blutunterlaufen, die Rippen geprellt. Noch schlimmer sind die seelischen Verletzungen. Auf ihre Tochter wirkt sie erstaunlich gefasst. Wann sie sich wieder in den Laden traut, ist unklar.

"Ich bin zutiefst empört"

Nach außen gibt sich Karl-Ludwig Kanter ruhig und gelassen, aber innerlich brodelt es. "Ich zeig' das nicht", sagt er, "aber ich bin zutiefst empört." Die Täter sind nicht mal eingesperrt, und das nach so einer Tat. Gezielt, rücksichtslos, professionell. "Alles wahrscheinlich nur aus Übermut, aus Dummheit", sagt der 76-Jährige.

Seine Frau hatte keine Chance. Das zeigt der Ablauf: Ein maskierter 14-Jähriger springt über den Tresen, reißt die Inhaberin zu Boden. Er schlägt mit Fäusten auf ihr Gesicht ein, tritt sie, als sie am Boden liegt. Das Schlimmste für das Opfer: Er hört nicht auf. Die Frau schreit vergebens, durchleidet Todesängste. Der junge Täter aber macht ungerührt weiter, fragt ungeduldig einen Komplizen: "Bist du endlich fertig?" Der macht sich an der Ladenkasse zu schaffen - doch die lässt sich nicht öffnen. Ein anderer packt größere Mengen Zigaretten in eine Sporttasche. Mit dieser Beute flüchten sie.

Glücklicherweise ist da eine junge Passantin. Die wird auf die Vorgänge aufmerksam, alarmiert die Polizei, kümmert sich um das verletzte Opfer. Die Polizei kann drei Täter in einem Hinterhof mit der Beute stellen, zwei weitere werden in einem nahegelegenen Schulkomplex festgenommen.

Warum geriet ausgerechnet dieser unscheinbare Laden ins Visier? "Reich wird man damit nicht", sagt Karl-Ludwig Kanter. Ein typischer Rentnerladen, sagt er, da sei nicht viel zu verdienen. "Aber was sollen wir zu Hause? Das Geschäft hält in Schwung." Kanter war schon immer Kaufmann, besaß einst fünf Drogerien, hatte bis zu elf Angestellte. Dann fuhr er alles zurück, es lohnte sich nicht mehr.

Die Täter waren nicht zum ersten Mal im Laden

Ende 1999 hatte er den Laden an der Senefelderstraße übernommen, früher war's ein Friseursalon, danach ein Geschäft für Friseurbedarf. Bis heute gibt es hier alles. Rasierwasser, Zeitschriften, Tabakwaren, Wasserkocher, Kaffeemaschine, Geschirr, Modeschmuck. Toto-Lotto. Goldankauf in Kommission. Partner von Versandhäusern für portofreie Lieferungen.

Die Täter waren nicht zum ersten Mal im Laden der Kanters. Es sind Schüler zweier nahegelegener Schulen. Erst letzte Woche waren sie dort aufgefallen. "Aufdringlich, frech, provozierend", erinnert sich Kanter. Ein 13-Jähriger habe Zigaretten kaufen wollen und ihn mit üblen Schimpfworten bedacht, als er keine bekam.

Die Jugendlichen haben türkische, tunesische, bosnische Wurzeln. Bisher sind sie polizeilich kaum aufgefallen. Einer hat zwei Ladendiebstähle auf dem Kerbholz, ein anderer eine Sachbeschädigung. Der mutmaßliche Schläger ist ein unbeschriebenes Blatt. Ein 14-jähriger Bosnier, der erst vor ein paar Monaten von seinen Eltern nach Deutschland geholt wurde. Am Morgen des Überfalls hatten die Burschen die Schule geschwänzt. Raub statt Sportunterricht.

Hinter Gitter landen sie aber nicht. "Für einen Haftbefehl ist Flucht- oder Verdunkelungsgefahr Voraussetzung", sagt Staatsanwältin Claudia Krauth. Oder die Gefahr einer Wiederholung. Aber eine entsprechende Raubkarriere sei nicht zu erkennen.

Doch werden Jugendliche von null auf hundert zu Gewalttätern? Kann ein 14-Jähriger tatsächlich nicht einschätzen, was es heißt, auf eine 78-Jährige mit Fäusten einzuschlagen? Wird der Ruf nach einem US-Strafrecht lauter, bei dem selbst Kinder lebenslang in Haft kommen können? Staatsanwältin Krauth bremst: "Diese Verdächtigen werden zwar nicht vorab in U-Haft genommen", sagt sie, "das heißt aber nicht, dass sie nicht ihre Strafe bekommen werden." Hinweise über Telefon 0711/ 8990- 5461.

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