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Stuttgart Rotlichtviertel macht auf bürgerlich

Von Eva Funke 

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m Rotlichtviertel     gibt es demnächst nicht nur schnellen Sex, sondern spanische Delikatessen, gesundes Essen und   Mode Foto: Lichtgut/Horst Rudel
I m Rotlichtviertel gibt es demnächst nicht nur schnellen Sex, sondern spanische Delikatessen, gesundes Essen und ModeFoto: Lichtgut/Horst Rudel

Im Frühjahr sollen im Leonhardsviertel in Stuttgart drei Geschäfte neu eröffnen, in denen es nicht um Sex geht. Die Hoffnung der Anwohner: dass das Viertel dadurch aufgewertet wird. Dort blüht das Geschäft mit der käuflichen Liebe nach wie vor.

Stuttgart - Ein frischer Wind weht durchs Leonhards- und angrenzendes Bohnenviertel. „Das wird auch Zeit“, sagt Veronika Kienzle. Die Bezirksvorsteherin Stuttgart-Mitte macht sich seit Jahren stark gegen ein Ausufern der Prostitution im Stuttgarter Rotlichtviertel. Drei Neueröffnungen sollen von Frühjahr an dem Quartier, so Kienzle, ein „Tagesgesicht“geben. Wenn’s klappt, will noch in dieser Woche Javier Sanz, der mit einem Stand in der Markthalle vertreten ist, am Leonhardsplatz 22 Delikatessen, Tapas und Wein anbieten. „Das Viertel hat was“, ist er überzeugt. Ein paar Häuser weiter, am Leonhardsplatz 18, eröffnet das Start-up-Unternehmen „Wieder belebt“, wo aus alten Stoffen Mode geschneidert wird. Und Andreas „Bär“ Läsker, Manager der Stuttgarter Hip-Hop-Gruppe Die Fantastischen Vier, eröffnet mit „Xond“ am Leonhardsplatz 31 einen veganen Fastfood-Imbiss. „Das Viertel ist urbaner als die Theodor-Heuss-Straße. Außerdem schadet ein bisschen Verruchtheit nicht“, sagt Läsker.

Disziplinierung greift

Die Neueröffnungen sollen das Viertel ganz ohne Sex sexy machen. Gegen das Geschäft mit der käuflichen Liebe, vor allem auf dem Straßenstrich, liefen die Anwohner noch im vergangenen Jahr Sturm. Völlig verschwunden ist der Straßenstrich nicht. „In der Lazarettstraße beim Maxim stehen noch Prostituierte“, stellt Kienzle fest. Doch beim Hotel Türmle spielt sich die Anbahnung der Sex-Geschäfte nicht mehr vor , sondern hinter der Tür des Etablissements ab. „Unsere Disziplinierungsmaßnahmen haben Erfolg“, sagt Hermann Karpf, Sprecher von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU). Mit Disziplinierungsmaßnahmen meint er: Kontrollen und die Androhung des Entzugs der Gaststättenkonzession, falls die Prostituierten, die sich dort eingemietet haben, auf der Straße anschaffen.

Laut städtischem Baurechtsamt hat sich auch die Zahl der Bordelle in der jüngsten Vergangenheit von rund zwei auf ein Dutzend reduziert. Zwei mussten vergangenes Jahr schließen. Den Betreibern weiterer sieben Laufhäuser wurde die Nutzung untersagt, oder es wurden Bauanträge abgelehnt. Gegen beide Schritte haben die Betreiber Widerspruch beziehungsweise Klage eingereicht. Das Maxim in der Katharinenstraße, eines der ältesten Bordelle im Viertel, hat ebenfalls Post vom Baurechtsamt erhalten. Darin erklärt das Amt, dass es beabsichtigt, die Nutzung als Bordell zu untersagen. Das Maxim schien vor einem solchen Zugriff sicher, weil es bereits vor Inkrafttreten der ersten Vergnügungsstättensatzung 1985 in Betrieb war und das Regierungspräsidium 2011 deshalb Bedenken gegen eine Nutzungsuntersagung erhoben hatte. Jetzt greift das Baurechtsamt den Fall neu auf, da die Situation ähnlich sei wie beim Eros in der Weberstraße. Dort ist das Regierungspräsidium der Auffassung des Baurechtsamts gefolgt. „Es gibt in dem Bereich kein einziges legales Bordell, da eine solche Nutzung auch vor mehr als 30 Jahren hätte genehmigt werden müssen“, ist Amtsleiterin Kirsten Rickes überzeugt. Beim Drei-Farben-Haus hinterm Rathaus liegt der Fall ihrer Meinung nach anders. Das sei zwar nur als „Dirnenwohnheim“, in den 50er Jahren genehmigt worden. Doch sei dem Gemeinderat klar gewesen, dass das Haus ein Bordell ist, und er hat das akzeptiert.

Stadt will Präzedenzfall schaffen

Die Bordellbetreiber gehen davon aus, dass mit der Nutzungsuntersagung fürs Eros und eventuell fürs Maxim Präzedenzfälle geschaffen werden sollen. „Falls die Stadt den Rechtsstreit gewinnt, werden auch die anderen die Nutzung untersagt und dann von den Gerichten entschieden“, meint einer. Das Baurechtsamt bestätigt dies. Nicht geklärt ist allerdings die Frage, wohin die Bordelle ausweichen sollen. Dazu äußern sich derzeit weder das zuständige Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung noch Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Die neue Vergnügungsstättensatzung, die Klarheit bringen soll, wird derzeit im Stadtplanungsamt ausgearbeitet und soll vor den Sommerferien dem Gemeinderat vorgelegt werden. Untersagt ist der Bordellbetrieb im gesamten Stadtgebiet – mit Ausnahme der Innenstadt zwischen Bahnhof und Paulinenstraße. Allerdings dürfen nur 30 Prozent der Gebäude als Bordell betrieben werden. „Damit wird der Bordellbetrieb unattraktiver“, sagt Rickes. In den Geschäften, die demnächst aufmachen, hängen derweil schon Plakate, die auf die Neueröffnung hinweisen

Am Montag, 14 März, geht es um 18 Uhr im Bezirksbeirat Mitte im Rathaus ums Leonhardsviertel. Die Stuttgarter Wohnungsbaugesellschaft SWSG stellt ihre Aktivitäten dort vor

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