Stuttgart von oben – Ostfilderfriedhof in Sillenbuch Der jüngste Friedhof im Stadtbezirk

Von Caroline Holowiecki 

Wo im Jahr 1955 noch viele Stückle zu sehen sind, befindet sich heute der Ostfilderfriedhof. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec
Wo im Jahr 1955 noch viele Stückle zu sehen sind, befindet sich heute der Ostfilderfriedhof. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

Der Ostfilderfriedhof ist ein Youngster unter seinesgleichen in Stuttgart-Sillenbuch. Er wurde erst in den 60er Jahren angelegt. Um den Namen wurde damals heftig gerungen. In unserer Luftbildserie „Stuttgart von oben“ erklären wir, warum.

Sillenbuch - Der Ostfilderfriedhof ist ein Youngster. Während die Grabfelder in Alt-Heumaden, Riedenberg und Alt-Sillenbuch aus der Zeit zwischen 1868 und 1880 datieren, entstand der Friedhof am U-Bahn-Stopp „Schemppstraße“ erst zwischen 1965 und 1968, die Gebäude noch später. Dementsprechend dünn ist die Mappe beim Garten-, Friedhofs- und Forstamt. Doch die wenigen Papiere belegen: Bis die Ruhestätte zur Ruhe kam, schwelte ein zehnjähriger Streit um ihren Namen.

Zank um den Namen des neuen Friedhofs

Kritik vonseiten der Bürger setzte es bereits kurz nach der Fertigstellung. Der Friedhof sei streng genommen im Norden der Filderebene, wurde moniert, wenngleich das Nachrichtenamt konterte, dass das Gelände innerhalb der Stuttgarter Markungsgrenze im Gebiet der Ostfilder liege. Selbst der damalige Finanzbürgermeister stellte fest, dass der Name ungenau sei. „Ich finde die Bezeichnung aber auch unschön“, urteilte er 1969 in einem Schrieb an die Allgemeine Verwaltung. „Neuer Friedhof Sillenbuch“, „Friedhof Sillenbuch-Ost“ oder gar „Friedhof Sillenbuch-Heumaden-Riedenberg“ wiederum fielen bei Prüfungen durch. Und dann noch das: Nach der Gemeindereform 1975 gab es plötzlich ein Ostfildern ums Eck. Wieder kursierten Alternativen, Höhenring- oder Rankelenfriedhof, nach der Straße daneben beziehungsweise dem Gewann. Ein Hickhack, das dem damaligen Bezirksvorsteher Erich Klein offenbar missfiel. In den Unterlagen wird er in einer Notiz vom April 1976 mit „Lasset doch den Namen“ zitiert. Ende Juli 1979 setzte der Bezirksbeirat dem Zank ein Ende und votierte mehrheitlich dafür, beim Namen zu bleiben, den ohnehin schon alle benutzten.

Auf dem Friedhof gibt es 100 Nistkästen

Für Auswärtige ist und bleibt er aber verwirrend. „Wir haben immer wieder Anfragen von Verwandten, die ihre Angehörigen in Ostfildern suchen“, sagt Maurus Baldermann vom Friedhofsamt. Wer es aber findet, erfreut sich am parkähnlichen Gelände, auf dem, dank dem Obst- und Gartenbauverein, außergewöhnlich viele Vogelarten aus 100 Nistkästen pfeifen. 32 hat der clubeigene Arbeitskreis in den „Bäumen erster Ordnung“, wie es in Behördendeutsch heißt – Eichen, Hainbuchen, Kiefern, Linden – ausgemacht, von der Wacholderdrossel bis zum Halsbandschnäpper.

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Nicht nur idyllisch sind die 7,4 Hektar, auch Prominente habe ihre letzte Ruhe dort gefunden, OB Manfred Rommel etwa oder der Bienzle-Mime Dietz-Werner Steck. Das RAF-Opfer Hanns-Martin Schleyer ist hier ebenso bestattet. „Da war die Hölle los, da hat man sich beim Blumengießen ausweisen müssen“, erinnert sich der Anwohner Horst Beißwenger (80).

160 Beerdigungen finden pro Jahr im Mittel statt. Die allererste war die von Gertrud Mötsch am 9. Dezember 1968. Abteilung 20, Reihe 1, Grab 1. „Das erste Grab ist immer erhaltenswert und so etwas wie der Grundstein für einen Friedhof“, sagt Maurus Baldermann. Horst Beißwenger erinnert sich, der Witwer habe unbedingt gewollt, dass seine Frau auf dem Ostfilderfriedhof bestattet wird. „Ich weiß, dass Herr Mötsch sich durchgesetzt hat, dass der Friedhof eröffnet wird.“ Er muss schmunzeln. Sein Vater habe sich damals gewünscht, der Erste auf dem Friedhof zu sein, dem er beim Entstehen zuschauen konnte. Seines ist das siebte Grab.

Zunächst hätten viele den Bau des Friedhofs bedauert

Almut Holtermann, eine gebürtige Sillenbucherin, hat noch lebhafte Erinnerungen an die Zeit vor dem Bau. Mit ihrem späteren Gatten Karl machte sie als junges Ding gern Spaziergänge über den schmalen Schotterweg zwischen Feldern. „Dort waren viele Stückle durch die Erbteilung nur schmale Streifen. Die Leute hatten dort Gärten.“ Die bald 80-Jährige erinnert sich an ein prächtiges Petersilienbeet, an Beeren, an Salat und Kohlrabi, „das war so nett. Jeder hat was anderes gemacht“. Und plötzlich kam dann dieser Friedhof, sagt sie. Das hätten alle zunächst bedauert.

Heute aber führt eine beliebte Spazierstrecke mittendurch, die Bänke sind oft besetzt. Auch Holtermann bewundert oft die hohen Bäume, die sich, so findet sie, wie in einer Kathedrale über den Mittelweg beugen. Das Ehepaar Beißwenger dreht ebenfalls gern Runden unter diesen Bäumen, die Ende der 60er kaum größer als Büsche gewesen seien. „Wir laufen furchtbar gern drüber, das ist fast wie eine Gartenschau“, schwärmt Horst Beißwenger. Durch den breiten Weg sei es nicht so düster, findet seine Frau Waltraud (77). Auch die Eheleute möchten auf dem Ostfilderfriedhof begraben werden, sagen sie unumwunden, neben den Eltern Horst Beißwengers. Der erklärt: „Wir sind zwar beide gebürtig aus Bad Cannstatt, aber hatten hier von 1964 an unseren Lebensmittelpunkt. Hier sind wir getraut worden, die Kinder konfirmiert. Man ist schon verbunden.“

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Redaktion Sillenbuch

Ansprechpartnerinnen
Judith A. Sägesser und Eveline Blohmer
sillenbuch@stz.zgs.de

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