Stuttgart-Roman von Michael Basse Dreckig genug, um glücklich zu sein

Von Heidemarie A. Hechtel 

Der Autor Michael Basse Foto: Basse Foto: Basse
Der Autor Michael Basse Foto: Basse

Stuttgart und die schwäbische Provinz, vor allem Maulbronn, sind die Schauplätze des Romans „Amerikanische Zone“ von Michael Basse. Es sind die entscheidenden Stationen auf dem Weg zum Erwachsenwerden des Autors, der die autobiografische Geschichte seines amerikanischen Traums erzählt.

Stuttgart/München - Keine falschen Erwartungen: Michael Basse (59), der als Achtjähriger nach Stuttgart kam, hat keinen Heimatroman geschrieben. Obwohl der hiesige Leser vertrauten Namen und Orten begegnet: den Schulen wie dem Eberhard-Ludwigs- und Karls-Gymnasium, die Basse besuchte, der Kneipe Andechser, in deren Hinterzimmer Fremdenlegionäre den Schülern ein Bier bezahlten, wenn sie es auf ex kippten, den Hotels Graf Zeppelin und Ketterer oder den Vereinigten Hüttenwerken, dem Konglomerat aus Bars und Nachtlokalen auf dem ehemaligen Ruinengrundstück zwischen Hauptstätter und Eberhardstraße. Und natürlich den Barracks des US-Militärs, denn Stuttgart ist gewissermaßen immer noch amerikanische Zone.

Aber es sind Momentaufnahmen. Aus einer Heimat auf Zeit. Basse will eine andere Geschichte erzählen.

Wir treffen den Autor in München, wo er seit Langem mit seiner Frau lebt. Sein Alter Ego im Roman ist Mani Zeiss, der mit 17 als Seminarist in das traditionelle Klosterinternat nach Maulbronn kommt. Nach blauen Briefen wegen schlechten Betragens schon in der Grundschule und wegen politischer Agitation in den beiden Gymnasien zuvor. Denn Basse war ein Unangepasster, ein Widerständiger, der sich das Peace-Symbol auf den Parka nähte und mit den linken Genossen keine Demo gegen den Vietnamkrieg ausließ. „Hinter dicken Klostermauern glaubten die Eltern ihren renitenten Sprössling rund um die Uhr überwacht“, erinnert sich im Roman der erwachsene Mani und deutet an, was Basse bestätigt: eine konfliktreiche Kindheit und Jugend im evangelischen Pfarrhaus. Mit Schlägen und Prügeln vom Vater, mit pietistischer Unerbittlichkeit von der Mutter. „Ich bin bis heute enterbt“, erzählt Basse freimütig. Warum? „Weil ich damals in die DKP (Deutsche Kommunistische Partei) eingetreten bin. Vorher war ich Maoist. Und jetzt bin ich ein heimatloser Linker“, sagt er mit einem Lachen.

Stuttgarts Glück mit den Amerikanern

In Maulbronn findet er, alias Mani, ein neues Zuhause, das für ihn wie eine Offenbarung ist: Hard man’s guest house, das Haus des pensionierten US-Berufssoldaten Lieutnant Colonel Rossa Raymond Hartmann, genannt Old Chop. Der hatte ein Mädchen aus Mühlacker geheiratet, war inzwischen Witwer und führte Anfang der 1970er Jahre in Maulbronn ein fideles Haus, in dem sein Sohn Jack und dessen Freunde am Wochenende Karten spielten, Whiskey tranken, amerikanische Filme sahen und den American Way of Life genossen. Die einzige Regel hieß: Our house is clean enough to be healthy but dirty enough to be happy in. (Unser Haus ist sauber genug, um gesund zu sein, und dreckig genug, um darin glücklich zu sein.) Und das im Land der Kehrwoche.

Amerika! Wer es vergessen hat, wird hier daran erinnert: Das war im Nachkriegsdeutschland der Inbegriff von Freiheit. Und Stuttgart habe Glück gehabt, dass es an die Amis fiel, heißt es im Roman.

Selbstbewusst verkündet der Ltd. Colonel, dass „noch immer in jedem ein Amerikaner steckt, der rauswill, er weiß es nur noch nicht“. Für Mani, aufgenommen wie der zweite Sohn, wird der Satz zum Credo.

Ein Entwicklungsroman, heute Coming of Age genannt, in dem Basse packend, durch die Ich-Form sehr lebendig und direkt von vier Protagonisten, deren Leben mit dem Colonel verknüpft ist, die Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen lässt. Mit vielen englischen, aber auch treffsicheren schwäbischen Passagen. Ein authentisches und historisch sehr genaues Zeitkolorit für die Jahre von 1944 bis 2003.

„Aber nur drei Figuren in diesem Buch sind real“, gibt Basse preis: der Colonel, sein Sohn und Mani. Die anderen wie die Solitude-Stipendiatin Lydia aus Bukarest mit dunkler Vergangenheit und geheimnisvollem Doppelleben seien fiktiv. Auch die Mädchen, mit denen Mani seine ersten sexuellen Erfahrungen erlebt? „Fiktiv“, wehrt Basse indiskrete Nachfragen ab.

Seine Freundschaft mit dem Colonel, einem 150-prozentigen Offizier, der an allen Fronten kämpfte, zerbricht irgendwann. Weil Mani immer in der Wunde Vietnam bohrt und weil er sich als Kriegsdienstverweigerer – wenn auch abgelehnter – outet. Und die Freundschaft zu Jack? „Auch unsere Wege haben sich irgendwann getrennt“, sagt Michael Basse.

40 Absagen von Verlagen

Den Anstoß zu diesem Buch habe sein erster Besuch in den Vereinigten Staaten vor einigen Jahren ausgelöst: „Da war keine Freiheit, ich fühlte mich total reglementiert.“ Denn ein Unangepasster ist er bis heute. Aber die Erinnerung wurde übermächtig.

Michael Basse arbeitete 23 Jahre lang als Kulturkritiker beim Bayerischen Rundfunk und ist seit 2015 als freier Autor tätig. Er verschweigt nicht, dass er diesen Roman 40 Verlagen andiente und – meist mit positiver Einschätzung – 40 Absagen erhielt. Trotz des lokalen Bezuges auch von Klett Cotta in Stuttgart. Da hat er den Roman selbst verlegt.

Zieht ihn noch etwas nach Stuttgart? Und wenn ja: was? „Das Leuze“, kommt es prompt. „Und die Maultaschen in der Weinstube Kiste.“ Die Entwicklung zum Genießer ist offenbar in Stuttgart doch nicht zu kurz gekommen.

Michael Basse: „Amerikanische Zone“, erschienen im Verlag Michael Basse, Rosenheimer Straße 92, 81669 München, michaelbasse@yahoo.de

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