Stuttgart Wasser muss in die Stadt

Von Roland Ostertag 

Seit den 1980er Jahren untersuchen Projekte der Architekturfakultäten der Universität Stuttgart und der Kunst­akademie Stuttgart die Möglichkeiten, die baden-württembergische Landeshauptstadt als Stadt am Fluss erlebbar zu machen. Jetzt ist es Zeit für einen neuen Anlauf.

Stadtwege – Wasserwege

Viele Städte wurden an einem Fluss gegründet: London an der Themse, München an der Isar, Frankfurt am Main, Köln am Rhein, Dresden an der Elbe, Ulm an der Donau, Heidelberg, Heilbronn, Tübingen am Neckar, Stuttgart am Nesenbach. Doch der Talkessel, in dem die Stadt gegründet wurde, war eine Wasser-, eine Seen-, eine Auen-Landschaft, von einer Vielzahl von Bachläufen durchflossen. Dies blieb so bis in die gewachsene Residenzstadt des 19. Jahrhunderts. Die Gewässer hatten ihren Ausgangs­punkt in den umgebenden Tälern, Klingen, Quellen und mündeten mit dem Hauptbach, dem Nesenbach, über die einzige Talöffnung in den Strom der Schwaben, den Neckar.

Wasser transportiert Abfall

Die vielen offenen Bäche, Seen, Brücken prägten die Atmosphäre, den Charakter, das Klima der Stadt und damit das Leben ihrer Bürger. Dann wurden sie zum Transport von Waren, Menschen, zum Betrieb von Gewerbe, zum Abtransport von ­Abfall, menschlichen Hinterlassenschaften, zur Entsorgung benutzt. Die Wasseradern wurden zur Cloaca maxima Stuttgarts. Als solche wurde das Wasser ob des Gestanks und des Raumbedarfs aus der Stadt verdrängt, verdolt, im Untergrund versteckt. Das Wasser wurde buchstäblich aus dem Verkehr gezogen – 95 Prozent bis Ende des 19. Jahrhunderts. Auch ein Großteil der lebens- und liebenswürdigen Brunnen wurde stillgelegt .

Der Verlust

Neben üppigem Oberflächen- und Grundwasser verfügt Stuttgart nach Budapest über das größte Mineralwasservorkommen Europas. Stuttgart machte nichts aus diesen Schätzen. Mit dem sinnlich-sichtbaren Verlust des Wassers verlor die Stadt aber mehr als ein paar offene Bachläufe, sie verlor damit ihren Charakter, ihre Atmosphäre, Unverwechselbarkeit und Aufenthaltsqualität, ja einen Teil ihrer Identität. Die Stadt wurde ärmer. In Zeiten, in denen das Gesicht von Regionen und Städten austauschbar wird, wird dieser Verlust immer spürbarer. Viele Städte, vor allem in Frankreich ­(Bordeaux, Montpellier) versuchen diesem Mangel durch „Wasser in der Stadt“ ­abzuhelfen. Die auch dort verdolten Fluss- und Bachläufe werden geöffnet. Wichtig ist dabei die Umwandlung des schmutzigen Mischsystems in ein Trennsystem. dies bedeutet: Trennen des tieferliegenden Schmutzwassers vom sauberen Oberflächenwasser, das nun ­wieder sichtbar geführt wird.

Neue Hoffnungen

Auch in Stuttgart wird seit den 1980er Jahren über Idee „Stadt am Fluss“ diskutiert. 2001/2002 setzt ein von Architekturforum und Stadt Stuttgart gemeinsam durchgeführter Wettbewerb „Wasser in der Stadt“ Akzente. Vor allem aber in den Architekturfakultäten der Universität Stuttgart und der Kunstakademie Stuttgart wird weiter an dem Thema gearbeitet. Nun ist es an der Zeit, diese Ideen zu präzisieren und schrittweise zu realisieren.

Wie also kann das Element Wasser in Stuttgart wieder erlebbar werden? Das Abwassersystem Stuttgarts ist ein sogenanntes Mischsystem. Sämtliche Wasserarten, die Abwässer der Industrie ebenso wie die menschlichen Hinterlassenschaften, werden mit den sauberen Oberflächen-, Quell-, ­Regen- und Drainagewässern, die rund 30 Prozent der Gesamtabwässer ausmachen, im Hauptsammler vereinigt. Gemeint ist damit das Netz der historisch offenen Bäche. Über den Hauptsammler wird das Wasser im Untergrund den Kläranlagen zugeführt, dort gereinigt und in den Neckar eingeleitet. Stuttgart verfügt über ein enormes Potenzial, Stadtgeschichte wieder les- und sichtbar zu machen. Erster und wesentlicher Schritt bei diesem Thema muss sein, die 30 Prozent saubere Wässer sichtbar zu machen und nicht mit dem Schmutzwasser zu mischen. Die Aufgabe heißt, aus dem Misch­system ein „modifiziertes Mischsystem“, ein Trennsystem, zu machen.

Das Wasser kehrt zurück

Die befreiten Oberflächenwässer können durch zusätzliche natürliche Zuflüsse, Aktivierung von Quellen, Grundwasser, Nebenbächen und anderen ungenutzten sauberen Wässern verstärkt werden. Für dieses Wasser schlagen wir ein sichtbar durch die Stadt geführtes, eingebettetes Bachsystem vor – weitgehend dem Verlauf der früher natürlichen Bäche und Nebenbäche folgend, damit die historische Stadtstruktur wieder aufnehmend. Es geht darum, der Verarmung, der Verwechselbarkeit und der Erstarrung des Stadtbildes entgegenzuwirken. Sichtbar zur Freude, zum Erlebnis, aber auch zur ­Klimaverbesserung.

Mit dieser Arbeit stehen wir am Anfang einer Entwicklung. Wieder einmal, aber ­hoffentlich doch mit stärkerem Nachdruck. Nicht nur die neuen politischen Verhältnisse in Land und Stadt machen hier Hoffnung, sondern mehr noch das Interesse der Bürger an einer bewussten Weiterentwicklung ihrer Stadt.

Roland Ostertag lebt und arbeitet als Architekt in Stuttgart

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Weiers Weinlese Bohnen statt Trauben

Von 1. Mai 2016 - 17:10 Uhr

Winterwunderland – aber doch nicht mehr Ende April! Unser Weinkolumnist Michael Weier steht da als Hobbywinzer ganz auf der Seite seiner professionellen Kollegen: Diese Kälte hätte nun wirklich nicht gebraucht. Selbst die Kohlrabi, die der Journalist angesichts zu erwartender geringer Traubenernte gepflanzt hat, könnten unter der Kälte leiden!